Feuerwerk ohne Lärm

Dies Bekenntnis ist bestimmt rufschädigend, aber es führt kein Weg daran vorbei: Ich habe »Die Odyssee« immer noch nicht gesehen. Lauter Gelegenheiten, die ich aus ärgerlichen, tragikomischen oder einfach nur jämmerlichen Gründen verpasst habe. Nach all den eitlen Debatten hat sich bei mir auch ein gewisser Überdruss eingestellt.

Inzwischen wird er noch verstärkt durch das Phänomen des Kinotourismus, das sich aus amerikanischen Fankreisen geradewegs auf die hiesigen Feuilletons übertragen hat Alle Welt rühmt sich nun der Heldentat, Nolans Film bis in die IMAX-Kinos in Prag, Brüssel oder London hinterher gereist zu sein. Es kommt mir so vor, als bestünde die Botschaft des Films in seinem Format. Als Marketingtrick ist das Spektrum unterschiedlicher Vorführtechniken, gleichsam als flexible Hierarchisierung, natürlich genial. So bin ich ja selbst schon zum Wiederholungsseher geworden. Wenn es mehr als eine Sommerlaune bleibt und die ästhetische Wahrnehmung schärft, ist diese Vielfalt eigentlich eine gute Sache. Aber nun hätte ich nicht übel Lust, mir »Die Odyssee« in einem klitzekleinen Saal anzuschauen, am besten in miserabler Projektion und mit schlechtem Ton. Nun ja, bei uns in Berlin läuft er noch in 70mm....

Heute soll es jedoch um Kinoerlebnisse einer anderen Art gehen. Sie bedürfen nicht der technischen Hochrüstung einer Kriegsmaschine aus Hollywood, sind aber ebenso ein exklusives Sommerphänomen - und entfalten ebenfalls einen besonderen Zauber: Stummfilme in Freilichtkinos. Die Atmosphäre spielt mit, aber nicht die von Dolby. Das Sommerkino im Arkadenhof der Uni Bonn findet heuer bereits zum 42. Mal statt und ist eines der besten Stummfilmfestivals überhaupt. Das Programm und die aufspielenden Musiker sind in der Regel hervorragend ausgewählt (https://www.internationale-stummfilmtage.de). Die Abende folgen einer trefflichen Dramaturgie, mit einem Vor- und einem Hauptfilm, gern unterschiedlichen Genres angehörend, wird auch das historische Kinoerlebnis rekonstruiert. Heute (15. 8.) beispielsweise geht es mit einer flotten Komödie von Frank Tuttle los, »Kid Boots« (Fünf Minuten Angst), in der Eddie Cantor, Clara Bow und Billie Dove die Hauptrollen spielen. Danach ist eine Perle des sowjetischen Kinos zu sehen, »Der Mantel« von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg. Einige der Filme sind danach auch in einer eigens eingerichteten Streaming Plattform greifbar. Das ist im Prinzip eine begrüßenswerte Idee (kostenlos, wobei nichts gegen eine Spende spricht), aber in diesem Zusammenhang eher kontraproduktiv.

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch des Festivals in Pordenone, wo Kevin Brownlow in einige Programme einführte und schwärmte, davon habe er immer geträumt: Im Sommer in einem Kino lauter alte Stummfilme zu sehen. Das stimmte nicht wirklich, weil es im Oktober stattfand, und passt auch nicht recht in mein heutiges Konzept. Aber Brownlows Idee der Entrückung potenziert sich unter dem Sternenhimmel noch einmal. Die Zeitreise wird intensiver. Das Publikum gibt sich der Witterung preis und tut dies voller Zuversicht, was ein eigentümliches Gemeinschaftsgefühl schafft. Die urbane Atmosphäre trägt dazu bei, trotz (oder gerade dank?) akustischer Störfaktoren. Wie immer im Kino ist man allein und ist es eben auch nicht. Aber im Freien und in dieser Jahreszeit setzt man sich den Ereignissen auf besondere Weise aus. Das gilt auch für die UFA-Filmnächte, die noch nicht ganz so lange existieren wie das Festival in Bonn deren Programm nur aus drei Titeln bestehen. In diesem Jahr stehen sie im Zeichen deutscher Regisseure, die in Hollywood arbeiteten (https://www.ufa-filmnaechte.de/). »Sunrise« von Murnau muss man nicht erst vorstellen. Lubitsch gelang in »Lady Windermeres Fan« das Kunststück, Oscar Wildes Komödie treu zu verfilmen, ohne einen einzigen Satz zu verwenden. »The Cat and the Canary« von Paul Leni muss ich unbedingt nachholen. Ich vermute, für viele Berlinerinnen und Berlin ist einfach schon der Veranstaltungsort von ausschlaggebendem Reiz, der Kolonnadenhof auf der Museumsinsel. Arkaden wiederum liefern den Hintergrund der Open-Air-Veranstaltungen der Regensburger Stummfilmwoche (https://www.stummfilmwoche.de/index.html). Die gibt es auch schon seit über 40 Jahren. Frank Hoyer (https://www.stummfilm-magazin.de/) besucht diese Festivals ausgiebig und berichtete mir gerade, wie hervorragend sie besucht sind.

Hoffen wir mal, dass das alles unter einem guten Stern steht. Zum Schluss möchte ich Sie auf eine ausgefallene Vorführform hinweisen, die an die historischen Anfänge des Kinogeschäfts anknüpft. Es ist verflixt, aber ich müsste einfach viel häufiger den verdienstvollen Kalender konsultieren, den Frank Hoyer auf seiner Seite mit ungeheurer Akribie und Hingabe zusammenstellt. Dann hätte ich das Wanderkino viel früher entdeckt, das vor einigen Tagen an der Ostseeküste, in Zingst und Prerow (Darß/ Fischland) sowie Graal-Müritz, gastiert (https://wanderkino.de/filmprogramme und sich auf Slapstickkomödien spezialisiert hat, aber auch andere Genres in petto hat. Eine tolle Unternehmung, die in diesem Monat auch nach Berlin kommt.(https://tobiasrank.de/termine) Das ist das Schöne: Im Kino gibt es nach der verpassten Gelegenheit immer die Chance, sie nachzuholen

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