Silberrausch

»Dawson City: Frozen Time« (2016)

Manchmal erfüllen sich Wünsche sofort. Am Wochenende las ich amerikanische Kritiken zu einem gerade angelaufenen Dokumentarfilm, die unverzüglich meine Neugier weckten. Ich schaute mir den Trailer an und entdeckte, dass ihn arte co-produziert hat. Es bestand also die Aussicht, ihn irgendwann zu sehen zu bekommen – und nun lief er bereits gestern Nacht!

Es handelt sich um »Dawson City: Frozen Time« von Bill Morrison, der eine erstaunliche Geschichte auf noch erstaunlichere Weise erzählt. Unter dem Titel »Dawson City: Verlorene Bilder aus dem Eis« ist er noch sechs Tage lang in der Mediathek des Senders abrufbar. Er handelt von einem unverhofft geborgenen Schatz: 1978 wurden im kanadischen Dawson City bei Aushubarbeiten über 500 Filmrollen gefunden, die aus der Stummfilmära stammten. Sie hatten die letzten Jahrzehnte in einem Schwimmbecken überdauert, in das sie als Auffüllmaterial geschüttet worden waren.

Rasch wurde klar, wie sensationell dieser Fund war. Er umfasst rund 370 Spielfilme, Serials und Wochenschauen, zumeist aus den 1910er Jahren. Es sind frühe Arbeiten großer Regisseure wie Tod Browning, Allan Dwan, Maurice Tourneur und Lois Weber darunter. Zumindest einen der Filme, Tourneurs zauberhaften »A Girl's Folly« habe ich vor gut einem Vierteljahrhundert in Pordenone gesehen. Morrison erzählt zum einen, wie sie in den kleinen, abgelegenen Flecken am Yukon kamen und weshalb sie dort blieben. Daraus entwickelt er eine Chronik der Stadt und schlägt noch weitere Bögen: zu den Anfängen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

1895, als die Brüder Lumière ihre ersten Filme vorführten, lebten hier noch Indianer des Han-Stammes, die rasch umgesiedelt wurden, als Gold entdeckt wurde. Die Stadt wurde 1897 gegründet, hatte anfangs 3500 Einwohner, deren Zahl auf dem Gipfel des Goldfiebers bis zu 40000 anwuchs und sich Jahrzehnte später bei 900 einpendelte. Während die Jagd- und Fischgründe der Indianer zerstört wurden, legten Prospektoren und andere Nutznießer des Booms den Grundstein zu ungeheuren Vermögen. Donald Trumps Großvater Fred eröffnete ein florierendes Bordell, die Guggenheims industrialisierten den Erzabbau mit Schwimmbaggern. Einige Karrieren führten geradewegs nach Hollywood. Roscoe »Fatty« Arbuckle trat in den Saloons auf, William Desmond Taylor sollte zu einem berühmten Schauspieler und Regisseur sowie einem noch berühmteren Mordopfer avancieren. Die Namensgeber von zwei legendären Filmpalästen tummelten sich hier: Der Barkeeper Alexander Pantages gründete ein Wanderkino und Sid Graumann sah als Zeitungsjunge seinen ersten Film. Der damals schon umtriebige Wilson Mizner, auf dessen späteren Hollywoodruhm als Drehbuchautor Morrison nicht eingeht, kauft dem kleinen Sid seine Zeitungen ab, um dann gegen Bezahlung daraus vorzulesen.

Dawson stand am Ende der Distributionskette von Hollywoodfilmen. Sie kamen zuweilen erst fünf Jahre nach ihrer Premiere dort an. Da sie danach für die Verleiher wertlos geworden waren, weigerten diese sich, die Kosten für den Rücktransport zu zahlen. Ihre dortigen Rechtsvertreter waren die Banken. Nicht einmal am Silbergehalt der Filmkopien herrschte mehr Interesse. Die Rollen lagerten u.a. im Keller der von Carnegie gestifteten Bibliothek, der Großteil aber wurde in den Yukon geschüttet oder fiel zahlreichen Bränden zum Opfer. Das leicht entflammbare Material stellte ein enormes Sicherheitsrisiko dar. Für die Einwohner der Stadt im hohen Norden diente der Kinobesuch nicht nur der Zerstreuung, sondern auch Weltteilhabe. Sie waren Augenzeugen des Ersten Weltkriegs, von Boxkämpfen und Baseballspielen. Morrison geht ausführlich auf Hintergründe und Umstände der Schiebungen bei der World Series von 1919 ein, die auch den unerklärlich marktschreierischen Auftakt des Films bildet: Morrison ist in eine Sportsendung eingeladen und soll über die Funde berichten.Fortan wird der Film leiser und der Zuschauer muss anderthalb Stunden warten, bis er die nächsten Farbaufnahmen zu sehen bekommt.

Morrison illustriert diese Reise in eine zurückeroberte Vergangenheit mit zeitgenössischen Fotografien und pointierten Filmausschnitten. Letztere nutzt er mit verschmitzter, kluger Naivität – jedes Stichwort findet augenblicklich seine szenische Beglaubigung. Sie schafft einen Eindruck von Unmittelbarkeit (viele Filme erzählen direkt vom Leben der Goldgräber und dessen Fallstricken) und Vergegenwärtigung. Morrison verzichtet auf einen Off-Kommentar, sondern arbeitet mit Texttafeln, die nicht als Zwischentitel, sondern in die Bilder gesetzt sind. (Der Beitrag des Titeldesigners ist so wichtig, dass er einen der ersten Credits bekommt.) Er respektiert das Stummfilmformat und macht noch für den kürzesten Ausschnitt die Quelle namhaft. Sie stammen nicht ausschließlich aus dem »Dawson City Film Find«, sondern auch aus Chaplins »Goldrausch« und Dwans »Trail of '98«, dessen Romanvorlage hier entstand. Die Filmmusik ist suggestiv und ahnungsvoll, das Sounddesign mitunter etwas aufdringlich.

Dennoch spürt man in jeder Minute, dass Morrison das historische Material heftig liebt. Er rekapituliert auch faszinierende Technikgeschichte. Leider kenne ich seine früheren Filme nicht, die offenbar sehr poetisch mit Vorgefundenem umgehen. Hier spielt das Stoffliche eine zentrale Rolle. Die Spuren, die die Zeit in den Kopien hinterlassen hat (vor allem Wasserschäden), geben den Ausschnitten eine ganz eigene, ebenso wehmütige wie lebendige Aura. Sie erzählt das Drama von Verlust und Erinnerung noch einmal neu. Dank des Silbergehalts sind die Nitratfilme wunderbar kontrastreich. Es ist ein temperamentvolles Material. Nitrofilm ist notorisch feuergefährlich: Tatsächlich ist er ein Resultat der Entwicklung von Sprengstoffen. Ich wusste nicht, dass den Hollywoodstudios schon 1910 Sicherheitsfilm zur Verfügung stand, sie aber aus Kostengründen beim Nitrofilm blieben. Das ist nur eine von vielen Entdeckungen, die diese filmische Schatztruhe bereithält. Leider steht sie nur noch sechs Tage offen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Eine treffende Beschreibung dieses schönen Films. Kleine Korrektur: THE TRAIL OF '98 ist nicht von Allan Dwan, sondern von Clarence Brown.

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