Höhere Gerechtigkeit?

Es war ein denkwürdiger Prozess, der im Juni 1921 vor dem Kriminalgericht in Moabit verhandelt wurde. Er endete mit einem Urteil, das noch erstaunlicher war. Der junge Armenier Soghomon Tehlirian wurde angeklagt, Talat Pascha, den nach Berlin geflohenen, letzten Innenminister des osmanischen Reiches, in Charlottenburg mit einem gezielten Genickschuss getötet zu haben. Der Angeklagte war geständig und die Last der Indizien gegen ihn erdrückend. Die Tat fand heute vor 100 Jahren am späten Vormittag in der belebten Hardenbergstraße statt. Aber die Geschworenen mussten sich nur wenige Stunden beraten, um ihn freizusprechen.

Für den Anschlag drohte dem Angeklagten die Todesstrafe. Er hatte mit Vorsatz gemordet. Die Geschworenen erklärten ihn jedoch für schuldunfähig. Mit diesem Urteil folgten sie der Argumentation der Verteidigung, Tehlirian wollte Talat Pascha (auch Mehmet Talat genannt), einen der Architekten des Völkermordes an den Armeniern, zur Rechenschaft ziehen. Im Prozess wurde nicht erwähnt, dass der Angeklagte im Auftrag der armenischen Untergrundorganisation „Wresh“ (Nemesis) handelte. Er hatte sich für die Mitgliedschaft empfohlen, als er ein Jahr zuvor einen türkischen Beamten erschoss, den er mitverantwortlich machte für die Deportation und Ermordung der in Istanbul lebenden Armenier.

Der Prozess wurde ihm atemlos schnell gemacht; Tehlirian stand bereits zweieinhalb Monate nach dem Attentat auf der Anklagebank. Es waren hohe Interessen im Spiel, eine eigene deutsche Angreifbarkeit, denn man war im Weltkrieg immerhin Verbündeter des Osmanischen Reiches gewesen. Der Justiz war daran gelegen, dass die Verhandlung möglichst unauffällig und unpolitisch von Statten ging. Es kam anders. Das öffentliche und das Medieninteresse waren groß. Die Geschworenen mochten ihre Augen nicht verschließen vor den Gräueltaten des jungtürkischen Regimes, denen sechs Jahre zuvor anderthalb Millionen Menschen, darunter Tehlirans gesamte Familie, zum Opfer fielen. Vor Gericht sagte er aus, Augenzeuge ihrer Ermordung gewesen zu sein. Tatsächlich befand er sich zu diesem Zeitpunkt in Serbien. Entscheidend für den Freispruch war einerseits sein Geisteszustand während der Tat. Ausschlaggebender aber war wohl das bisherige Versagen, den Völkermord zu ahnden. Die internationalen Prozessbeobachter, zumindest das liberale Lager, feierte das Urteil als Sieg einer höheren Gerechtigkeit. Tatsächlich lieferte es einen wichtigen Anstoß, damit sich der Völkerbund mit der Frage nach Bestrafung und Verhinderung von Genoziden auseinandersetzte.

Für die in der Diaspora lebenden Armenier war der Freispruch ein Fanal. Er konnte nicht verhindern, dass auf Druck der türkischen Diplomatie Jahrzehnte lang Schweigen gewahrt wurde über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Über ihn schrieb ich im April 2015 die Einträge „Schreien und Flüstern“ sowie „Widerstände“. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich zwar, dass im Fernsehen eine Dokumentation („Hinrichtung auf offener Straße“) über die Ereignisse ausgestrahlt wurde. Aber dass Robert Guédiguian einen Spielfilm drehte, hat, erfuhr ich erst später. „Une histoire de fou“ ist sein Beitrag zum 100. Jahrestag der Deportationen. In Deutschland war dies wehmütige Meisterstück der Vergegenwärtigung von Geschichte meines Wissens nach noch nicht zu sehen. Dergleichen ist nicht unbedingt willkommen, was kommerzielle wie politische Gründe haben wird.

Im Prolog von „Une histoire de fou“ (schwer zu übersetzen: Ist es nun „Eine verrückte Geschichte“ oder „Die Geschichte eines Verrückten“?) rekapituliert Guédiguian den Prozess eindrücklich und verweist, mit einem beherzten Schwenk zu einer Litfaßsäule, auf Kontext und historisches Erbe der Geschehnisse. Darauf prangt ein Plakat, das einen Film bewirbt, dessen Titel ebenso heißt wie die Geheimorganisation, der Tehlirian (gespielt von Robinson Stévenin) angehört, „Nemesis“. Gleich daneben wird der Vortrag eines Politikers angekündigt, der Deutschland eine neue Zukunft verheißt und ein großer Bewunderer der türkischen Verdrängungsdemagogie werden sollte: Adolf Hitler.

Gegenüber der Vorlage, dem autobiografischen Roman „La bomba“ des spanischen Journalisten José-Antonio Guirraran, erweitert Guédiguian die Perspektive und erzählt von der spirituellen Reise einer Vielzahl von Charakteren. Die eigentliche Handlung setzt zwei Generationen später ein, im Marseille der 1980er Jahre, wo die armenische Familie Alexandrian ein Feinkostgeschäft betreibt. Sie ist zerrissen zwischen der Erinnerung und dem Wunsch nach Vergessen. Sohn Aram schließt sich der geheimen armenischen Terrorarmee „Asala“ an und verübt ein Attentat auf den türkischen Botschafter, bei dem ein unschuldiger Passant, der Medizinstudent Gilles, schwer verletzt wird. Arams Mutter (Ariane Ascaride) bittet ihn um Vergebung und setzt damit einen schwierigen Prozess der Annäherung in Gang.

Auf den ersten Blick scheint dies ein ungewöhnlicher Stoff für diesen Regisseur, der seine Geschichten gern um eine beschaulich-mediterrane Idee von Geselligkeit und Solidarität konstruiert (was heißt konstruiert, sie fließen eigentlich eher). Zum Glück fällt es nicht immer sofort auf, dass er seine Filme aus persönlicher, staatsbürgerlicher Betroffenheit dreht. Es schadet ihnen aber auch nicht unbedingt, wenn man es merkt. Dieser ist ein leidenschaftlich offener Dialog über Schuld, Verantwortung und die Legitimation von Terrorismus. Die Geschichte lässt Guédiguian nicht ruhen. Mit armenischer Wehrhaftigkeit hat er sich schon zuvor beschäftigt. In „L'Armée du crime“ erzählt er 2009 von der Résistance-Zelle Manoukhian, ein unbekanntes Kapitel der deutschen Okkupationszeit. Auch das ein schwieriger, uneindeutiger Film, der hier zu Lande unsichtbar ist, noch eine Wiederkehr des Verdrängten.

 

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