Kritik zu East is East

© Senator

Damien O'Donnell beschreibt mit Humor und Ernst ein Leben zwischen den Welten: Pakistani in England

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Die Teilnahme an der örtlichen Marienprozession mag für die meisten Einwohner des nordenglischen Städtchens Salford nichts Besonderes sein, doch für die Geschwister Meenah, Saleem und Tariq Khan bedeutet das Mitmarschieren eine kleine, geheime Revolution: Die drei sind Pakistani, und ihr Vater George, ein traditionsbewusster Moslem, würde sie windelweich prügeln, wenn er vom Treiben seiner Sprösslinge wüsste. Was es mit dem religiösen Hintergrund der Marien-Zeremonie auf sich hat, dürfte für die Gastarbeiterkinder kaum eine Rolle spielen – sie wollen mit der Aktion vielmehr ihre Zugehörigkeit zu der westlichen Gesellschaft ausdrücken, in der sie von Geburt an leben. Ihr Vater verschließt gleichwohl die Augen vor dem Assimilierungswunsch seiner Kinder: Verbissen werden sie nach rigiden pakistanischen Sitten erzogen und regelmäßig in die Moschee gejagt – dabei können sie mit den dort gelehrten Regeln vermutlich noch viel weniger anfangen als mit den Auffassungen, die hinter der Marienprozession stecken.

Es ist ein Leben zwischen den Welten, das sämtliche Mitglieder der Khan-Familie führen, ein Leben, das bestimmt ist von der Suche nach Halt in einer Umgebung, in der sie als Immigranten von keiner Seite vollends akzeptiert werden: Von den Bekannten aus der pakistanischen Gemeinde werden die Khans verachtet, weil Mutter Ella eine Britin ist, und von den englischen Nachbarn werden sie sowieso als »Kanaken« geschmäht und wegen ihrer Religion verspottet. Während George Khan alles dafür tut, bei seinen Landsleuten gut dazustehen, möchten seine Kinder viel lieber von den Engländern anerkannt werden, da sie wissen, dass sie den Rest ihres Lebens in diesem Land verbringen werden. Außerdem scheint das Leben der englischen Kids viel lockerer und fröhlicher als das der verstockten »Pakis«. So studiert Saleem heimlich bildende Kunst, während Tariq sich nachts aus dem Haus schleicht, um unter dem Namen »Tony« seinen Ruf als unwiderstehlicher Herzensbrecher zu festigen – mit großem Erfolg, denn ironischerweise ist er, der seine Herkunft am liebsten verleugnen würde, für die englischen Lower-Class-Schönheiten gerade durch sein exotisches Aussehen reizvoll. Der Vater bereitet derweil alles für die Hochzeit seiner Söhne vor, die von ihrem Glück allerdings nichts ahnen.

In einer ausgewogenen Mischung aus Humor und Tragik und mit bemerkenswertem Gespür für das dargestellte Milieu erzählt Regiedebütant Damien O'Donnell diese Geschichte vom Aufeinanderprallen der Kulturen. Man sieht »East is East«, der auf dem autobiografisch gefärbten Theaterstück des Pakistaners Ayub Khan Din basiert, zwar deutlich an, dass er als frohgelauntes Feelgood-Movie im Stil von »The Full Monty« angelegt ist, doch mitunter kommt es zu dramatischen Gefühlsausbrüchen, die den ernsten Hintergrund der Geschichte in Erinnerung rufen: In einer Szene lässt O'Donnell die Khan-Kinder durchs Haus tollen, nachdem sie ihrem Vater einen Strich durch seine Pläne gemacht haben, um im nächsten Augenblick, gerade wenn die ausgelassene Stimmung auf das Publikum übergeht, einen kaum erträglichen Gewaltausbruch des Vaters gegen Frau und Kinder zu zeigen.

Gleichwohl bemühen sich O'Donnell und Khan Din darum, die Geschehnisse nicht nur durch die Augen Ellas und der Kinder zu filtern: Man lernt bis zu einem gewissen Grad auch den despotischen George zu verstehen, der entwurzelt in einem fremden Land lebt und gerade deshalb die Traditionen seiner Heimat pflegt; man spürt, dass George mit dem Aufgeben dieser Traditionen jede Orientierung verlieren würde, denn eine Chance auf völlige Integration in die neue Heimat hat er ohnehin nicht mehr. Umso schwerer ist es für ihn, seine Kinder ausgerechnet an jene Gesellschaft zu verlieren, die ihn vielleicht als Betreiber eines Fish-and-Chips-Imbisses duldet, aber keineswegs als gleichwertiges Mitglied anerkennt. Seine Kinder haben indes in der neuen Heimat ihre Wurzeln geschlagen und interessieren sich deshalb nicht für alte Traditionen ferner Länder; Tariq, Saleem und die anderen Kinder lieben ihren Vater – auch wenn sie manchmal das Gefühl haben, sie könnten ihn umbringen, nur ist in ihrer Vorstellung vom Leben kein Platz für seine Pläne.

Die schwierigste Position hat gleichsam Ella als Vermittlerin zwischen allen Fronten: Sie liebt ihren cholerischen Mann, den sie für die Bedürfnisse der gemeinsamen Kinder öffnen möchte, und versucht zugleich, den Kindern die Nöte und Ängste des Vaters verständlich zu machen. Dass der Film für die zahlreichen Konflikte keine einfachen Lösungen bereit hält und sich nicht in Schuldzuweisungen etwa gegen den herrischen George verliert, zeigt, wie ernst die Filmemacher die Probleme der verschiedenen Immigrantengenerationen nehmen. Und diese Probleme dürften in »East is East« bei allem Humor ziemlich genau getroffen sein.

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