Die besetzte Traumfabrik

Wenn sich die Kamera den Türen nähert, hinter denen die Büros der Deutschen liegen, eilt sie regelmäßig den Figuren voraus. Diese zögern, die Schwelle zu übertreten. Unheilschwangere Musik rechtfertigt ihr Innehalten, als wäre der nächste Schritt gleichbedeutend mit einem Teufelspakt. "Ich arbeite nicht für die Deutschen, sondern bei ihnen", erklärt der junge Regieassistent Jean Devaivre kategorisch, der bei der "Continental" in Lohn und Brot steht.

Mit diesen Zeilen fing bereits ein früher Eintrag an, den ich anlässlich der Retrospektive des Berliner Zeghauskinos über die produktivsten Filmfirma der Besatzungszeit schrieb, die mit deutschem Geld und unter deutscher Führung urfranzösische Filme drehte ("Die Unbekannten im Haus" vom 10. 5. 2017). Verzeihen Sie mir das Selbstplagiat, aber ich entdeckte gerade, dass heute Abend auf arte der Film läuft, aus dem die eingangs beschriebene Sequenz stammt - und mir fiel auf die Schnelle kein besserer Einstieg ein. Es handelt sich um »Laissez-passer« (Der Passagierschein) von Bertrand Tavernier, an den sich »La Main du diable« (Die Teufelshand) anschließt, den Maurice Tourneur ( der bei Tavernier auftritt: "Ich will lange, geheimnisvolle Schatten.") für die "Continental" drehte. Ein kurzfristiger Programmhinweis also (aber womöglich können Sie den kleinen Themenabend noch in der Mediathek nachholen), denn ich mag den Film sehr, seit ich ihn 2002 auf der Berlinale sah.

Wie alle Kostümfilme Taverniers strebt er danach, eine historische Epoche aus dem Alltagsleben heraus zu rekonstruieren. Das gelang immer besonders gut, wenn der gelernte Historiker Jean Cosmos sein Co-Autor war. Ein Fresko in Scope, aber trotz seiner Länge und des Aufwands kein Epos, vielmehr eine Kaskade der Dringlichkeit. Raumgreifende Totalen gibt es vergleichsweise wenige, vielmehr gewährt er in nahen und halbtotalen Einstellungen lebhafte Innenansichten einer belagerten Traumfabrik. Bertrand interessierten die Widersprüche, in welche die Zusammenarbeit mit den Besatzern die französischen Filmschaffenden verstrickte. Das Drehbuch kreist um zwei reale Hauptfiguren, die zwei unterschiedliche Haltungen verkörpern: den Assistenten Devaivre (Jacques Gamblin wurde, ebenso wie der Komponist Antoine Duhamel, in Berlin mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet), der sich nach, manchmal auch vor Dienstschluss in der Résistance. engagiert, und den Drehbuchautoren Jean Aurenche (Denis Podalydès), einen paranoiden Schwerenöter, dessen Talent zum Fabulieren ihn nicht nur mit der Zensur in Konflikt bringt, sondern auch in seinen diversen Liebesgeschichten Unruhe stiftet. Bei aller Dramatik ist immer Platz für Lebensart und das Unbeschwerte.

Bertrand und Cosmos feiern kleine und größere Gesten des alltäglichen Aufbegehrens; der spektakulärste Akt des Widerstands (in dem Devaivre Geheimdokumente nach England schmuggelt) ist ganz unheroisch als Burleske um Bürokratie, Missverständnisse und Erschöpfung inszeniert. Das Drehbuch ist in diesem Punkt so exzentrisch wie die Szenarien von Powell& Pressburger, eine wunderbare Mischng aus Ernst und Unernst. Lebendig ist der Film dank seiner charismatischen, schwungvollen Besetzung (Olivier Gourmet als Produzent Roger Richebé; Christian Berkel, von dem Bertrand hellauf begeistert war, spielt den Continental-Chef Dr. Alfred Greven). Und Alain Choquarts Kamera bewegt sich fortwährend, als begleite sie die Schauspieler wie bei einem Tanz. »Laissez-Passer« ist ein Film der widerständigen Unbehaustheit.

Dass der Film Bertrands Lust am Paradoxon entspricht, habe ich im Eintrag von 2017 bereits skizziert. Als ich bei einer Diskussion mit Filmstudenten einmal anmerkte, die Drehbuchautoren hätten bei der "Continental" während der Okkupation offenbar viel größere Freiheiten genossen als bei deren heimischen Konkurrenten, widersprach er mir vehement, ja empört. »Laissez-passer« bedeutete ihm viel, zumal zahlreiche Linien in seinem Werk und seiner Cinéphilie zu ihm führten. Er brachte ihm auch beträchtlichen Ärger ein. Aurenche war immerhin einer der Lieblingsfeinde Francois Truffauts, der ihn und dessen Co-Autor Pierre Bost in seinem Pamphlet "Eine gewisse Tendenz im französischen Kino" und andernorts für die prätentiöse Schwerfälligkeit des Nachkriegskinos verantwortlich machte. Bertrand bemühte sich früh, schon als Filmkritiker, um dessen Rehabilitierung und verpflichtete ihn in den 1970ern als Szenarist seiner ersten Regiearbeiten. Dass er Aurenche in »Laissez-passer« ein Denkmal setzt, nahmen ihm die "Cahiers du cinéma" mächtig übel. Die verfeindeten Kapellen der französischen Filmkritik waren auch 2002 noch immer nicht versöhnt.

Fast noch wichtiger war ihm die Rolle, die Devaivre spielt. Auch der war eines seiner großen Rehabilitierungsprojekte. Als er ihn entdeckte und bald darauf persönlich kennenlernte, war er praktisch vergessen. Nach dem Krieg hatte er als Regisseur zwei exzellente Genrefilme gedreht, »La Dame de onze heures« (SOS-11 Uhr nachts, 1947) und »La ferme des sept pechés« (Bauernhof der sieben Sünden, 1949), um dessen Wiederentdeckung sich Bertrand leidenschaftlich bemühte. Sie blieben ein uneingelöstes Versprechen, danach konnte er sich nie mehr wirklich in der Branche behaupten und arbeitete an diversen Erfindungen. Bertrand bekniete ihn, seine Lebenserinnerungen zu veröffentlichen und es wurde, dank seiner Vermittlung, tatsächlich ein Buch daraus. Das Drehbuch zu »Laissez-passer« beruht zum Teil auf den einschlägigen Passagen der Memoiren. Dass sich daran ein erbitterter Urheberrechtsstreit entzündete, erfuhr ich erst viel, viel später. Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zum Film (dessen internationaler Titel lautet "Safe Conduct") liefert einige Hintergründe. Über das Zerwürfnis mit Devaivre sprach Bertrand nie. Vielleicht, weil auch er sich verraten fühlte? Oder aus Bedauern, gar Scham? In einem unseren ersten Interviews verglich er Filmregisseure mit chinesischen Kriegsherren, die alles plünderten, was ihnen in den Weg kam. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sich selbst damit meinte. Vielleicht ein Irrtum. Für ihn schien das Kino eine Gemeinschaftskunst zu sein, er bewies in der Regel großen Respekt vor dem künstlerischen Beitrag der Anderen. Die französische Begrifflichkeit ist doppeldeutig: "collaborateur". In »Laissez-passer« kommen Beide vor, Kollaborateure und Mitarbeiter.

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