Kritik zu Colombiana

© Universum

Ein Rachefilm mit einer schönen Frau im Zentrum – die Prämisse mag nicht gerade neu klingen, Olivier Megaton gelingt es jedoch, auch dieser Luc-Besson-Produktion seinen eigenen Stempel aufzudrücken

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Die Zahl der Filme, die Luc Besson in den vergangenen Jahren produziert und auch als Koautor mitgeschrieben hat, ist ohne Frage beeindruckend. Die Produktivität dieses europäischen Filmmoguls, der Hollywood mit seinen eigenen Waffen schlagen will, hat ohne Frage etwas Schwindelerregendes. Allerdings zahlt Besson dafür auch seinen Preis. Letztlich folgen seine Produktionen wie auch seine Drehbücher immer den gleichen Mustern. Im Lauf der Jahre hat er sich eine gewisse Anzahl von Storyschemata zurechtgelegt, die er mittlerweile nur noch variiert. Auch seine neueste Produktion, Olivier Megatons Colombiana, bewegt sich in diesen vorgegebenen Bahnen. Schließlich haben er und sein Koautor Robert Mark Kamen ein Drehbuch verfasst, das durchaus auch als inoffizielles Sequel von Bessons Leon – Der Profi durchgehen könnte. Wieder einmal muss ein junges Mädchen miterleben, wie seine Familie von Drogendealern ermordet wird, und beschließt daraufhin, sich zur Profikillerin ausbilden zu lassen.

Aber das ist eben nur die eine Seite der Arbeiten aus der Besson-Fabrik, die andere wird von denen geformt, die sich schließlich seiner Drehbücher annehmen. Ein wenig erinnert diese Vorgehensweise an das alte Studiosystem Hollywoods. Wie die Filmemacher in den goldenen Zeiten der Traumfabrik sind auch Bessons Regisseure auf den ersten Blick vor allem Handwerker, die sich mit den Gegebenheiten so gut wie möglich arrangieren müssen. Aber innerhalb des ihnen vorgegebenen Rahmens haben sie erstaunliche Freiheiten und die Möglichkeit, eine eigene Handschrift zu entwickeln – und die hat Olivier Megaton ohne Frage.

Das hat er schon bei seiner letzten Arbeit für Besson, dem dritten Teil der Transporter- Serie, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ihm ist es gelungen, aus Jason Stathams Fluchtwagenfahrer, einem klassischen Action-Comichelden, eine erstaunlich vielschichtige Figur zu formen, die weitaus brüchiger ist, als die ersten beiden Teile erahnen ließen. Aus dem rein kinetischen Kino, das der Produzent Besson in den letzten Jahren perfektioniert hat, wurde in Megatons Händen eine atemberaubende Studie in Action und Emotion.

Kurz bevor ihre Eltern erschossen wurden, hat die neunjährige Cataleya von ihrem Vater noch eine Speicherkarte mit allen Informationen über die Geschäfte des kolumbianischen Drogenbosses Don Luis erhalten. Nun sitzt sie dem Mörder ihrer Familie gegenüber und soll eben diese Karte herausgeben. In ihrem rechten Auge formt sich langsam eine einzige Träne, die Cataleya mit aller Macht zurückhält. Für Tränen und Trauer bleibt ihr noch genug Zeit, jetzt muss sie erst einmal aus den Fängen von Don Luis’ rechter Hand (Jordi Mollà) entkommen. Kaltblütig greift sie nach einem versteckten Messer und rammt es ihrem Gegenüber in die Hand, um danach sofort aus dem Haus zu fliehen.

In Momenten wie diesen scheint die Zeit in Colombiana praktisch stehenzubleiben. Alles verwandelt sich in pure Emotion, atemberaubend und herzzerbrechend. Diese eine Träne, die sich das nach einer Orchideengattung benannte Mädchen nicht gestattet, wird die von Zoe Saldana gespielte Cataleya auch fünfzehn Jahre später, wenn sie längst schon selbst zu einer Killerin geworden ist, noch mit sich herumtragen. Sie ist in ihrem Herzen kristallisiert und verwandelt jede Sekunde ihres Lebens in einen Moment des Schmerzes.

Immer wieder gelingt es Olivier Megaton und seiner Hauptdarstellerin Zoe Saldana, dieser unvergesslichen filia dolorosa, den an sich eher simplen Racheplot des Films, der einfach nur aus Werken wie Leon, Nikita und dem 70er-Jahre-Profikiller-Film Kalter Hauch zusammengesammelte Elemente und Motive noch einmal neu durchmischt, weit hinter sich zu lassen. Das von Besson und Kamen skizzierte Spektakel um eine mit großkalibrigen Waffen kämpfende Schönheit gerinnt dann zu einem grandiosen Actionpoem, in dem jede Bewegung und jeder Schnitt, jede verschossene Kugel und jeder Spritzer Blut vom Schmerz eines Menschen erzählt, der alles verloren hat und nun anderen alles nimmt. Die Rache, die Cataleya übt, ist auch eine Form der Selbstverstümmelung. Nicht ohne Grund erklingt während des Abspanns Johnny Cashs unendlich traurige Version von Trent Reznors »Hurt«.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns