Kritik zu 1986

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Ausgezeichnet bei den Hofer Filmtagen, gelingt Lothar Herzog bei seinem Debütfilm ein eigenwilliges Werk, das die Geschichte um eine Studentin in Minsk mit naturalistisch atmosphärischen Bildern verbindet

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Es sind diese Luftaufnahmen des Waldes, die einem nach Lothar Herzogs Langfilmdebüt »1986« nicht mehr aus dem Kopf gehen. Erhaben ragen die Tausende von Bäumen in den Himmel, mal halb im mythischen Nebel versunken, mal wie nackt, irgendwie leuchtend, während sich Elena (Daria Mureeva) in einem klobigen Lkw wie eine Ameise über die teils maroden Straßen schiebt. Sie ist die Heldin in diesem Film, in dem der vom Reaktorunglück von Tschernobyl verstrahlte Wald zwischen Belarus und der Ukraine zum ambivalenten Sehnsuchtsort wird. 

Besagter Wald ist einer jener Unorte, wie er dem Kino gern als Projektionsfläche für innere Zustände dient. Erinnerungen an die Zone aus Andrei Tarkowskis Klassiker »Stalker« werden wach. Der Wald in »1986«, der, wie es einmal heißt, nach dem Reaktorunglück rot geleuchtet habe, scheint für Elena voller Verheißungen zu stecken. Die Studentin lebt in Minsk, hört sich in der Universität propagandistische, verkorkste Vorlesungen über die Stärke von Belarus an und leidet unter dem Beziehungspingpong mit ihrem Freund Viktor (Evgeniy Sangadzhiev). In die Sperrzone um Tschernobyl – die sich flächenmäßig überwiegend auf belarussischem Gebiet erstreckt – mit ihren evakuierten Geisterstädten und -dörfern verschlägt es Elena, weil sie die illegalen Geschäfte ihres im Gefängnis sitzenden Vaters wieder aufnimmt und mit seinem Lkw Material aus der Zone schmuggelt, um die Schulden zu begleichen. 

Herzog, der auch das Drehbuch verantwortet, verbindet in seinem bei den Hofer Filmtagen mit dem Goldpreis ausgezeichneten Film beinahe dokumentarischen Naturalismus mit visueller Poesie. »1986« braucht wenige Worte und Hintergründe, das Innere der Figuren wird über die Bilder (stark: Philipp Baben der Erde) erzählt. Wir kleben förmlich an der facettenreich von Mureeva zwischen Wut, Unsicherheit und Eskapismus verkörperten Studentin. Ihre fluide Physiognomie ist der emotionale Geigerzähler in diesem Film, der mühelos Gegenwart und Vergangenheit verbindet und von Traumata handelt, persönlichen ebenso wie gesellschaftlichen. 

Das Reaktorunglück strahlt in Elenas Familie und in jenes autokratisch geführte Belarus, das im letzten Jahr in den Medien präsenter denn je war. Auch ohne direkte politische Bezüge erscheint »1986« im Kontext der Protestbewegungen und der verheerenden Ereignisse um Alexander Lukaschenko sehr aktuell.

Dem in Berlin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ausgebildeten Regisseur gelingt ein eigenwilliges Debüt. Auch wenn sich das Beziehungsgefecht zwischen Elena und Viktor ein ums andere Mal im Kreis dreht, lebt »1986« von seiner Hauptfigur und diesem Bild einer stillen Flucht: hinaus aus selbstzerstörerischen Abhängigkeiten und Zwängen, um sich in einem kontaminierten Gebiet zu verlieren. Was ist das für ein vieldeutiges Freiheitsbild, wenn hinter verheißungsvoller Schönheit eine weitere Gefahr lauert?

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