Wir hatten uns so geliebt

Gestern Abend fühlte ich mich an die Berlinale erinnert, wie sie mir aus 18 Jahren vertraut war. Das lag nicht nur am Ort am Potsdamer Platz, der für zwei Wochen im Februar zu deren Palast erklärt wird, obwohl er für Filmvorführungen denkbar schlecht geeignet ist. Geschuldet war der Eindruck auch der Wiederkehr von Dieter Kosslick, der bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises aber nur als Laudator auftauchte, wie er kokett betonte.

Aber seinen Geist atmete die ganze Veranstaltung darüber hinaus – als eine unerbittlich umarmende Verschwörung der Gutwilligen. An diesem Abend durfte jeder jeden großartig finden. Die Darstellerinnen und Darsteller hatten ihre Rollen wirklich gelebt und damit also auch das Leben selbst ein gutes Stück besser gemacht. Aber eigentlich wollte an diesem Freitagabend niemand an die Berlinale denken, deren letzte Preisverleihung bis heute als Trauma weiterwirkt. So wie im Februar sollte es auf keinen Fall aus dem Ruder gehen. Das mithin sehr durchschaubare Drehbuch zur Lola schrieb mithin nicht der Wiedergänger Kosslick, sondern die Gastgeberin Claudia Roth, aus deren Etat die hochdotierten Preise finanziert werden. Es fielen nur Sätze, die jeder unterschreiben konnte.

Die Filmakademie will ebenso ergriffen sein wie das Berlinale-Publikum. Sie zeigt sich von ihrer utopischen Seite. Der ökologische Fußabdruck stimmte, man genderet korrekt und die Riege der Preisvergebenden war so divers wie hiesige Fernsehwerbung. Eine Wagenburg demonstrativer Weltoffenheit- Vom angeblich so guten Lauf, den das deutsche Kino laut Akademiepräsidum international haben soll (wieder kein Film im Wettbewerb von Cannes) war nicht die Rede. Und da es um dem Publikumserfolg heimischer Produktionen im vergangenen Jahr nicht ganz so prächtig stand (der einschlägige Preisträger hat nicht mehr als 1, 6 Millionen Kinokarten verkauft), musste die Bilanz durch gute Absichten ausgeglichen werden.

So waren die erinnernswerten Momente des Abends kein Verdienst, das die Filmbranche für sich verbuchen kann. Es war nachgerade schamlos, wie die Filmakademie sich in der fürwahr bewundernswerten Versöhnungsleistung der wackeren Margot Friedländer sonnte. Es dauerte indes eine Weile, bis man die 102jährige Überlebende der Shoah zu Wort kommen ließ. Man kam ihr generös wohlwollend zuvor. Das nahm ihren Mahnungen nichts an Wucht. Als sie vor 14 Jahren aus den USA nach Berlin zurückkehrte, hätte sie sich nicht träumen lassen, was heute in Deutschland geschieht. "So hat es damals auch angefangen", sagte sie. Sie nahm alle im Saal in die Pflicht, die Geschichten erzählen. Aber das deutsche Kino hat seine eigene Staatsräson. In diesem Jahr wurde die Aufarbeitung der Nazizeit von "Der Fuchs" repräsentiert, im nächsten Jahr und in den folgenden werden es andere Titel sein. Aber werden die Filmemacher ihren Appell jenseits des Reflexhaften hören? "Seid Menschen", forderte sie, "seid Menschen!" Damit durfte sich jeder gemeint fühlen in dieser Gemeinschaft der Gänsehauten. Auch Friedrich Merz applaudierte, kurioserweise der einzige Bundespolitiker, den die Live-Regie ausdauernd in den Blick nahm.

Margot Friedländers Worte hallten nach. Damit meine ich nicht Kosslick, der später seine "alte Freundin" grüßte (sie kennt viele, die sich dieser Auszeichnung rühmen), sondern die Dankesrede eines Preisträgers, der sie kurz hielt, um ihnen einen Nachklang zu geben. So unaufdringliche Würde war, trotz aller Anstrengung, selten. Eine Auszeit vom Diktat der Fördergremien und Fernsehredaktionen durfte die Branche dann bei der hinreißend somnambulen Dankesrede der fürihr Lebenswerk ausgezeichneten Hanna Schygullas nehmen, deren Arbeit mit Fassbinder in der heutigen Gemengelage wohl wenig Chancen hätte. Erhebend war auch das "In Memoriam", in dem der Verstorbenen des letzten Jahres gedacht wurde. Darin hatten auch Hans Helmut Prinzler und der formidable Kinopionier Werner Grassmann ihren Platz. So viel Takt und Weitblick hätte ich nicht erwartet. Warum erfuhr man erst gestern, dass der unerschrockene Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein gestorben ist? Es steht nicht gut um die Branche und unsere Medien, wenn man dergleichen nicht rechtzeitig mitbekommt.

Erstere hatte ohnehin sichtliche Probleme, sich künstlerisch selbstbewusst zu präsentieren. Es klingt verräterisch defensiv, wenn man eine wichtige Disziplin mit der Frage "Wie viel wüssten wir, wenn wir mehr Dokumentarfilme sehen würden?" ankündigt. Ein professionelles Selbstverständnis spiegelt sich auch nicht unbedingt darin, wenn filmferne Figuren wie "Checker Tobi" erklären, was die Gewerke sind. Ist dieses Fremdeln nur dem "anderen" Medium (dem Fernsehen, das doch über fast alles gebietet in der hiesigen Kinematographie) und seinem Publikum geschuldet? Hauptpreise wie der für das Beste Drehbuch werden gleich zu Anfang, in der Aufwärmphase, vergeben. Die kluge Ayse Polat (Im toten Winkel) verschießt hier fast schon ihr Pulver. Neue Erzählformen sind wichtig, um Fühl- und Denkräume zu erweitern, um die Empathie zu stärken in Zeiten, in denen der Fokus auf dem Verbindenden, nicht dem Trennenden liegen sollte. Bei den zwei folgenden Dankesreden konnte sie sich eigentlich nur noch wiederholen. Diversität, neue Perspektiven, Zusammenwachsen: das gehörte zur Folklore der Veranstaltung. Es war nicht ganz klar, was und wen ihr finales "Ihr habt Bedeutendes geschaffen." meinte. Das musste es vielleicht auch nicht, damit jeder im Saal sich angesprochen fühlen durfte.

Und wie kann man das Ungleichgewicht in den Laudationes erklären, die ausführlichen Beschwörungen der späteren Gewinner? Sie müssen im Rausch des Vorwissens verfasst worden sein. Wim Wenders wird schon gemerkt haben, dass er sich keine Hoffnungen in der Dokumentarfilmsparte machen musste, nachdem sein »Anselm« nur mit zwei Sätzen vorgestellt wurde. Und als Timm Kröger hörte, was für wunderbare Arbeiten noch von ihm zu erwarten sein werden, schwante ihm bestimmt, dass er als Regisseur diesmal nicht zum Zuge kommen wird. Schlechtes Handwerk war bei der Verleihung allerorten im Spiel. Die Gags zündeten nicht. Den Sprung von der rechten Gesinnung zu lockerem  Entertainment schaffte niemand mühelos. Andererseits, was kann zusammenwachsen, wenn das deutsche Kino eine gemeinsame Identität in einer holprigen Karaoke-Darbietung von Whitney Houstons "The Greatest Love of All" sucht?

 

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