Kritik zu Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika

© NFP/Warner

2009
Original-Titel: 
Albert Schweitzer
Filmstart in Deutschland: 
24.12.2009
Sch: 
V: 
L: 
114 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Er war nicht nur Urwalddoktor, sondern auch Organist, Musikforscher, Theologe und Philosoph. Gavin Millar widmet ihm ein durchaus kritisches Biopic

Bewertung: 3
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Das hätte auch peinlich werden können: ein pathetisches Biopic über eine Lichtgestalt des 20. Jahrhunderts, pünktlich zu Weihnachten herausgebracht als zünftiger Seelenwärmer nach Glühwein und Bratwurst. Zum Glück gehen Regisseur Gavin Millar und seine Produzenten, die bereits für »Bonhoeffer« und »Martin Luther« verantworlich zeichneten, nicht den einfachsten Weg. Ihnen ist an Differenzierung und kritischer Würdigung gelegen, und obwohl Schweitzer hier eindeutig der Held ist und seine Ethik der »Ehrfurcht vor dem Leben« gefeiert wird, erliegen sie nicht der Versuchung, alles einer fragwürdigen Erbaulichkeit zu opfern. Der Arzt, Organist, Theologe und Musikforscher Albert Schweitzer – leider etwas blass verkörpert von Jeroen Krabbé – wird als vielschichtiger Charakter gezeigt: Er ist zugleich glühender und manchmal naiver Idealist, Urwald- und Familienpatriarch und knorriger Kauz, ein Zeus und Zausel. Sogar die bisweilen erhobenen Vorwürfe eines »wohlwollenden Rassismus« stellt der Film zur Disposition, wenn Schweitzer die Afrikaner als »Kinder« bezeichnet, die nur »vom Geheimnis des Lebens« wissen.

Von 1949 bis 1954 spannt die Handlung den Bogen, von einem Besuch in New York zur Sammlung von Spendengeldern bis zu seiner Friedensnobelpreisrede in Oslo. Zwischen Dschungel und Großstadt pendelnd wird eine fiktionale Agentengeschichte als dramatisches Element eingeflochten: Ein vorgeblicher Bewunderer erschleicht sich im Auftrag der CIA Schweitzers Vertrauen, um in seinem Urwaldhospital Lambarene belastendes Material gegen ihn zu sammeln. Der längst berühmte Schweitzer soll in Misskredit gebracht werden, denn seine Freundschaft zu linken Atomwaffengegnern wie Albert Einstein – kurios besetzt mit Armin Rohde – ist den amerikanischen kalten Kriegern und McCarthyisten ein Dorn im Auge.

Was die Filmwirklichkeit aus den wenigen Belegen für eine Bespitzelung des erklärten Pazifisten konstruiert, beleuchtet grundlegende Konflikte: die Gefährdung seines Urwaldhospitals Lambarene durch sein politisches Engagement, den Zwiespalt zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Der CIA-Agent wird aber auch zum Agenten des kritischen Zuschauerblicks. Herrschen nicht tatsächlich unhaltbare Zustände in Lambarene? Könnte es sein, dass Schweitzer mehr eitler Selbstdarsteller als echter Wohltäter ist? Dies verneint der Film entschieden, doch er öffnet sein »Gutmenschen«-Sujet skeptischen Fragen. Und den Humanisten, der alle Menschen lieben will, zeigt er als reichlich lieblos im Umgang mit Frau und Tochter. Ihn treibt Größeres um.

Sehr filmisch erzählt ist all dies leider nicht. Das Wesentliche transportieren stets die Dialoge, nicht die Bilder. Die Inszenierung ist konventionell und routiniert, häufig zu flüchtig – und die Afrikaner sind hier abermals Randfiguren. Dennoch ist der Film eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit einer Persönlichkeit, die in manchem ihrer Zeit verhaftet, ihr in vielem aber voraus war.

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