Kritik zu Srbenka

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Spiegelungen sind intendiert in Nebojsa Slijepcevics Dokumentarfilm über die Entstehung eines Theaterstücks, das von der Ermordung eines serbischen Mädchens durch Kroaten handelt

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»Srbenka« ist ein heftiger Dokumentarfilm. Und das obwohl oder: gerade weil der kroatische Regisseur Nebojsa Slijepcevic die Perspektive wechselt. Der Film handelt von der Entstehung des Theaterstücks »Aleksandra Zec« von Oliver Frljic. Ein kontroverses Stück über die Tötung der serbischen Schülerin Aleksandra Zec während des Kroatienkriegs in Zagreb im Jahr 1991. Das Mädchen musste mit ansehen, wie eine Miliz den Vater erschießt, bevor sie und ihre Mutter in den Bergen erschossen wurden. Die Täter wurden nie verurteilt. Doch anstatt das drastische Geschehen auf der Theaterbühne zu zeigen, die lauten Probenszenen, fokussiert Slijepcevics Kamera immer wieder die Gesichter der Crewmitglieder vor und auf der Bühne: Wie aus Büchern können wir darin von den historischen Wunden lesen, die der Zerfall Jugoslawiens gerissen hat.

Knapp ein Vierteljahrhundert nach Beginn des Jugoslawienkriegs, im Jahr 2014, bringt der politische kroatische Theaterregisseur Oliver Frljic die Geschichte der Aleksandra Zec auf die Bühne. Bei den Proben stachelt er die Schauspielerinnen und Schauspieler an, er erzählt von eigenen schrecklichen Erfahrungen aus den Kriegen und sagt, er wolle sich schämen und verantwortlich fühlen: das Theater als Überwältigungsmaschine. Es ist ein Stück über eine Zeit des Umbruchs und des ­Chaos, voll blutiger Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kroaten. Die Traumata und Ressentiments wurden vielerorts nicht nur nicht überwunden, sondern an die Postkriegsgeneration weitervererbt.

»Srbenka« ist ein politischer Film, der nichts vereinfacht. In den emotional aufgeladenen Gesprächen zwischen Frljic und seiner Crew geht es auch um die Ambivalenzen des Stücks: auf der einen Seite die Gräuel gegen das serbische Mädchen, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind, auf der anderen die namenlosen getöteten Kroaten. Zur Premiere halten schweigende Demonstranten Schilder hoch, auf denen »86 Kinder aus Vukovar« und »Wann wird es ein Stück über kroatische Opfer geben?« steht.

Slijepcevic stellt dem radikalen, lauten Theaterstück einen leisen, eindringlichen Film gegenüber. Im Kern ist »Srbenka« eine Reflexion über Identität. »Bin ich Serbe, weil ich in einem Stück über die getötete Aleksandra spiele?«, fragt ein kroatischer Schauspieler. Slijepcevic filmt die Schauspieler während der Vorbereitungen in den Ankleideräumen durch Spiegel und beobachtet immer wieder, wie der Staub durch das Scheinwerferlicht tänzelt. Es ist der Staub nie aufgearbeiteter Zeiten. 

Als eine zentrale Figur entpuppt sich die zwölfjährige Nina, die für das Stück gecastet wird. Auf ihrem Gesicht scheint alle Last zu liegen. Sie selbst ist serbischer Herkunft, verheimlicht das aber aus Angst vor Diskriminierung vor ihren Klassenkameraden. Ihr Banknachbar, erzählt sie, sagt, »er würde alle Serben töten und ihre Kehlen mit seinen bloßen Zähnen rausreißen«. Sprachlosigkeit. Zur Premiere wird sie einen Schritt wagen, der hoffen lässt, vor dem sie ganz am Ende aber buchstäblich davonrennt.

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