Kritik zu Pieta

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2012
Original-Titel: 
Pieta
Filmstart in Deutschland: 
08.11.2012
L: 
104 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Drei Jahre lang galt Kim Ki-duk als verschwunden, bevor er letztes Jahr auf dem Festival in Cannes wieder auftauchte. In Venedig eroberte er nun den Goldenen Löwen – ein spektakuläres Comeback

Bewertung: 4
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Das Bild neben der Tür muss dran glauben. Jedes Mal, wenn Gang-do seine Wohnung verlässt, bohrt sich das rostige Messer in das Gesicht der Frau. Gang-do arbeitet als Geldeintreiber im Seouler Bezirk Cheonggyecheon. Die Metallwerkstätten in dem ehemaligen Arbeiterviertel waren einst die Wiege der Industrialisierung, sie legten nach Ende des Koreakrieges den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. Als die Schwerindustrie die Produktion übernahm, verfielen die Baracken, dafür erstrahlt heute ein paar Kilometer weiter das modernisierte Zentrum Cheonggyecheons in neuem Glanz. Die Menschen in den Hütten aber führen eine Existenz am Rande der Gesellschaft.

Pieta zeigt Gang-do als Parasiten, der noch von den Schwächsten zehrt. Seine Methoden sind in Cheonggyecheon berüchtigt. Wer das geschuldete Geld nicht aufbringen kann, kommt kurzerhand an seinem eigenen Arbeitsgerät zu Schaden. Die fällige Versicherungssumme begleicht die Schulden. Doch Geld interessiert ihn nicht, Gang-do erscheint als Sadist ohne Mitgefühl oder soziales Bewusstsein. Seinem jüngsten Opfer zermalmt er in einer Metallpresse die Arbeitshand, auch das Flehen der Ehefrau lässt ihn kalt. Die Werkstätten wirken wie archaische Folterkammern einer vergessenen Epoche.

Gang-do strahlt etwas Animalisches aus, wenn er sich über seine eben noch lebendige Nahrung hermacht oder das Bild der Frau traktiert. Der Schauspieler Lee Jung-jin verleiht ihm eine brutale physische Präsenz. In seinen kalten, leicht schwammigen Gesichtszügen mit den pointiert hervorstechenden Wangenknochen ist kaum eine emotionale Regung abzulesen.

Fast alle Filme Kim Ki-duks spielen in diesem moralfreien Raum, den der Regisseur als Allegorie auf die koreanische Gesellschaft verstanden wissen will: eine Sozialkritik, die die Grundfesten des zivilisatorischen Konsens infrage stellt. Und so grausam sich die Verhältnisse darstellen, so unerbittlich sind auch die Umstände, die seine Figuren schließlich zur Läuterung bewegen. In Pieta ist es, wie der Titel verrät, eine Mutterfigur, die nach dreißig Jahren in das Leben ihres Sohnes zurückkehrt.

Die Frau steht eines Tages vor Gang-dos Tür und behauptet, seine Mutter zu sein. Der Junge hat nur Verachtung für sie übrig. Mit spürbarer Lust denkt er sich immer neue Demütigungen aus, um die vermeintliche Mutter zu erniedrigen. Die gibt nicht nach, lässt jede Erniedrigung mit Tränen in den Augen über sich ergehen. Sie scheint ihm ihre Liebe förmlich aufzwingen zu wollen, wenn sie ihrem Sohn, sichtlich widerwillig, einmal sogar unter der Bettdecke einen runterholt. Kim Ki-duk beschreibt die ungleiche Beziehung mit zunehmend drastischen Bildern, doch Gang-do scheint in seiner Allmacht über die Frau regelrecht aufzublühen. Sie weckt schließlich ungeahnte Gefühle in ihm. Je mehr sich die Frau in,seine Abhängigkeit begibt, desto stärker wächst sein Mitgefühl. Er fügt sich in die Rolle des Sohnes, der er niemals sein durfte. Und ohne dass er es bemerkt, beginnt das Kräfteverhältnis zwischen den beiden zu kippen.

Die Pieta, ein zentrales Motiv der christlichen Kulturgeschichte, erfährt bei Kim Kiduk eine wesentliche Umdeutung. Die Liebe der Mutter zu ihrem Kind ist von Gewalt und Demütigung gezeichnet. Die Verbindung von christlicher Ikonografie und Arbeiterklassemilieu erinnert auf verblüffende Weise an die Filme Pasolinis – was einerseits am trostlosen Realismus des Schauplatzes liegt, in dessen engen Gassen Kim Ki-duk als Jugendlicher selbst sein erstes Geld verdiente, aber noch viel mehr natürlich mit den ikonoklastischen Motiven des Filmes zusammenhängt.

Denn Gang-dos versöhnliche Rückkehr in die Gesellschaft unterliegt einem perfiden Plan, den der Film Schritt für Schritt offenlegt. Das Prinzip der Nächstenliebe, an das die Frau in ihrer Selbstaufopferung appelliert, entpuppt sich in Pieta als kühl kalkulierte Größe. Gang-do muss zunächst Mensch werden, um die Grausamkeit seiner Taten verstehen zu lernen. Alle Filme Kim Ki-duks beschreiten diesen harten Weg der Subjektwerdung: Erst das Gefühl von Schmerz lässt seine Figuren wieder menschlich handeln. Und das schmerzhafteste Gefühl von allen ist die Liebe einer Mutter.

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