Kritik zu Germania

© mindjazz pictures

2018
Original-Titel: 
Germania
Filmstart in Deutschland: 
07.03.2019
L: 
78 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Kein Bild ohne Bier: Lion Bischof beobachtet mit gebotener Distanz, aber geschärftem Blick in seinem Dokumentarfilm das Treiben einer studentischen Verbindung

Bewertung: 4
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Wenn wir in den letzten Jahren irgendetwas gelernt haben, dann dass wir zunehmend in »Bubbles« leben, ideologischen Resonanzräumen, in denen unsere eigenen Überzeugungen immer wieder reproduziert werden. Mit gegensätzlichen Meinungen und Lebensweisen umzugehen, fällt zunehmend schwerer. Keine Frage: Auch das kleine Arthouse-Kino an der Ecke, das ohnehin so gut wie nur noch in größeren Städten existiert, ist eine Blase. Solche Kinos, die eine Independent-Doku wie »Germania« von Regisseur Lion Bischof ins Programm nehmen, bedienen zweifellos ein eher liberales Publikum – eine Zielgruppe, die mit den in »Germania« porträtierten Burschenschaftlern und ihrer Deutschtümelei also eher wenig am Hut haben dürfte.

Keine leichte Aufgabe also für einen Filmemacher, in diesem Kontext seinem dokumentarischen Anspruch gerecht zu werden und einen Film zu produzieren, der zu mehr taugt als zum gerade angesagten »hate watching«, also dem Filmkonsum mit dem erklärten Ziel, sich über das Gezeigte aufzuregen. Das gelingt dem jungen Regisseur, weil er sich im Gegensatz zu vielen aktuellen Dokumentarfilmern für eine klare dramaturgische Struktur entscheidet. »Germania« folgt nämlich der Initiation eines Newcomers und Außenseiters in den Corps »Germania München« und nimmt so von vorne­herein die neugierige Perspektive eines Uneingeweihten ein.

Dieser Neuling – oder »Fuchs« im Verbindungssprech – ist Mesquita, ein junger Brasilianer, der mit der Absicht, Kontakte an der Uni zu knüpfen, in den Corps eintritt. Als ihm beim ersten Treff ein Getränk angeboten wird, fragt er noch unbedarft nach einem stillen Wasser – schon bald aber wird ihm und uns deutlich, dass er mit dieser Wahl nicht weit kommen wird. In der »Germania« steht Bier auf dem Programm: Bier beim Fechten, Bier auf der Sitzung, Bier als Strafe für Regelbrüche, Bier auf den unzähligen Festivitäten der Burschenschaften, Bier als Schmiermittel für die brüchigen männlichen Egos. Es gibt kaum ein Bild in diesem Film, in dem nicht irgendwo Bier zu sehen ist.

Generell ist »Germania« ein Film, der den vielzitierten Begriff der »toxischen Männlichkeit« in einfachen Bildern auf den Punkt bringt: In den vielsagenden Einzelinterviews erkennt man durchaus die unsichere Sinnsuche der jungen Männer, die sich von der modernen Welt überfordert fühlen und sich deshalb in die rituelle Tradition, die ultimative »Bubble« flüchten; die gemeinsamen Treffen aber gehen entweder im bierseligen Grölen unter oder lassen Facetten des knallharten, hierarchischen Systems erkennen, auf dem die Burschenschaft fußt. Wenn die letzte Liegestütze beim Work-out außerdem immer »für Deutschland« gemacht wird, man genussvoll »Heil Germania!« brüllt und sich einer der Mitglieder als stolzer Nationalist bekennt, wird auch in Ansätzen deutlich, welche Ideologie dieses System unterfüttert. Es spricht für Bischofs Talent, dass er sich dem teils unappetitlichen Gehabe mit gebotener Distanz nähert, ohne seine Protagonisten bewusst dem Spott der Zuschauer auszusetzen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Im letzten Absatz: es handelt sich hier um ein Corps, nicht um, wie von ihnen geschrieben, eine Burschenschaft. Das ist eine für den Film, wie auch vom Regisseur in Interviews gesagt, nicht irrelevante Differenz.

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