Kritik zu Carte Blanche

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2011
Original-Titel: 
Carte Blanche
Filmstart in Deutschland: 
10.05.2012
L: 
91 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die Mühlen der Gerechtigkeit: Heidi Specogna zeigt in ihrem neuen Dokumentarfilm die Vorbereitungen und den noch laufenden Prozess gegen Jean-Pierre Bemba am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Bewertung: 4
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Es geht zu wie zwischen Q und James Bond. Doch wir sind in einem Materiallager des Internationalen Strafgerichtshofs. Und das, was der Gerichtsmediziner Eric Baccard ins Reisegepäck bekommt, sind keine Wunderwaffen, sondern Leichensäcke, Crime-Scene-Absperrbänder und Skalpelle. Vor drei Jahren hatte Hans-Christan Schmids Sturm die Fährnisse eines Verfahrens vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zu einem Spielfilm verarbeitet. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm mit ähnlichem Thema ins Kino. Es geht um den ebenfalls in Den Haag ansässigen Internationalen Strafgerichtshof, der im Unterschied zu ähnlichen Institutionen seine judikative Vollmacht aus einem internationalen Vertrag bezieht, den bisher allerdings unter anderem der Iran, Israel, Russland und die USA nicht unterzeichnet haben. Der Kongo schon, und seit 2008 ermittelt der IStGH etwa gegen den ehemaligen Vizepräsidenten der Demokratischen Republik Kongo und späteren Oppositionsführer Jean-Pierre Bemba, der bei einem Aufenthalt in Belgien festgesetzt wurde und seitdem in Den Haag in Untersuchungshaft sitzt. Bemba hatte in den Jahren 2002 und 2003 mit seinen Truppen den Präsidenten der benachbarten zentralafrikanischen Republik gegen eine Revolte unterstützt, seine Soldaten wüteten im Grenzbereich um die Hauptstadt Bangui.

Carte Blanche begleitet das Vorverfahren gegen Bemba, wo es um die Sicherung von Beweismaterial geht: ein Gerichtsmediziner exhumiert Leichen und untersucht Verletzungen, eine Zeugenbeauftragte befragt in Bangui Überlebende von Massakern und Vergewaltigungen als mögliche Zeugen. Der Film zeigt auch das Verfahren in Den Haag, wo Chefankläger Moreno Ocampo mit ausdrücklichem Vergnügen ein Trio weiblicher Staatsanwältinnen gegen den Angeklagten losschickt. Parallel geht das Filmteam selbst in Afrika und Europa auf Recherche, spricht mit Opfern der Massaker und besucht in einer Stippvisite auch die Familie Bembas in ihrer luxuriösen belgischen Villa.

Es ist ein Wunder, dass es diesen Film überhaupt gibt; die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna, eine der profiliertesten politischen Dokumentaristen, musste schwer vorarbeiten, dass es soweit kam, denn eigentlich sind Filmaufnahmen im Verfahren tabu, immer wieder musste bei Situationen auch die Kamera abgestellt werden. Doch das Gezeigte reicht für einen eindringlichen Einblick in die mühselige Arbeit, Beweismittel und Zeugen zu beschaffen, die auch dem harten Kreuzverhör vor Gericht standhalten. Und es zeigt auch den schmerzlichen Kontrast zwischen den Leiden der Opfer und einem formalisierten juristischen Prozedere, das ihnen selbst bei Gelingen nur oberflächlich gerecht werden kann. Carte Blanche ist definitiv kein Feelgoodmovie.

Inhaltlich einwenden ließe sich vielleicht, dass durch die Beschränkung auf das Vorverfahren die eigentlich zentrale Frage nach der Verantwortlichkeit des Angeklagten für die geschilderten Greueltaten zwar argumentativ angerissen wird, in der Recherche aber keinen konkreten Ort bekommt. Ganz außen vor bleibt auch die Frage nach der globalen Rolle einer Strafverfolgung, die aus politisch-diplomatischen Gründen ihre Aufmerksamkeit auf wenige Regionen der Erde konzentriert. Aber das wäre ein anderer Film.

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