Die Neuerfindung des Vertrauten

Seine Stimme habe ich zuerst gar nicht erkannt. Sie ist inzwischen etwas brüchiger geworden und klingt heiser. Aber das "quoi", das "Was", das André Téchiné gern ans Ende seiner Sätze stellt, halb als Fragezeichen, halb als Komma, war mir augenblicklich wieder vertraut.

Beim Schnitt einer Fernsehdokumentation hatte uns diese Angewohnheit einmal vor gut 25 Jahren einige Schwierigkeiten bereitet. Der Sprachduktus des Regisseurs war unberechenbar. Man konnte nicht einfach nach dem Satzende schneiden, dazu blieb er zu offen, nicht in seiner Aussage, aber der Stimmhöhe. Ich hatte Téchiné noch gut im Ohr (seither habe ich ihn bei verschiedenen Gelegenheiten erneut interviewt), als ich ihn nun in Thierry Klifas Porträt wieder hörte. Aber ich hatte das Gefühl, ihn neu kennenzulernen.

Das braucht man ab und zu, wenn man glaubt, das Werk eines Filmemachers gut zu kennen: die Chance, von der eigenen Sichtweise für einen Moment befreit, wenn nicht gar erlöst zu werden. Der frühere Journalist Klifa, der selbst ein interessanter Regisseur ist, hat einen eigenen, persönlichen Zugang zu Téchiné. Sie sind befreundet, Kollegen. Nachdem er dessen Kino Anfang der 1980er mit »Begegnung und Biarritz« entdeckte, schaut er sich seine folgenden Filme stets in der ersten Vorstellung am ersten Tag an, ein Ritual, das ihn stets "wie ein erstes Rendezvous" war. Die Suche nach Frische und Ursprünglichkeit ist wichtig bei diesem Filmemacher.

Lassen Sie sich also nicht von dem banalen deutschen Untertitel »Filmregisseur mit Leidenschaft« abschrecken (das Original »l' insoumis« ist vielschichtiger, aber auch nicht ganz treffend, wenn es Téchiné einen Rebell oder Widerspenstigen nennt), sondern schauen Sie sich die Sendung unbedingt in der Mediathek von arte (noch bis zum 17. April) an. Und folgen Sie danach bitte unverzüglich meiner zweiten Empfehlung: »Claude Sautet: Regisseur der Zwischentöne«, der heute zu nachtschlafener Zeit auf dem selben Sender und in der selben Mediathek (leider nur bis zum 9. März) zu sehen ist. Beide Dokumentationen gelangen auf unterschiedliche Weise zu unterschiedlichen Ergebnissen, aber in ihnen kristallisiert sich etwas, das selten im Fersehen gelingt: Es eint sie das eingehaltene Versprechen, das Temperament eines Filmemachers in Werk und Person aufzuspüren.

Klifa macht erst einmal das Übliche, dies aber nicht unbedingt konventionell, wenn er sich auf historische Aufnahmen von Dreharbeiten und Premieren stützt und zahlreiche MitarbeiterInnen und FreundInnen, bei Téchiné geht das oft Hand in Hand, interviewt. Es ist triftig, dass dies vor allem Schauspielerinnen sind (Juliette Binoche, Sandrine Kiberlain, Isabelle Adjani spricht kokett aus dem Off und Catherine Deneuve ist unverzichtbar), denn sie stehen im Zentrum seines filmischen Kosmos'. Sie sprechen klug und zuweilen sichtlich bewegt über die Zusammenarbeit mit ihm, die sie unweigerlich in Bereiche großer Verletzbarkeit vorstoßen ließ. Das Gefühl, geliebt zu werden, sagt Emmanuelle Béart, ist wichtig für eine Schauspielerin, erst recht, aus den richtigen Gründen geliebt zu werden. Daniel Auteuil irrlichtert wie ein Waisenkind durch die Dokumentation. Er entblößt sich furchtlos: Die Arbeit mit Téchiné fehlt ihm elementar, er wäre gern vor dessen Kamera älter geworden, aber das Alter interessiere ihn nicht.

Zu den ungekannten Facetten, die ich dank Klifa kennenlernte, gehören der Humor und die Selbstironie dieses großen Melodramatikers. (Tatsächlich hat er eine beträchtliche Ähnlichkeit mit Fernandel.) Dass Téchiné an Klaustrophobie leidet, wusste ich, aber seine Schlussfolgerung, sie gebe ihm eine größere Freiheit bei der Inszenierung von Räumen, ist ein schillernder Mehrwert. Dass er der Erste sein soll, der sich mit der Migration aus dem Maghreb beschäftigte, ist hingegen eine schwer haltbare These. Dass er sich erst nach dem Tod seiner Mutter filmisch mit seiner Homosexualität auseinandersetzen konnte, wirft ein bemerkenswertes Licht auf seine Herkunft, seine Schamhaftigkeit und die Zeitläufte. Die Aids-Krise ist einschneidend für ihn. Es war wie "Mars Attacks!", sagt er, ein Krieg unserer Generation, der ihn mit dem Gefühl zurückließ, seinem Schicksal entronnen zu sein. Diese Erkenntnisse werden zuweilen getrübt durch jene tolpatschige Ahnungslosigkeit, die man von arte-Synchronisationen leider gewohnt ist. War denn wirklich niemandem klar, dass das französische "genre" im Zusammenhang der Diskussion seiner Homosexualität mit "Geschlecht" übersetzt werden muss?

Klifa zeichnet Téchiné als einen Filmemacher, der politisch in dem Sinne ist, als er sich für Menschen engagiert. Auch Claude Sautet, obgleich in seiner Jugend überzeugter Kommunist, drehte keine Traktate. Das wurde ihn insbesondere während der Pressekonferenz vorgehalten, die er 1970 nach der Premiere von »Die Dinge des Lebens« in Cannes abhalten musste. Sie nimmt viel Platz ein in dem Porträt von Amine Mestari und seinem Co-Autor Thomas Boujut. "Die Fragen", heißt es wunderbar entschieden im Off-Kommentar, "treffen auf einen Regisseur, der wenig Lust auf diese Übung hat." Der Kommentar ist eine der Stärken dieser Sendung: elegant, nicht zwanghaft poetisch, sondern pointiert, anspielungs- und kenntnisreich. Es gibt keine Intrige in seinen Filmen, heißt es einmal über die Konstruktion seiner Drehbücher, sondern er stürzt seine Figuren in die Krise und sieht ihnen beim Kämpfen zu. Diesmal hält die Synchronfassung das Niveau des Originals

Boujut ist intim mit Sautets Werk vertraut: Sein Vater Michel hat einen unverzichtbaren Interviewband über ihn veröffentlicht und er selbst hat dessen Arbeitsweise als Assistent des Toningenieurs bei »Nelly und M. Arnaud« studieren können. Mestari und er verzichten komplett auf aktuelle Interviews, sondern vergegenwärtigen den 2000 verstorbenen Sautet in historischen Dokumenten, Selbstzeugnissen sowie Aussagen seiner DarstellerInnen. Mit Téchiné verbindet ihn viel, etwa die katholische Erziehung; beide behaupteten sich als bürgerliche Außenseiter im französischen Mainstream, auch bei Sautet wird das Politische (genauer: das Gesellschaftliche) privat, auch bei ihm stehen die Frauen stark im Vordergrund und sind die Männer oft schwächer; in beiden Dokumentationen klingt diskret die Musik ihres Hauskomponisten Philippe Sarde an. Aber was für gegensätzliche Temperamente! Téchiné erwartet von den DarstellerInnen immer mehr, als im Drehbuch stand. Sautet hingegen formulierte seine Absichten bereits auf dem Papier präzise, bis aufs Komma genau. Große SchauspielerInnenregisseure sind oder waren sie dennoch gleichermaßen.

Es ist ein Privileg, so tief in die Seelenwerkstatt zweier bedeutender, oft missverstandener und unterschätzter Filmemacher zu blicken! Ich muss jedoch gestehen, dass ich mächtig voreingenommen war, bevor ich das Sautet-Porträt sah. Was gäbe es über ihn noch Neues, Gültiges zu sagen, was mein Freund N.T. Binh nicht schon 2003 in seinem Film »Claude Sautet oder die unsichtbare Magie« offenbart hätte? Die erste Überraschung für mich war, wie gut der Film von Mestari und Boujut tatsächlich ist. Es gibt noch weitere: Aspekte, die ich nicht kannte, ignoriert oder vergessen hatte. Die Zwei kommen ihm wahrhaft nahe, seinen Ängsten und Zweifeln, seiner Akribie und Strenge, schließlich den Wandlungen, bei denen er sich treu blieb. Das aktuelle Porträt zu sehen ist wie altes Bündnis, das man neu schließen darf.

 

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