Kritik zu Das innere Leuchten

© AMA Film

2019
Original-Titel: 
The inner light
Filmstart in Deutschland: 
19.09.2019
L: 
95 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Was bleibt von einem Leben, das sich nur im Hier und Jetzt abspielt? In einer Stuttgarter Pflegeeinrichtung beobachtet der Dokumentarist Stefan Sick demente Menschen bei ihren alltäglichen Ritualen

Bewertung: 4
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Fast schwebend bewegt sich Herr Volz durch die Gänge, tanzend folgt er einer inneren Musik, bisweilen sitzt er versonnen und dirigierend auf dem Sofa, als leite er seinen eigenen Chor. Herr Volz ist dement. Er lebt im Gradmann-Haus, einem Pflegeheim für Demenzkranke in Stuttgart. Zwei Jahre lang hat der Filmemacher Stefan Sick in der Einrichtung gedreht, hat Menschen beobachtet, denen nahezu ihr ganzes Leben abhandengekommen ist, wie der ­alten Dame, die einmal eine erfolgreiche Fotografin mit eigenem Studio war, sich aber auch angesichts alter Fotos nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnert, ebenso wenig wie der Mann, der immer aufs Neue seinen Geldbeutel sucht.

Wie geht man als Filmemacher mit einem solchen Thema um? Wie nahe darf man an Menschen herantreten, die nicht wissen, dass sie eine Rolle in einer Dokumentation spielen? In dem Zwischenreich, das diese Menschen bewohnen, gibt es keine sinnstiftenden Lebenszusammenhänge mehr, keine Kommunikation im üblichen Sinn. Die Vergangenheit ist verloren, und selbst die Gegenwart lässt sich allenfalls für Sekunden festhalten. Stefan Sick nähert sich den Kranken behutsam, minutenlang ausschließlich beobachtend, auf erläuternde Kommentare, Schilderungen von Biografien oder andere Informationen verzichtet er. Welche leitende Idee hinter diesem Konzept steht, bleibt unbestimmt, eine Reflexion über die oft beklagten Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen ist der Film nicht.

Sick will sich nach eigenem Bekunden herantasten an das, was in den Personen »im Innersten« vorgeht, es geht ihm um »eine poetische Interpretation dieses besonderen Zustands«. Wir sehen die Kranken oft in einer Situation temporärer Zufriedenheit, aber Angst und Traurigkeit werden nicht verschwiegen. Wir sehen ein emphatisches Personal, das in der Lage ist, auf die momentane Befindlichkeit der Bewohner einzugehen, ihre Lebensäußerungen aufzunehmen, mit ihnen zu singen und zu tanzen. Wir sehen Angehörige, vorwiegend die von Herrn Volz, die bei ihm musizieren, ihn an seine musischen Interessen zu erinnern suchen. Wie es dabei im »Innersten« der Personen aussieht, lässt sich indes nur erahnen.

Als wollte er seine Beobachtungen in ­einen Zyklus des Werdens und Vergehens einbetten, schneidet Stefan Sick Naturaufnahmen in seinen Film, Bilder von wechselnden Jahreszeiten, Bilder, die dem Zuschauer eine Atempause gönnen. Wenn dazu am Ende Eichendorffs »Mondnacht« in der Vertonung von Robert Schumann erklingt, nähert sich der Film allerdings der Grenze zum Kitsch.

»Das innere Leuchten« will die »positiven Situationen und Begegnungen« in den Fokus rücken, tatsächlich beschreibt der Film eine geradezu ideale Pflegesituation. Von Hektik und überfordertem Personal ist im Gradmann-Haus nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Ruhe und Geduld der Mitarbeiter scheint sich in kritischen Momenten auf die Patienten zu übertragen. Angesichts einer der großen Volkskrankheiten unserer immer älter werdenden Gesellschaft drängt sich da umso nachdrücklicher die Frage auf, wie mit den Menschen andernorts umgegangen wird.

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