Kritik zu Schellen-Ursli

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Xavier Koller (»Die schwarzen Brüder«) verfilmt das nach »Heidi« vielleicht bekannteste Schweizer Kinderbuch als märchenhaft-nostalgisches Bergdrama

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Ach, was muss die Zeit doch schön gewesen sein, damals, bevor es Autos gab, ehe Skitouristen die Berge eroberten und lange vor dem Klimawandel. Da konnte man sich noch auf verschneite Winter verlassen und darauf, dass es danach auch bald wieder Sommer wurde. »Schellen-Ursli« schwelgt in dieser für immer vergangenen Zeit. Urslis Familie lebt im Unterengadin, verbringt mit ihren Tieren den Sommer auf der Alp und produziert dort den besten Käse der Gegend. Beim Almabtrieb im Herbst stürzt unglücklicherweise ein Wagen in die Tiefe, und der größte Teil ihrer Produktion ist verloren. So wird der Winter unten im Ort mehr schlecht als recht überstanden, die Mutter geht in die Stadt zum Arbeiten, Vater und Sohn müssen darben. Der Zuschauer aber weiß, dass der reiche Ladenbesitzer des Dorfes die Käseräder aus dem Fluss gefischt hat und sie jetzt in seinem Laden verkauft...

Die Dorfgemeinschaft ist ebenso klar beschrieben wie das Wetter: Der Pfarrer ist gutmütig, der Postbote ein Trinker, der geldgierige Ladenbesitzer und sein Sohn sind beide rothaarig, dicklich und intrigant. Die Geschichte gehört zum Kanon der Schweizer Kinderliteratur und ist dort fast so populär wie »Heidi«, erschienen allerdings sehr viel später, im Jahr 1945. Der Ursli muss nicht nur sein geliebtes Zicklein abgeben, um die Schulden beim hinterlistigen Kaufmann zu begleichen, sondern er bekommt obendrein auch die kleinste Glocke für den Chalandamarz-Umzug, bei dem die Kinder am 1. März den Winter vertreiben. Diese Demütigung will er sich aber nicht gefallen lassen.

Mit »Die schwarzen Brüder« hat Xavier Koller schon einmal einen Schweizer Historienfilm mit Kindern im Zentrum gedreht. Hier wie dort ist ihm das Zeitkolorit glaubwürdig gelungen, die Charaktere aber sind ihm diesmal zu eindimensional geraten. Und in der Idealisierung der Natur geht er sogar so weit, dass der Wolf zum Freund des Jungen wird. Solch märchenhafte Anklänge des Films bedienen unsere Sehnsucht nach einem intakten Ökosystem, in dem Mensch und Tier miteinander harmonieren. Leider funktionieren diese Idyllen nur mehr in Filmen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ich kenne das Buch nur zu gut! Jeder Erwachsene und jedes Kind hat das Buch des Schellen Ursli im Bücherregal stehen! Ich kenne Alois Carigiet sehr gut von weiteren und anderen Malereien und Zeichnungen und sammle die Arbeiten von Alois Carigiet in einer kleinen privaten Kollektion. Ich empfehle jedem der sich für Schweizer Kunst und Alois Carigiet interessiert mal einen Blick aus dem Kinderbuch hinein in die Kollektion der Galerie Widmer (http://www.galeriewidmer.com) in St. Gallen zu werfen ... sehr spannend!

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