Kritik zu I Am Greta

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Nathan Grossmans Dokumentation profitiert vom frühen Zugang: Der Regisseur begann schon zu filmen, als Greta Thunberg mit ihrem Schild vor dem Parlament in Stockholm saß

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»I'm a nerd«, sagt sie lächelnd im Small Talk mit Präsident Emmanuel Macron bei einem Besuch im Elysée-Palast. Und ja, sie lese sehr viel über die Erderwärmung und Naturwissenschaften. Später wird Greta Thunberg aus dem Off erzählen, wie unwohl sie sich in den prunkvollen Interieurs zwischen Goldbrokat und roten Plüschsesseln fühlt: Situationen, in die sie durch ihr politisches Engagement immer öfter gerät: »Es fühlt sich an, als wäre ich eine Figur in einem Rollenspiel«, sagt sie. Ähnlich schizophren die große Kluft zwischen den markigen Worten der jungen AktivistInnen, wohlfeil freundlicher Aufnahme und praktischer Folgenlosigkeit bei den vielen Sitzungen internationaler Konferenzen oder Organisationen. Aber die Enttäuschung über die Rolle als ökologisches Feigenblatt mündet auch in politische Erkenntnis.

Diese Konflikte prägen das Spannungsfeld dieses von Bildern des großen Segeltörns über den Atlantik zum UN-Klimagipfel nach New York 2019 gerahmten Porträts. Dazwischen politische und private Stationen des schnellen Aufstiegs der schwedischen Schülerin zur Symbolfigur einer weltweiten Protestbewegung. Dabei macht es erst mal misstrauisch, dass Regisseur Nathan Grossman schon ganz zu Anfang im August 2018 dabei war, als Greta mit ihrem selbst gemalten Schild auf dem Bürgersteig vor dem schwedischen Abgeordnetenhaus saß. Alles doch nur eine große PR-Aktion? In Interviews berichtet der junge schwedische Filmemacher glaubwürdig, wie er den Dreh als spontanes Privatprojekt begonnen hatte, bevor die »fridaysforfuture« ihre vehemente Dynamik aufnahmen. Bis zum Ende drehte er auch (fast) allein, auch wenn später der Streaming-Anbieter Hulu und die ARD als Koproduzenten einstiegen. 

Durch das freundschaftliche Verhältnis des Regisseurs zu seiner Protagonistin (und ihrem Vater) kommen auch ganz intime Momente in den Film, wenn Greta mit ihren geliebten Hunden kuschelt oder im Hotelzimmer tanzt. Sichtbar werden auch die Sorgen der Eltern um die Tochter, die sich erst durch das Engagement aus depressiven Tiefen befreite. Denn Greta, die sich im Film selbst als »wenig gesellig« bezeichnet, ist nicht nur ein Nerd. Ihre radikale Klarheit über den kritischen Zustand der Erde und ihre Entschlossenheit sind auch eine Folge des Asperger-Syndroms. Vielleicht wäre es für den Zustand der Welt besser, wenn mehr Menschen Asperger hätten, meint Greta. Mag sein, aber der Film zeigt auch, dass Wahrhaftigkeit und Mut im politischen Handeln nicht ausreichen.

Diese Wirkungslosigkeit trifft Greta auch viel tiefer als die abwertenden öffentlichen Äußerungen oder die vielen Hassmails, die sie ihrem Vater mit mokanter Miene vorliest. Dieses Scheitern führt zu schweren kritischen Momenten. An den Polarisierungen um die öffentliche Figur Greta wird dieser Film nichts ändern. Doch all jene, die ein aufrichtiges Interesse an dem Menschen hinter der Figur haben und sich für die Mechanismen politischer Veränderung interessieren, dürften durch »Ich bin Greta« beides ein bisschen besser verstehen.

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