Kritik zu Spielverderber

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Sind Fußballschiedsrichter Selbstdarsteller oder einfach nur ein notwendiges Übel? Georg Nonnenmachers und Henning Drechslers authentischer Dokumentarfilm kommt dem Wesen der Schiedsrichterei sehr nahe

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Drei Männer sitzen auf einer Bank, die Köpfe gesenkt, die Fingerspitzen zusammengeführt. Beten sie? Oder ist es nur ein Moment der äußersten Konzentration? Wenige Minuten später stehen Herbert Fandel, Carsten Kadach und Volker Wezel inmitten eines infernalischen Lärms: im Dortmunder Westfalenstadion, dem größten Stadion Deutschlands, vor 80.000 Menschen bei der Partie zwischen Borussia und Hertha BSC.

Die Gilde der Schiedsrichter bildet ein eigenes System innerhalb des Systems Fußball. Nach außen scheinbar abgeschlossen, eigenen Gesetzmäßigkeiten unterworfen, von den Fans nie geliebt, oft beschimpft und nicht selten gehasst. Was treibt diese Menschen an? Ist es Geltungssucht, wie oft unterstellt wird? Sind sie »Spielverderber«, wie es der Titel von Georg Nonnenmachers und Henning Drechslers Dokumentarfilm provozierend suggeriert? Ohne allzu dezidiert auf diese Fragen zu antworten, kommt der Film dem, was ein Schiedsrichterleben ausmacht, sehr nahe.

Drei Protagonisten spürt er nach; es bedarf keines Kommentars aus dem Off, ganz nah zoomt die Kamera an die Gesichter heran, das genügt oft schon. Herbert Fandel ist heute Deutschlands Referee Nummer eins; zum Zeitpunkt der Dreharbeiten galt noch Markus Merk als bester deutscher Schiedsrichter; Fandel bangte um seine Nominierung zur Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land – eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Oreste Steiner, Jahrgang 1935, ist geborener Schweizer, lebt in Essen und übt das Schiedsrichteramt seit mehr als fünfzig Jahren aus. Kevin Prösdorf schließlich ist 14 Jahre alt. »Spielverderber« begleitet seinen Weg vom Neulingslehrgang hin zu seinen ersten Einsätzen.

Jeder der Handlungsstränge hat Erkenntnischarakter, ohne dass sich daraus ein ganzheitliches Bild ergeben könnte: Steiner, der im Ruhrgebiet Rumpelfußballspiele leitet, gibt unumwunden zu, dass bei ihm schon einmal hingetreten, aber nicht reklamiert werden dürfe. Der hypernervöse Kevin hält den achtjährigen E-Jugendlichen vor seinem ersten Spiel im Mittelkreis eine befremdlich autoritäre Ansprache. Und dann der in seinem Mienenspiel stets beherrschte Herbert Fandel, der die Anspannung vor dem Match mit der vor einem Auftritt vergleicht, und bekennt, nach dem legendären Spiel 1999, als er vier Spieler des SSV Ulm vom Platz stellte, heulend eine Fensterscheibe in der Kabine zertrümmert zu haben. Der wusste, dass man so etwas nicht sehen will, und trotzdem sicher war, keine andere Wahl zu haben.

Warum tut man all das? Warum tut man es sich an? Weil er seitdem in der Klasse nicht immer der Dumme sei, sagt Kevin. Weil es nach wie vor Spaß mache, sagt Oreste Steiner. Die Unmöglichkeit, einem Außenstehenden zu erklären, worin dieser Spaß besteht – diesen Versuch unternimmt »Spielverderber« erst gar nicht. Doch etwas von der inneren und äußeren Notwendigkeit des Schiedsrichterdaseins transportiert der Film, weil er seinen Hauptdarstellern authentisch und fair begegnet. Und das ist mehr, als ein Schiedsrichter Woche für Woche erwarten darf.

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