Kritik zu Coherence

Trailer OmU © Drop-Out Cinema

Vier Paare beim Abendessen und ein Komet, der vorbeizieht: James Ward Byrkit inszeniert mit sparsamsten Mitteln ein raffiniertes Drama über alternative Identitäten und Realitäten

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Vier Paare bei einem Abendessen. Das Gespräch springt von einem Thema zum anderen. Teilweise haben sie sich lange nicht gesehen. Emily (Emily Foxler) etwa muss noch einmal erzählen, weshalb sie ihre Ballettkarriere aufgegeben hat. Da gab es diese eine Produktion, in die sie ihr ganzes Herzblut hineinsteckte, aber dann vergaben die Produzenten ihre Rolle an eine bekannte Ballerina und boten ihr nur den Part der Zweitbesetzung an. Gekränkt lehnte sie ab – und musste dann von außen erleben, wie die bekannte Primaballerina wieder ausstieg und ihre Zweitbesetzung so den Durchbruch erleben konnte und zum Star aufstieg. Wie lebt es sich mit so einer verpassten Chance? »To the lives we live!«, versucht Freund Hugh (Hugo Armstrong) sie zu trösten und geht zum nächsten Thema über. Da gibt es zum Beispiel diesen Kometen, der in der Nacht den Himmel kreuzt und all die mysteriösen Geschichten, die man drum herum erzählt. Es könnten seltsame Dinge geschehen, heißt es... Die kleine Abendgesellschaft reagiert entsprechend vergnügt-erschreckt auf ein plötzliches Klopfen an der Tür. Dann aber fallen Strom und Handynetz aus. Zwei der Männer machen sich zum nächsten Haus auf, um dort zu telefonieren. Sie kommen zurück, sichtlich geschockt von einer bizarren Beobachtung.

Der amerikanische Regisseur James Ward Byrkit hat am Drehbuch von Gore Verbinskis »Rango« mitgeschrieben. Auch »Coherence«, sein erster Spielfilm, zeigt jenen intelligenten, schrägen Witz und die Lust an der Genresubversion, die Verbinskis Animationswestern so besonders machte. Nur probiert sich Byrkit hier an ganz anderem Material. Was als Dinnerparty und Beziehungsdrama beginnt, dann auf dem sicheren Weg zum Home-Invasion-Thriller scheint, verwandelt sich ganz ohne Spezialeffekte in einen Science-Fiction und schlussendlich in einen Psychothriller. Das Setting und die acht Personen bleiben die Gleichen, obwohl man bei letzteren nicht ganz so sicher sein kann.

Denn die Frage der verpassten Chance, der veränderten Lebenswege bei kleinen, anders getroffenen Entscheidungen wird auf eine Weise durchgespielt, die weit über die Banalität von einem Film wie Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht hinausgeht. Und obwohl einer der Figuren im Film dieses Gwyneth-Paltrow-Drama über einen verpassten Lift zitiert, um auf mögliche Interpretationen der eigenen Situation hinzuweisen, obwohl an anderer Stelle das Phänomen von Schrödingers Katze erklärt wird und von Teilchenphysik die Rede ist, wirkt »Coherence« nie besserwisserisch oder gewollt ironisch. Im Gegenteil, Fragen wie »Wie würde ich mich verhalten, wenn ich mich selbst als feindliches Gegenüber hätte?« entwickeln sich mit zwingender Logik aus völlig alltäglichen Situationen. Sie bekommen im Verlauf dieses von seinem Ensemble mit großer Lust gespielten und klug konstruierten Films einen ganz eigenen Ernst.

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