Kritik zu Ihr werdet euch noch wundern

© Alamode

Alain Resnais, der bald 91 Jahre alt wird, zaubert eine multimediale Version von »Orpheus und Eurydike « auf die Leinwand, als Hommage an seine ihm treuen Schauspieler und an den Autor Jean Anouilh

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Vorhang auf für die mittlerweile vierte Theateradaption von Alain Resnais (die fünfte nach einem Stück von Alan Ayckbourn ist gerade in Arbeit), der sich einmal geschworen hatte, niemals einen Film nach einer bereits bestehenden Vorlage zu drehen. Rund 40 Jahre lang, bis 1986, hat er sich daran gehalten, bis zu seinem ersten Theaterexperiment Mélo, mit dem er einen in Vergessenheit geratenen französischen Erfolgsautor der 30er Jahre, Henri Bernstein, wiederentdeckte. Nicht viel anderes geschah mit dem britischen Boulevardautor Alan Ayckbourn, der die Vorlage für den Doppelfilm Smoking/No Smoking sowie für Herzen lieferte. Und nun überrascht Resnais mit der Ausgrabung des einstigen Modeautors Jean Anouilh, indem er gleich zwei seiner Stücke, »Eurydike« und »Cher Antoine oder Die verfehlte Liebe«, ineinanderblendet. Der mythologische Stoff ist für die eigentliche Filmhandlung reserviert, »Cher Antoine« liefert indes die Rahmenhandlung.

Das Telefon klingelt. Ein Anruf jagt den andern. Man hört die Stimmen von Pierre Arditi, Sabine Azéma, Michel Piccoli, Lambert Wilson und, und, und. Alle Schauspieler melden sich mit ihrem echten Namen. Alle werden zu einer Totenwache in die Villa eines gewissen Theaterregisseurs namens Antoine d’Anthac (Denis Podalydès) gerufen. Dort erfahren sie, dass sie – posthum – zu einer Neuinszenierung seiner »Eurydike« geladen sind. Sie versammeln sich in einem Theatersaal; der Vorhang geht auf, aber nicht vor einer Bühne, sondern vor einer Kinoleinwand. Dort beginnt eine auf Video aufgezeichnete Theateraufführung – die die versammelten Gäste (die alle einmal »Eurydike« auf der Bühne gespielt haben) bald dazu inspiriert, sich selbst noch einmal in die Rolle zu versetzen und mitzusprechen, mitzumischen.

Die Schauspieler wiederholen zunächst, einem Echo ähnlich, den Originaltext, eignen ihn sich so wieder an und schlüpfen alsbald auch darstellerisch in die altbekannten Rollen. Orpheus und Eurydike sind dabei mit Sabine Azéma und Pierre Arditi bzw. Anne Consigny und Lambert Wilson doppelt besetzt; dreifach, wenn man die Videovorstellung hinzuzählt. Ein Spiel mit Sein und Schein, an das man sich als Zuschauer erst gewöhnen muss, aber genau genommen bleibt dafür gar keine Zeit. Nur keine Routine, sondern Überraschung durch konstante Variation, um eine surrealistisch-antiillusionistische Wirkung zu erzielen, ist Resnais’ Begehr, die Kulissen nicht ausgenommen. Schnellstens sind die Sessel in der Lounge mit einem Bahnhofscafé und einem abfahrenden Zug im Hintergrund vertauscht. Kein Raum, keine Einheit von Ort und Zeit soll hier einengen, stattdessen herrscht Ortlosigkeit und Allgegenwart, eine Zeitlosigkeit, in der alle Zeiten aufbewahrt sind, auch eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Versteht sich, dass die große Liebe zwischen Orpheus und Eurydike auch hier wieder scheitern muss. In der Auffassung von Anouilh und Resnais jedoch nicht am Begehren, sondern an der Idealisierung, am Festhalten an der Reinheit, in der Gedächtnis und Vergangenheit, abgelegte Liebesgeschichten,das Hässliche keinen Platz haben. Da meldet sich – aus weiter Ferne – auch der politische Alain Resnais zurück, der das Kino als ein Instrument angesehen hat, das Gedächtnis mit beschwörenden Formeln zu bewahren, allerdings auch mit dem Gestus des Spielers, der mit allen ästhetischen Mitteln Roulette spielt.

Der Einsatz ist dieses Mal besonders hoch. Resnais verwickelt nicht nur diverse Medien und Darsteller in seine Handlung, sondern hat auch die Inszenierung des Videofilms in die Hände eines anderen, des Schauspielers Denis Podalydès, gelegt, der in der »Filmhandlung« die Rolle des an Jean Anouilh angelehnten Antoine d’Anthac innehat – eine symbolische Weitergabe des Feuers an die Nachfolgegeneration. Erst am Schneidetisch hat Resnais die beiden Filme zu einem ganzen verschmolzen.

All das soll eine Trauerfeier sein? »Das Kino ist ein lebender Friedhof«, sagt Alain Resnais. Es ist ein Ort der lebenden Toten, die mit jeder Aufführung wieder auferstehen. Eine Hommage an das Kino steckt also auch noch dahinter – der Gestus des Abschiednehmenden. Man weiß ja nie. Dass der Tod auf diese Weise zu einer unterhaltsamen Angelegenheit wird, ist die durchaus beabsichtigte Nebenwirkung.

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