Kritik zu Scala Adieu – von Windeln verweht

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Der in Konstanz aufgewachsene Douglas Wolfsperger dokumentiert das Verschwinden eines Kinos in seiner Heimatstadt – und welche Emotionen an ihm hingen

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»Scala Filmpalast« steht in großen Buchstaben auf der Fassade, in Lettern, die nachts grün leuchten und denen man ansieht, dass sie aus den Fünfzigerjahren stammen. Das »Scala« auf der Marktstätte in Konstanz war ein Kino mit Tradition, 1938 ist es eröffnet worden, 2016 machte es dicht. Und 2017 ist eine Filiale der dm-Drogeriekette eingezogen. Was ein bisschen aberwitzig ist: Denn direkt gegenüber befindet sich schon eine Müller-Filiale.

Mit dem »Scala« aufgewachsen ist der in der Schweiz geborene und heute in Berlin lebende Douglas Wolfsperger; auch viele seiner Filme hatten dort ihre Premiere. Vielleicht erklärt diese persönliche Betroffenheit, dass Wolfsperger sich gern selbst ins Bild bringt, auf der Autofähre von Meersburg oder am Hafen. Über mehrere Jahre hat Wolfsperger die Auseinandersetzungen um das Kino dokumentiert, und er verschweigt nicht, dass es möglicherweise in seinen letzten Jahren nicht mehr ganz so gut lief.

Die Gemengelage rund um dieses Kino ist schwierig. Der Mietvertrag lief aus, ein neuer Investor pachtete das Gebäude, die neuen Mieten waren nicht mehr rentabel zu bewirtschaften. Die steigenden Mieten in den Innenstädten haben für viele Kinos schon das Aus bedeutet. Und aus der Grenzstadt Konstanz ist in den letzten Jahren ein Einkaufsparadies für Schweizer geworden, die viel Geld vor allem auch für Drogerieprodukte ausgeben. Fünf große Drogeriemärkte gibt es allein in der Konstanzer Innenstadt, Deutschlands »Windel-Hauptstadt«, wie Wolfsperger polemisch kommentiert; daraus erklärt sich der auf den ersten Blick nicht sehr hilfreiche Untertitel des Filmes. Und so wird Wolfspergers Film auch zum Dokument einer städtebaulichen Entwicklung, die sich ganz dem Kommerz verschrieben hat.

Aber an jedem Kino hängen Lebensgeschichten und Emotionen. Wolfsperger, der mit »Bellaria« (2002) schon einen Film zum Thema gedreht hat, spricht auch mit den Besucherinnen und Besuchern des Kinos. Eine von ihnen, Monika Riniker, geht so gut wie täglich ins Kino, ein anderer sagt: »Du möchtest ein Kino haben, dem du dich auch irgendwie anvertrauen kannst«. Aus ihren Kreisen formierte sich der Widerstand gegen die Schließung, der sich zum Beispiel in Demos mit Transparenten wie »Wim Wenders statt Pampers« artikulierte.

Wahrscheinlich wäre die Schließung des »Scala« nicht zu verhindern gewesen. Ein ganz normaler wirtschaftlicher Vorgang, auch baurechtlich alles in trockenen Tüchern. Aber das wirklich Bedrückende an diesem Film ist die kulturpolitische Ignoranz der Konstanzer Politiker, angefangen vom CDU-Oberbürgermeister Uli Burchardt bis hin zum Kulturbürgermeister Andreas Osner, der sogar die Proteste verteufelt. Da gibt es kein Wort des Verständnisses, keinen Hauch eines Bedauerns. Da kann der OB von der »schönsten Stadt der Welt« und nachhaltiger Entwicklung daher reden – man hat aber den Eindruck, dass er und seine Kollegen den Ausverkauf ihrer Stadt betreiben.

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Habe den film gerade gesehen und kann ihn wärmstens empfehlen. Kaufe jetzt auch nicht mehr bei DM.

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