Kritik zu Kalter Hund
Das Langfilmdebüt von Pauline Roenneberg startet als schwarze Komödie und entwickelt sich dann zu einem intensiven analytischen Familiendrama mit komplexen Figuren.
Wenn ein Film damit beginnt, dass eine Frau ihren Ehemann an seinem 100. Geburtstag morgens tot im Bett findet, kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass wir es mit einer schwarzen Komödie zu tun haben. Was nur kann Herrmann dazu getrieben haben, ausgerechnet an seinem Ehrentag diese Welt mutwillig zu verlassen? Darauf deuten jedenfalls die in seiner Hand gefundenen Tabletten hin. Während Marianne, seine Ehefrau, das Geschehene verdrängt und sich in ein beredtes Schweigen flüchtet, versuchen Tochter Valerie und Enkeltochter Fanny, den Schein erst einmal aufrechtzuerhalten. Lange funktioniert das nicht.
Dass es in dieser Familie tiefsitzende Probleme gibt, wird schnell deutlich: Die an den Rollstuhl gefesselte Tierärztin Valerie kommandiert ihre fast achtzehnjährige Tochter herum und verschweigt ihr hartnäckig, wer ihr Vater ist. Valeries Geschwister Kasimir, der sich um die Finanzen der Familienstiftung kümmert, und Karoline, die nach ihrer spirituellen Erleuchtung nur noch Oonagh genannt werden will, sind mit ihr und untereinander zerstritten; die vietnamesische Hausangestellte Joy lässt sogleich das Testament des Verstorbenen verschwinden.
Was immer mehr deutlich wird: Über allem stehen drei Verstorbene, nicht nur der Jubilar (den eingestreute home movies als Familientyrann zeigen), sondern auch dessen erste Ehefrau Ilse, die vor zwanzig Jahren Suizid beging, und sein jüngstes Kind, Albert, der kurz darauf ums Leben kam, auch das ein Tabu. Stück für Stück kommt Verdrängtes ans Licht, nicht zuletzt durch die – nicht unumstrittene – therapeutische Methode einer Familienaufstellung.
Zwischen dramatischen Enthüllungen, emotionalen Ausbrüchen und vielsagendem Schweigen vollzieht sich dieses Familiendrama, wobei die Dramatik immer wieder durch komische Akzente konterkariert wird, etwa die Namen der Hunde. Schließlich wird auch noch die deutsche Geschichte miteinbezogen. Angesichts von fehlenden Fotos im Familienalbum fragt Fanny: »War Opa ein Nazi?«, woraufhin die Großmutter behauptet, er hätte am Anfang mitgemacht, aber am Ende »an der Seite Stauffenbergs gestanden« – ein besonders ausgeprägter Verdrängungsmechanismus, der sich in die Gegenwart verlängert, wenn in der Nähe in einem Gasthaus ein Treffen von Alt- und Neufaschisten stattfindet. Diese eingeschobene Episode hat allerdings etwas Überbetontes, während die Anwesenheit zweier Cousinen aus Großbritannien ganz ohne erzählerische Notwendigkeit bleibt.
Trotzdem bleibt das Langfilmdebüt von Pauline Roenneberg, die an der Münchner HFF Dokumentarfilmregie studiert hat und ihre Arbeit an der Schnittstelle von Dokument und Fiktion verortet, ein beachtlicher Wurf. Beim Filmfest München, wo der Film seine Premiere hatte, erzählte sie, dass der Film ohne Dialogbuch gedreht wurde. In den Drehbüchern, die die Schauspieler bekamen, waren die Anweisungen für ihre Mitspieler geschwärzt. Die Dialoge wurden dann in Improvisation mit den Schauspielern erarbeitet und später im Schnitt verdichtet. Das schafft durchaus eine bemerkenswerte Intensität: Die Figuren werden zusehends komplexer. Sympathischer allerdings wurden sie mir kaum.






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