Kritik zu Das Haus

© not, sold.

Ein Smarthome ist die Zuflucht eines Journalisten in der Romanadaption nach Dirk Kurbjuweit, der ein nach rechts gerücktes Deutschland im Jahr 2029 imaginiert

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Es ist ein geschlossenes System, und es ist auf ihn konditioniert. Wenn es beim Zähneputzen feststellt, dass seinem Körper Calcium fehlt, dann mischt es dem Leitungswasser Calcium bei. Es gehorcht den Befehlen, die er in den Raum hineinspricht, sorgt für die musikalische Untermalung, regelt die Temperatur, öffnet ihm Türen. Es, das Haus, umschließt und umsorgt Johann, seinen Herrn.

Johann ist ein Journalist, der soeben seine Arbeit verloren hat; seine ideologische Haltung passt nicht mehr in das nach rechts geruckte Deutschland, das sich – wir schreiben das Jahr 2029 – anschickt, die Medien gleichzuschalten. Das Haus ist ein eleganter Kasten aus Glas und Beton, der auf einer schwedischen Insel steht. Johann sucht Zuflucht im Haus, und seine aktuelle Frau Lucia, eine Anwältin, die militante Systemkritikerinnen verteidigt, nimmt er mit.

Ausgedacht hat sich dieses Szenario der Journalist Dirk Kurbjuweit, auf dessen 2019 erschienener Kurzgeschichte diese Verfilmung basiert. Ein Smarthome also als Handlungsträger und eine politische Umbruchsituation im Hintergrund; eine Kombination, die mannigfaltige Möglichkeiten für Paranoia bereithält. Denn fortan steht bei jedem irregulären »Verhalten« des Hauses – wie einer plötzlich eintreffenden Lebensmittellieferung, die eine halbe Kompanie versorgen könnte – die Frage im Raum, wer es eigentlich beeinflusst. Ist es noch Johann? Oder ist es bereits der Geheimdienst, der es gehackt hat? Oder hat gar die künstliche Intelligenz ein Eigenleben entwickelt? 

Man kennt dergleichen erratisches Verhalten von HAL 9000, dem Urahn aller unbotmäßigen Supercomputer, der 1968 mit Stanley Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum« in die Geschichte einging. Und dass der in »Das Haus« namen- und sprachlos bleibende Maschinengeist in dessen Tradition steht, verrät schon sein Erscheinungsbild: eine in den Kellereingeweiden orange pulsierende, kreisrunde Scheibe, von der die ganze Macht über all die Sensoren, Kameras und Mikrofone, die ganze Mechanik, Technik und Elektronik ausgeht.

Weitere (An)Spannung kommt ins Konfliktfeld, als zwei junge Widerständler bei Lucia und Johann Schutz suchen. In der Folge kann man sich darüber amüsieren, wie die beiden Männer den geschlechtsspezifisch üblichen Längenvergleich anstellen, wie ihre Brustkörbe anschwellen und sie beginnen, steif herumzustolzieren, weil der Junge den Alten für ein Weichei hält und der Alte den Jungen für einen Fantasten. Man kann schmunzeln darüber, dass da eine Figur ein Gewehr beinahe mit ins Bett, dann aber tatsächlich mit in die Sauna nimmt – wo sie ihr im entscheidenden Moment dann doch nichts nutzt.

Am Ende sind dies lässliche Ausflüge in Genreklischees. Denn was bleibt, ist das Unbehagen, die Kontrolle leichtfertig anheimgegeben zu haben, und sei es an das eigene Unterbewusstsein. So dass, wo Ich war, wieder Es wird. Wer könnte das besser spielen als Tobias Moretti, Idealverkörperung der Verletzlichkeit des Alphamanns.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns