Kritik zu Smalltown Girl

© Neue Visionen Filmverleih

2025
Original-Titel: 
Smalltown Girl
Filmstart in Deutschland: 
15.01.2026
L: 
122 Min
FSK: 
Ohne Angabe

In der ersten Hälfte wildes, durchgehend einfallsreich und stylisch ausgestattetes Debüt, dessen Haltung und Erzählstruktur unausgegoren bleiben

Bewertung: 3
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Zwei Freundinnen sitzen in einer schicken Wohnung am Frühstückstisch. Ein junger Mann kommt dazu. Die Frau, die nicht mit ihm geschlafen hat, fragt ihn, ob er Kaffee möchte. Die andere, die ihn als One-Night-Stand mitgenommen hat, erwidert lächelnd, aber ziemlich bestimmt, er hätte auch Kaffee bei sich zu Hause, und er zieht verdattert ab.

Regisseurin Hille Norden erzählt die Geschichte dieser ungleichen Freundinnen: Nore (Dana Herfurth) ist flamboyant, promiskuitiv und sieht in ihren maßgeschneiderten Kleidern einfach in jeder Einstellung phänomenal aus. Davon fühlt sich Jonna (Luna Jordan aus »Dead Girls Dancing«) magisch angezogen. Eines Abends in einer Bar sucht Nore nach einem Abenteuer und einem Schlafplatz. Jonna rettet sie vor einem mittelmäßigen Verehrer und bietet ihr an, bei sich zu übernachten. In ihrer Wohnung angekommen, weiß Jonna allerdings nicht so richtig, was sie mit der Femme fatale anfangen soll. Will sie mit ihr schlafen oder ihre neue beste Freundin werden? Kurz entschlossen fragt sie Nore, ob sie bei ihr einziehen möchte. Fortan wird in der WG ziemlich viel gevögelt und auch mal der Liebhaber getauscht. Erst als Jonna Michel kennenlernt, beginnt sich die Dynamik zu verändern. Jonna und Michel werden ein Paar, und Nores Verhalten offenbart immer mehr selbstzerstörerische Züge. Von Michel gedrängt, hinterfragt Jonna den Lebensstil, den Nore schon als 14-Jährige pflegte, und versucht gemeinsam mit ihr, früheren Traumata und missbräuchlichen Beziehungen auf den Grund zu gehen.

Norden legt nach zwei langen Dokumentarfilmen mit »Smalltown Girl« ihr autobiografisch inspiriertes Spielfilmdebüt vor. Die Ausstattung und Hanna Pulkkinens Kostüme verleihen dem Film einen stylischen, fantasievollen Look. Die Art, wie Nores Vergangenheitsbewältigung inszeniert wird, ist ebenso einfallsreich: Da stürzen Mauern zuerst kaum merklich ein, bevor Nore durch die aufgerissenen Wände hindurch ihre eigene Vergangenheit betritt. Dort begleitet sie eine jüngere Version ihrer selbst (Vera Fay) und zeigt Jonna und auch Michel, wie sie schon als Teenager erwachsene Männer verführt hat, die es besser hätten wissen müssen. Einige Episoden, in denen Nore ihr jüngeres Ich beobachtet, sind ziemlich verstörend. Insgesamt gelingt der erzählerische Spagat zwischen einem Plädoyer für weiblich selbstbestimmte Sexualität und Trauma­erforschung nicht ganz. Ärgerlich ist auch, dass es mit Michel, den Jakob Geßner gekonnt als ambivalenten Haudegen zwischen neuer Männlichkeit, Sensibilität und virilem Kraftprotz gibt, erst einen Mann braucht, der Jonna darauf hinweist, dass Nores Verhalten problematisch sein könnte.

Feiert »Smalltown Girl« Sexpositivity? Verurteilt er das Verhalten der Männer, die Nores jugendliche Naivität, sexuelle Experimentierfreude und Einsamkeit ausnutzen? So schön der Film anzusehen ist, so rauschhaft die erste Hälfte wirkt, so unklar bleibt er in seiner Haltung. Die am Ende plötzlich wieder aufploppende Rahmenhandlung ist dabei keine Hilfe, sondern lässt eher ratlos zurück.

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