Kritik zu Nichts passiert

© Movienet

2015
Original-Titel: 
Nichts passiert
Filmstart in Deutschland: 
11.02.2016
P: 
Musik: 
L: 
92 Min
FSK: 
12

Devid Striesow ist der geniale Jedermann des deutschen Kinos. Seine Spezialität sind vermeintliche Durchschnittsmänner mit Abgründen. Hier brilliert er als Familienvater, der um des lieben Friedens willen vor (fast) nichts zurückschreckt

Bewertung: 4
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»Und – wie sind Sie?«, wird Thomas (Devid Striesow) von seiner Psychiaterin gefragt. Er lächelt gutherzig: »Ein normaler, netter Mann.« Es ist die Ouvertüre zu einer rabenschwarzen Groteske, in der aus dieser »Nettigkeit« eine Katastrophenspirale erwächst. Thomas ist: ein Konsensmann, ein Alles-gut-Finder; einer, der mit dem Satz »Man-kann-doch-über-alles-reden« Entscheidungen aus dem Weg geht. Devid Striesow ist die ideale Besetzung für diese Rolle. Mit seinen blauen Strahleaugen kann er wie ein netter Durchschnittsmann aussehen, verleiht den Jedermännern, die er immer wieder spielt, aber oft gefährliche Abgründe.

Auch in Thomas' Vergangenheit muss es einen Vorfall gegeben haben. Seine Familie aber weiß nichts davon; und jetzt steht ohnehin Skiurlaub in den Schweizer Bergen an. Dass seine Frau Martina (Maren Eggert) und Tochter Jenny (Lotte Becker) eigentlich keine Lust auf den Urlaub haben und die 15-jährige Sarah (Annina Walt), die Tochter von Thomas' Chef, schon gar nicht in diese Konstellation passt, wird vom harmoniesüchtigen Thomas einfach weggelächelt.

Mit diesem Lächeln will er es allen recht machen und einen schönen Urlaub haben – auch dann noch, als Sarah von einem Jungen aus dem Schweizer Dorf vergewaltigt wird. Das Mädchen ist so verstört, dass es nicht zur Polizei gehen will. Thomas ist das ganz recht und lässt sich darauf ein, fällt eine falsche Entscheidung nach der nächsten und gerät in immer absurdere Notlagen bei dem Versuch, die Tat zu verheimlichen.

Der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Micha Lewinsky zieht die Daumenschrauben für seinen Antihelden immer stärker an. Wie weit wird Thomas gehen um des lieben Friedens willen? Immer falscher werden seinen Handlungen, »Nichts passiert« fühlt sich bald an wie ein schlechter Traum. Aber weil Striesow so eine grundsympathische Ausstrahlung hat, zittert der Zuschauer mit diesem rückgratlosen Würstchen mit.

Auch die übrigen Darsteller sind hervorragend. Maren Eggert verkörpert so zurückhaltend wie eindringlich Thomas' Frau, die an seiner Konfliktscheue verzweifelt, es in der Ehe aushält, gefühlsmäßig aber längst schon in der Emigration ist. Lotte Becker ist Jenny, ihre Tochter, die Frust und Zorn in sich hineingefressen hat, sich mit Dumpfheit gegen alle möglichen Zumutungen wappnet. In Erinnerung bleibt vor allem auch Annina Walt als sensible, fragile Sarah in einem Durcheinander an Gefühlen: den Jungs gefallen, aber noch keinen Sex wollen; über die Vergewaltigung nicht reden können, dann aber doch zur Polizei gehen.

In ihren Fehlentscheidungen und ihrer moralischen Orientierungslosigkeit wirken vor allem die erwachsenen Figuren vertrauter, als uns lieb sein kann. Der Druck, der auf ihnen lastet, ist auch der Druck in einer globalisierten, spätkapitalistischen Welt, in der Anpassungsfähigkeit und Wegsehen-Können Überlebensstrategien geworden sind. Und gilt Harmoniestreben nicht als Tugend, die gerade auch von Männern zunehmend eingefordert wird? »Nichts passiert« treibt diese Haltung grausam auf die Spitze, bis aus dem Wegsehen, Nicht-Handeln, Seine-Ruhe-Wollen selbst ein Verbrechen wird.

Meinung zum Thema

Kommentare

Gute Kritik.
Ein toller, verstörender Film, habe ihn in Solothurn gesehen.

"Ein toller, verstörender Film" kann ich bestätigen. Am meisten hat mich erschrocken, wie gut ich die Rolle von Thomas nachvollziehen konnte.

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