Die zweitberühmteste Brille in Chile

Mitunter kommt es vor, dass eine eher untypische Bildidee emblematisch für einen Regisseur wird. Bei John Ford wäre das beispielsweise die sich zu Beginn von „Der schwarze Falke“ öffnende Tür oder bei Stanley Kubrick der Knochen aus der Urzeit, der sich in „2001“ in ein Raumschiff verwandelt. Im Werk von Sebastián Lelio, der am Freitag im Alter von nur 52 Jahren starb, ist es die Gegenwind-Einstellung aus „Eine fantastische Frau“.

Wind ist dabei freilich zu wenig gesagt. Es ist ein regelrechter Orkan, der die Transfrau Marina (Daniela Vega) erfasst. Er fegt alles fort, aber sie stemmt sich wacker gegen ihn. Die Heldinnen des chilenischen Regisseurs, in dessen Kino die Männer stets Nebenrollen spielten, mussten sturmerprobt sein. Es schlug ihnen die geballte Thermik der gesellschaftlichen Konventionen und familiären Strukturen entgegen. Er bewunderte ihren Mut, stand zu halten. Die Dreharbeiten der Einstellung müssen wahnsinnig kompliziert gewesen sein, keine Ahnung, in wieweit Spezialeffekte da eine Rolle spielten. Sie ist magisch. Darin fällt sie ein wenig aus dem Film heraus, eine grandiose Metapher, die bei der Montage des Films womöglich eine frei schwebende Option war, die hier und dort hätte platziert werden können, aber eben um der Hauptfigur willen unbedingt auftauchen musste.

Die Montage war das Erste, was mir – nach der Empathie für seine Charaktere – in Lelios Filmen auffiel. Das liegt anderthalb Jahrzehnte zurück. Damals saß ich in der Jury des Berliner Künstlerprogramms des daad, des akademischen Austauschdienstes. Wir entschieden über sechsmonatige Aufenthaltsstipendien in Berlin. Als ich seinen ersten Langfilm „La sagrada familia“ (2005) sah, hatte ich das Gefühl: Hier sitzt jeder Schnitt, dieser Regisseur weiß genau, welcher Rhythmus zu seinen Charakteren passt. Kaum zu glauben, dass er in weniger als einer Woche gedreht worden war! Es kostete wenig Anstrengung, den Rest der Jury zu überzeugen. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Während Lelio sein Stipendium antrat, wurde „Gloria“ 2013 in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Ein coup de foudre, zuerst für das Festivalpublikum, dann mit weltweiter Ausstrahlung. Dieser Filmemacher verstand es, die Leute für seine Figuren einzunehmen.

Im Rahmen meiner Jury-Tätigkeit lernte ich ihn nicht kennen, wohl aber als Journalist, der ihn zu „Gloria“ interviewen sollte. Der Film fing offenkundig eine soziale Atmosphäre in Chile ein, die er mir lebhaft vermittelte. Damals begehrten die StudentInnen auf; sie fanden sich durchaus in der Protagonistin wieder. Aus seiner Heimat hatte er gehört, dass die Brille, die Paulina Garcia in seinem Film trägt, fast so berühmt war wie die von Salvador Allende. Kein Zweifel, er hatte ein Talent zur Familiarität. Mich interessierte natürlich auch der Subtext des Films. Lelio erzählte nicht nur eine private Geschichte. Der fast ideale Liebhaber für Gloria ist ein ehemaliger Marine-Offizier. Da gerieten wir auf spannungsvolles Terrain. Von ihm erfuhr ich, dass Militär und Marine unter Pinochet durchaus unterschiedliche Rollen spielten, was auch unterschiedliche Grade der Verstrickung bedeutete. Es fiel ihm sichtlich schwer, den Stab über seine Figuren zu brechen. Ich muss sie mögen, sagte er, sonst käme ich mir beim Schreiben wie ein Zyniker vor. Er wollte differenzieren, das entsprach seinem Naturell.

Offensichtlich gefiel es ihm in Berlin. Er blieb eine ganze Weile, eröffnete ein lateinamerikanisches Restaurant in Kreuzberg, das er „Gloria“ taufte. Diese Idee war smart, aber auch triftig: Seine Filme waren gastfreundlich, es sollte dem Publikum gut gehen. Ich glaube, am Tresen war er nicht allzu oft anzutreffen, denn er war inzwischen überaus gefragt. 2017 war er wieder im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Für „Eine fantastische Frau“ erhielt er einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Da hätte man sich noch ganz andere Preise vorstellen können, zum Beispiel für Daniela Vega. Aber verkehrt war diese Jury-Entscheidung auch nicht. Lelio war ein exzellenter Drehbuchautor, meist in Komplizenschaft mit Co-Autorinnen und offen für die Ideen seiner Darstellerinnen.

Mittlerweile drehte nicht mehr allein in Chile. Gleich im Anschluss an „Eine fantastische Frau“, für den er den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt, entstand sein erster englischsprachiger Film, „Disobedience“ (Ungehorsam), über eine lesbische Liebe im orthodoxen jüdischen Milieu in London. Ihm lag ungemein daran, seinen Radius zu erweitern. Seit jeher bewies er Geschick im Umgang mit Darstellerinnen, und nun mit Rachel Weisz und Rachel McAdams. Dass sein eigenes US-Remake von „Gloria“, so patent geriet, kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen: Er wahrte die Kontrolle über seine Figur, indem er sie neu verankerte. Dabei bewies er zugleich eine bewundernswerte Anpassungsfähigkeit; er ging, wohin ihn das Kino führte. Falls er ein Stilist war (er mochte Spiegelungen), dann ein leichtfüßiger. Der Energie seiner Protagonistinnen, die um Selbstbestimmung und Achtung kämpften, stand seine Inszenierung nie im Wege. Das war keine Frage des Opportunismus`, sondern ein Plädoyer für Leidenschaft und Lebensneugier. Er interessierte sich einfach wahnsinnig für weibliche Identitäten. Das war bis zuletzt so, bis zu seinem Cannes-Beitrag „ La Ola“ von 2025, einem feministischen Musical. Sein jüngstes Projekt war angeblich schon weit vorangeschritten.

Neben seinen Filmen habe ich vor allem sein Antlitz vor Augen. Es war einzigartig jungenhaft, recht eigentlich unvollendet. In diesen Zügen lag etwas zunächst Ungeschütztes. Seine Augen funkelten gewinnend und ohne Argwohn. Zu dem Eindruck einer robusten Kindlichkeit trugen vor allem seine Lippen bei. Sie waren außergewöhnlich schmal, aber man kam nie auf die Idee, dass er ein schmallippiger Charakter sein könnte. Vielmehr schien er lebenszugewandt. Ein Regisseur mit einem solchen Gesicht konnte schlechterdings kein Tyrann sein, sehr wohl aber ein Komplize. Ich hätte gern miterlebt, wie Reife in diese Züge eingekehrt wäre; schon um des Weltkinos willen.

 

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