Kritik zu Die Heimreise

© TOB Film/barnsteiner-film

2020
Original-Titel: 
Die Heimreise
Filmstart in Deutschland: 
24.09.2020
L: 
97 Min
FSK: 
6

Tim Boehme bgeleitet dokumentarisch eine ungewöhnliche Suche nach den ­Wurzeln – ungewöhnlich, ja einzigartig sind in diesem Fall die Suchenden selbst 

Bewertung: 3
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»Die Heimreise« ist vieles: ein dokumentarisches Roadmovie, ein Buddymovie mit zwei sympathischen Typen und eine Reflexion über die Idee von Heimat. Vor allem aber beweist Tim Boehme in seinem Dokumentarfilm, wie gut das Kino als Inklusionsvehikel taugen kann.

»Es nervt mich schon, wenn ich zwar die Buchstaben sehe, aber nicht zusammenkriege. Dann bin ich auch manchmal ein bisschen stinkig auf meine Mutter, warum sie mich nicht gleich im Bauch getötet hat«, sagt Bernd Thiele, wenn der Film wenige Sekunden alt ist. Er leidet am Pränatalen Alkoholsyndrom, kann weder lesen noch schreiben, weil die Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Aufgewachsen ist er bei Pflegeeltern und in Heimen, heute lebt er auf einem Biobauernhof in Schleswig-Holstein, zugleich sozialtherapeutische Einrichtung für geistig Behinderte, wo er sich um die Tiere und die Ernte kümmert. 

Doch »Die Heimreise« ist kein Mitleidskino, sondern eine zwar bitter-ehrliche, aber auch unterhaltsame Reise in die Vergangenheit. Bernd will wissen, woher er kommt und macht sich, begleitet von Boehmes Kamera und dem kauzig-coolen Joann Nathanael Zeylmans van Emmichoven, auf die Suche. Der ebenfalls geistig behinderte Arbeitskollege und Kumpel ist sein Navigator und Sidekick: Er kann lesen, den Handynavigator bedienen und hat immer einen Spruch parat. 

Auf zwei Erzählebenen zeigt der Film die Reisevorbereitungen auf dem Bauernhof und die Reise selbst. Über Hamburg und eine organisierte Reeperbahn-Tour geht es nach Berlin, wo sich Verwandte finden: ein alkoholkranker Onkel, ein weiterer Onkel samt Familie und die Spuren zu einer Halbschwester. Es ist eine intime, berührende Reise, auf die uns Boehme mitnimmt, eine Familiengeschichte entlang der Mauer. 

Zugleich ist »Die Heimreise«, wie etwa Hubertus Siegerts »Die Kinder der Utopie« auch, ein Appell. Dass das Duo von einem Privatdetektiv versetzt wird, als der erfährt, dass sie »Betreute« sind, ist einer der wenigen direkten Hinweise dieses zutiefst inklusiven Films, dass wir immer noch in einer sehr exklusiven Gesellschaft leben.

Meinung zum Thema

Kommentare

Die Heinreise ist ein wunderbarer Film.geworden. Respekt für die Bernd und Johann, die diese Reise toll bewältigen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema FASD und es macht so fassungslos, wie unbedacht manche mit dem Thema Alkohol und Schwangerschaft ungehen. Bernd hat Glück, das er über so viele Stärken verfügt. Er scheint eine Seele von Mensch zu sein, ebenso wie Johannes. Verachtenswert sind sowohl der Privatdedektiv und auch die Schwester. Aber so sind viele Menschen, deren geistiges Niveau reicht nicht an das von Bernd und Johannes ran.

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