Kritik zu The Guard

© Ascot Elite

Die Westküste Irlands ist nicht unbedingt ein Schauplatz, wo man aufregende Polizeiarbeit vermutet. John Michael McDonagh spielt mit den Vorurteilen seiner Figuren und denen seiner Zuschauer

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Für einen Polizeifilm beginnt The Guard – Ein Ire sieht schwarz erwartbar. Gangster-Hip-Hop ertönt aus dem Off, dann erfasst die Kamera zwei Jugendliche in einem Auto. Doch als sich das Sichtfeld nach einigen Sekunden öffnet, erstreckt sich im Hintergrund eine pastorale irische Küstenlandschaft. Es dauert keine Minute, da ist man Regisseur John Michael McDonagh das erste Mal auf den Leim gegangen. Und er spielt dieses Spiel mit dem Erwartbaren souverän bis zum Schluss durch.

Man könnte The Guard für einen Polizeifilm halten: Es gibt einen Kriminalfall, einige Tote, zwei Cops, ein paar Gangster und jede Menge zäher Polizeiarbeit. Doch McDonagh hat seinen Film darüber hinaus mit vielen liebevollen Details ausgestattet, die der von mattem Realismus und quietschenden Reifen geprägten Genrekonstruktion einige schillernde Zwischentöne verleihen. Lokalkolorit zum Beispiel. Die Westküste Irlands ist ein denkbar untypischer Ort für einen Polizeifilm. McDonagh kennt die Gegend gut, er ist dort aufgewachsen. The Guard steht gleichzeitig in der Tradition der Buddy-Komödie. McDonagh konzentriert sich wie schon sein Bruder Martin mit Brügge sehen . . . und sterben? bei der Genreinterpretation vor allem auf seine Figuren.

Sergeant Gerry Boyle ist als Bulle untragbar. Er ist undiszipliniert, provoziert Kollegen, vergnügt sich mit Prostituierten und nimmt Ecstasy, das er bei einem toten Unfallopfer findet. Brendan Gleeson füllt diese Ausgeburt provinzieller Stinkstiefeligkeit mit rustikalem Leben. Den smarten FBI-Agenten Wendell Everett (Don Cheadle) hat es ins irische Hinterland verschlagen, weil die amerikanische Bundespoizei Wind von einer großen Drogenlieferung (im Wert von 500 Millionen oder auch nur 200, so genau weiß das niemand) gekriegt hat. Boyle und Everett werden zusammen auf den Fall angesetzt, während der Bodycount in der kleinen Gemeinde langsam steigt.

The Guard, so die irische Bezeichnung für einen Polizisten, bedient sich einer Genreformel, die Walter Hill Anfang der achtziger Jahre mit Nur 48 Stunden in den Polizeifilm einführte: zwei Partner wider Willen, einer schwarz, der andere weiß, auf Ganovenjagd. Der Running Gag von The Guard besteht nun darin, dass Cheadle gleich doppelt stigmatisiert ist: als Schwarzer in einer Kultur, die von Natur aus rassistisch veranlagt ist, wie Gleeson ihm achselzuckend zu verstehen gibt, und als Amerikaner, der trotzdem eine fremde Sprache spricht (»Wenn du englisch reden willst, geh nach London«, pflaumt ihn ein gälischer Ire einmal an).

McDonagh, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat allerdings mehr im Sinn, als lediglich alte Genrestandards neu aufzubereiten. Je konkreter der Kriminalfall Form annimmt, desto weiter entfernt sich The Guard von den Gepflogenheiten des Polizeifilms. Es gibt keinen großen Spannungsbogen, das Tempo ist gemächlich, die Geschichte weitschweifend. Selbst die Dialoge sind nicht übermäßig pointiert. Gleeson ist mehr noch als Cheadle das emotionale Gravitationsfeld; es macht ihm sichtlich Spaß, die Grenzen seiner Figur auszuloten. Sein Boyle ist ein launischer Hinterwäldler, der sich mit Kindern anlegt und Obama-Witze macht.

Ähnlich stimmungsvoll fällt dann auch McDonaghs Film aus, der sehr disparate Töne anschlägt: von ruppig bis melancholisch, wenn Boyle beispielsweise seine todkranke Mutter im Krankenhaus besucht. Diese erzählerischen Unebenheiten verleihen The Guard einen unfertigen Charme. McDonagh kann sich auf seine Darsteller verlassen (auf Seiten der Gangster sind Mark Strong und Liam Cunningham hervorzuheben) – und den Schauplatz. The Guard ist besser als Hommage an die irische Westküste mit ihren kauzigen Bewohnern zu verstehen, die es mit der Obrigkeit und Fremden sowieso nicht so haben (»Wie in Compton, was?«, meint Gleeson einmal schnippisch zur Cheadle, weil dessen Zeugen einfach nicht mit der Polizei reden wollen). Der getragene Italowestern-Soundtrack der amerikanischen Band Calexico, der so gar nicht in diese Gegend gehört, tut sein Übriges. Mit dem Erwartbaren sollte man bei The Guard wirklich nicht rechnen.

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