Kritik zu Rachels Hochzeit

© Sony Pictures

2008
Original-Titel: 
Rachel Getting Married
Filmstart in Deutschland: 
02.04.2009
L: 
113 Min
FSK: 
12

Jonathan Demme wechselte zuletzt oft zwischen den Genres von Spiel- und Dokumentarfilm. Nun hat er ein Familiendrama gedreht, das den Stil einer Doku mit den Gefühlen eines Melos verbindet

Bewertung: 5
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Ganz unmittelbar klinkt sich der Film in seine Geschichte ein, mitten hinein in den Strudel der Gefühle, in die Dynamik der Familienbeziehungen, deren Magnetfeld die titelgebende Hochzeit ist. Und doch ist es nicht die Braut, auf die der erste Blick fällt, sondern ihre Schwester Kym, die aus diesem Anlass nach Hause kommt. Die Hochzeit mit ihren hektischen Vorbereitungen ist im Grunde nur ein Vorwand, um von einer anderen, lang zurückliegenden und doch noch schwelenden Geschichte zu erzählen, von einer Tragödie, die unter der Oberfläche fragiler Familienbeziehungen alles zu sprengen droht.

Während Kym also vor der Suchtklinik mit einem Jungen, offenbar einem Mitpatienten, und einer Krankenschwester auf einer Bank darauf wartet, von ihrer Familie abgeholt zu werden, fallen fast beiläufig die ersten Hinweise auf die Leerstelle, die in diesem Film einen ungeheuren Sog entwickeln wird, gibt es Andeutungen auf den Schmerz und die Trauer, gegen die sich das Hochzeitsglück immer wieder wird behaupten müssen. Von einem Autounfall ist da die Rede, von Drogensucht, Rückfällen – und von einem toten Kind. Nur ganz langsam wird im Folgenden aus diesen Bruchstücken die ganze Geschichte entstehen, die aus Rücksicht auf die Täterin und aus Trauer um das Opfer eigentlich niemand so recht aussprechen will.

Dem Anlass der Hochzeit entsprechend steigt Jonathan Demme im Stil eines Homemovies ins Geschehen ein, mit einer Handkamera, die ganz nah dran ist an den Menschen, von denen sie erzählt, die mit ihnen den Atem anhält, mit ihnen nervös zittert oder hektisch davonstürzt, so als würde sie ganz impulsiv auf das Geschehen reagieren, als wäre sie nicht Teil einer geplanten Inszenierung. Statt sich als Zuschauer eines Films zu fühlen, wird man auf diese Weise tatsächlich zum Gast einer Hochzeit. Kameramann Declan Quinn, der in Filmen wie »Monsoon Wedding«, »One Night Stand«, »Leaving Las Vegas« oder »28 Days Later« immer wieder ein seismographisch feines Gespür für erhitzte Leidenschaften und vibrierende Gefühle, für Schuld und Verzweiflung entwickelt hat, arbeitet da auf wunderbare Weise seinem Regisseur Jonathan Demme zu, dessen Sensibilität wiederum spürbar an einer Reihe von Dokumentarfilmen geschult ist, die er in den letzten Jahren gedreht hat.

Kym ist das schwarze Schaf der Familie, verkörpert wird sie von Anne Hathaway, die sich in Filmen wie »Plötzlich Prinzessin« oder »Der Teufel trägt Prada« aus einem grauen Kokon schälte, um als schillernder Schmetterling zu schlüpfen. Für Jonathan Demme hat sie nun den ganzen nichtig schönen Schein der Hollywood-Glamourwelten abgestreift, um sich in die Abgründe der menschlichen Psyche zu versenken. Dabei ist ihre Seele so widerspenstig aufgefranst wie die Spitzen ihrer Haare, die sich stachelig vom Nacken abspreizen, und ihre riesigen dunklen Augen werden im hellen Alabasterton ihres Teints zu offenen Wunden. Wenn Kate Winslet nach fünf Nominierungen nicht endlich fällig gewesen wäre, dann hätte unbedingt Anne Hathaway für diesen atemraubenden Balanceakt den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle bekommen müssen.

Die Familientragödie gleicht einer Wunde, die nur oberflächlich verheilt ist und jeden Moment wieder aufzureißen droht. Gerade weil alle verzweifelt um Normalität ringen, birgt jede banale Situation unerwartete Gefahren, beispielsweise in einer wunderbaren Szene in der Küche: Da drängen sich die Familienmitglieder um den Küchentisch, während der Vater der Braut und der Bräutigam am Geschirrspüler einen kindischen Wettkampf ums effiziente Beladen austragen. Alle sind zunächst ausgelassen und unbeschwert, sie lachen und feuern die Kontrahenten an. »Mehr Geschirr!«, ruft der Vater, und es werden Tellerstapel aus dem Schrank gereicht. Als darunter auf einmal ein Kinderteller zum Vorschein Vorschein kommt, blitzt jäh die Erinnerung an den toten Bruder auf, und in dem beklemmenden Schweigen werden all die unausgesprochenen Vorwürfe, das Ringen um Vergebung, das quälende schlechte Gewissen zum Anfassen greifbar.

Wie »Moonlight Mile«, wo Dustin Hoffman, Susan Sarandon und Jake Gyllenhaal ein skurriles Trauertrio bildeten, In The Bedroom, in dem Sissi Spacek und Tom Wilkinson sich auf makabre Weise in einen Racheakt hineinsteigerten, oder zuletzt Reservation Road mit Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo, umkreist nun auch »Rachel Getting Married« auf schmerzlich berührende Weise die Trauer um den Tod eines Kindes und die damit einhergehenden Eruptionen in ohnehin angeschlagenen Familienverhältnissen. Und während die einzelnen Familienmitglieder um eine Form ringen, die Vergangenheit und Zukunft versöhnt, liefert in »Rachels Hochzeit« die Band, die am Rande des Geschehens für die Feier probt, den passenden Soundtrack dazu – mit musikalischen Passagen, die sich nie zu einem ganzen Stück fügen, mit Tönen, die nie zu einer Harmonie finden, und dem wiederkehrenden sehnenden Heulen einer Violine.

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