Kritik zu Night Stage
Das brasilianische Regieduo Marcio Reolon und Filipe Matzembacher legt eine smarte Mischung aus Erotik- und Paranoiathriller vor.
Du hast es geschafft«, gratulieren die Ensemblemitglieder ihrem Kollegen Fabió, »keine Tiefkühlpizza mehr!« Der 23-Jährige soll die Hauptrolle in einer TV-Serie spielen, die in Porto Alegre gedreht wird. Plötzlich steht ihm nationaler Ruhm in Aussicht – und eine weit höhere Gage, als er bei der renommierten Theatertruppe verdient. Allerdings wird die Tiefkühlkost auf makabre Weise in sein Leben zurückkehren.
Denn nicht jeder im Ensemble ist von Fabiós Karrieresprung hellauf begeistert. Sein Mitbewohner Matias war der Casting-Agentin ebenfalls ins Auge gefallen, schied aber zunächst aus dem Rennen, weil er für die Rolle zu schwarz und sein Gebaren zu unbeherrscht war. Mit der Abweisung, vielleicht ein Lebensthema für ihn, will er sich auf keinen Fall abfinden. Die Freunde werden auch im Leben zu den erbitterten Rivalen, die sie im symbolgefügten Bühnenstück verkörpern. Noch eine weitere Veränderung kündigt sich in Matias’ Leben an: Aus dem anonymen Sex mit dem Geschäftsmann Rafael könnte eine engere Beziehung werden. Jedoch stellt sich heraus, dass Rafael für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Ihre Affäre muss geheim bleiben, da sie für beider Karrieren ein Risiko bedeutet.
Vordergründig inszenieren Marcio Reolon und Filipe Matzembacher diese brisante Personenkonstellation als einen queeren Neo-Noir im Stil von De Palma, Verhoeven und Adrian Lyne. Das satte Bühnenlicht, wo kühles Blau und glühendes Rot im Wettstreit stehen, setzt sich im Neonschein der nächtlichen Stadt fort. Der Plot versammelt solide Genreelemente: Ehrgeiz, Erpressung, Überwachung, Voyeurismus. Und mit Rafaels undurchsichtigem Leibwächter ist jederzeit zu rechnen. Insgeheim zieht das Regiegespann seinem Film indes einen zweiten thematischen Boden der Reflexion über das Private und das Öffentliche ein. Matias und Rafael suchen offensiv die Gefahr, entdeckt zu werden. Die Dualität des Wunsches und der Furcht, gesehen zu werden, hält Night Stage in einer zusätzlichen Spannung. Smart spielen die Regisseure mit der Ambivalenz von Rollentext und echtem Bekenntnis: Jeder ihrer Protagonisten hat eine doppelte Identität.




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