Berlinale-Kamera an Herrmann Zschoche

»Das Mädchen aus dem Fahrstuhl«
Herrmann Zschoche am Set von »Das Mädchen aus dem Fahrstuhl« (1991). © Joerg Erkens / DEFA Stiftung

Von Herrmann Zschoche kenne ich »Karla«, der lief 2016 in der Berlinale-Retro; über »Karla« redete Dieter Kosslick bei seiner Laudatio an Zschoche, der die Berlinale-Kamera erhielt, ausführlich. Und Zschoche selbst nannte seinen Film »Das Mädchen aus dem Fahrstuhl«, seine letzte DEFA-Produktion von 1990, eine Fortsetzung von »Karla«.

»Karla« handelt von einer Lehrerin, die mit dem DDR-System in Konflikt gerät. »Das Mädchen aus dem Fahrstuhl« handelt von Frank, einem sechzehnjährigen Schüler, der die Diskrepanzen zwischen dem, was in der FDJ-Zeitschrift proklamiert wird, und dem, was an der Schule und im Bildungssystem läuft, erkennt. Frank sieht in der ersten Szene im Fahrstuhl, auf dem Schulweg, dieses Mädchen. Sie sieht ihn an, sie lächelt einen Millimeter hoch. Sie ist die Neue in seiner Klasse, Regine. Als er sie wiedersieht, wieder im Fahrstuhl, hat sie ihre drei kleinen Geschwister dabei. Sie fehlt unentschuldigt in der Schule. Sie muss sich kümmern. Im Klassenrat bietet sich Frank an, Regine zu helfen. Der Beginn einer Liebe.

»Das Mädchen aus dem Fahrstuhl« (1991). © Joerg Erkens / DEFA Stiftung

Diese Liebesgeschichte: Zschoche weiß ganz genau, wie er die erzählen muss. Mit kleinen Gesten, mit großen Unsicherheiten, mit langsamer Annäherung finden sich die beiden. Zschoche erzählt mit Gefühl, behutsam, einfühlsam, mit Humor. Am Wochenende will Frank mit Regine ins Wochenendhäuschen. Sie hat ihre Geschwister mit. Die bleiben im Dreck stecken, das Wasserrohr am Klo geht kaputt, der Einserschüler Frank freut sich, dass Regine das reparieren kann: »Kann ich dir helfen?« – »Nein, ist schwierig genug.« Tagsüber die Kleinen, abends, als die Liebenden endlich allein sind, vorm Kamin, kommen Franks Eltern. Mist. Und später dann, am Nachmittag, da finden sie sich, in seinem Zimmer, und so zärtlich und weise, wie diese Liebesszene gezeigt ist, da geht einem das Herz auf. Zu dem Zeitpunkt ist Frank schon von der Schule verwiesen. Weil er, wie der Klasse versprochen, Regine hilft. Die hat schlechte Noten. Die Mutter ist in der Klinik, sie kriegt ihre Kinder auch nicht auf die Reihe, hat ein toxisches Verhältnis zu einem Alki. Regine muss sich kümmern, sie will Kindergärtnerin werden, hat aber zu schlechte Zensuren für die Fachschule. Als gäbe es beim Umgang mit Kindern irgendwelche Probleme, wenn man Sinuskurven nicht berechnen kann! Das prangert Frank an. Die Rektorin setzt ihre Autorität dagegen. Der Konflikt schaukelt sich hoch. Frank wird zum Rebellen ohne es zu wollen. Er, dem immer alles zugeflogen ist, merkt, dass die, die Probleme haben, nicht immer schuld sind. Dass man sie umso mehr unterstützen muss.

Aufrichtigkeit und Zivilcourage, stellte Kosslick in seiner Rede fest, dafür plädiere Zschoche in seinen Filmen, gegen Opportunismus, Anpassung, gegen den Untergang von Idealen und Idealisten. Schwieriges Terrain bei der DEFA, in der DDR. Und wie Zschoche mit diesen Themen umgeht im »Mädchen aus dem Fahrstuhl«, dafür hätte dem Film eine Ehrenplatz gebührt. Jedoch: Drehstart war der 1. Dezember 1989, Abnahme des Rohschnitts der 30. Juni 1990, nach der Premiere im Januar '91 hat den Film kaum je wieder einer gesehen. Das Drehbuch war jahrelang bei der DEFA unproduziert geblieben. Dreh war dann gerade in der Wendezeit. Und der Film war damit schon bei Drehstart veraltet. Denn in Szene gesetzt wurde das Drehbuch ganz genau und unverändert, die neue Zeit fand keinen Eingang in den Film. Einmal fragen sich Frank und Regine, was sie nach der Schule machen könnten, ach, mal wegfahren. In die Stadt oder raus? In die Stadt: Kudamm! Haha, kleiner Scherz. Geht ja nicht. Näher liegt ein Flug nach Karthoum. Oder: Franks Vater ist Direktor, ein großer Max, mit Strippen und Beziehungen überall hin. Abends ist Ministerempfang, Franks Mutter will nicht: Sekt trinken und zuhören, wie erfolgreich alle sind! Zu der Zeit waren DDR-Staat und –Wirtschaft in heller Auflösung begriffen.

»Das Mädchen aus dem Fahrstuhl« (1991). © Joerg Erkens / DEFA Stiftung

Veraltet im Moment der Filmaufnahme. Schade für den Film. Umso schöner, wenn er wiederentdeckt würde: Dass er ein paar Monate zu spät gedreht wurde, ist ja von heute aus eigentlich völlig egal. Für Gerechtigkeit kämpfen und damit heftig anecken: Das ging ja nicht nur Frank damals so.
 

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Kommentare

Vielen Dank für diesen schönen und differenzierten Text! Eine Wiederentdeckung wären dem Film und Herrmann Zschoche wahrlich zu wünschen!
Barbara Sommer ("Regine" in "Das Mädchen aus dem Fahrstuhl")

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