Kein Tropfen daneben

Dean Martin

Es sprach alles dagegen, dass er seine beste Rolle je bekommen würde. Howard Hawks hatte eine Liste mit 19 klingenden Namen, die er sich als Dude vorstellen konnte. Dean Martin war nicht darauf. An der Spitze stand vielmehr Frank Sinatra, dann folgten unter anderem Richard Widmark, John Cassavetes, Burt Lancaster, Robert Mitchum, Kirk Douglas, William Holden, Henry Fonda, Tony Curtis sowie, das wäre sein einziger Western geworden, Cary Grant.

Martins Agent Herman Citron beschwor den Regisseur, seinen Klienten für »Rio Bravo« vorsprechen zu lassen. Zum verabredeten Termin morgens um 9 Uhr erschien er nicht. Hawks musste anderthalb Stunden warten. Martin hatte allerdings eine gute Entschuldigung: Er hatte spätnachts noch in Las Vegas einen Auftritt absolviert und dann eilig ein Flugzeug nach Los Angeles gechartert. Verkatert war Martin übrigens nicht, obwohl das in dieser Situation nicht mal geschadet hätte. "Mein Gott," schoss es Hawks durch den Kopf, "dieser Kerl meint es wirklich ernst." Er schickte ihn in die Kostümabteilung. "Habe ich die Rolle?" fragte Martin ungläubig. Ja, meinte der Regisseur, einer der sich so ins Zeug lege, habe eine Chance verdient.

Für Martin, der zeitlebens den Eindruck erwecken wollte, er müsse niemandem etwas beweisen, stand Ende der 50er Jahre eine Menge auf dem Spiel. Seine Partnerschaft mit Jerry Lewis, war in die Brüche gegangen. Sein erster Soloauftritt war ein kapitaler Reinfall. »Die jungen Löwen« und »Verdammt sind sie alle«, in denen er sein dramatisches Talent unter Beweis stellen wollte, waren noch nicht angelaufen. Und nun wurde er vom Fleck weg engagiert. Damals war natürlich noch nicht abzusehen, dass dies der schönste Western aller Zeiten werden würde. Gewiss, John Wayne war eine sichere Bank in diesem Genre. Aber ohne den Part des trunksüchtigen Hilfssheriffs, dessen Hände so sehr zittern, dass er sich nicht allein eine Zigarette drehen kann, hätte der Film nie funktioniert. Und Martin verstand die Figur des Gestrauchelten, der sich in den Augen seines skeptischen Freundes rehabilitieren will, genau. Gibt es einen beglückenderen Augenblick in der Filmgeschichte als den, wo das Zittern seiner Hände plötzlich aufhört und Dude den Whisky zurück in die Flasche gießen kann? "Didn't spill a drop" lautet sein knapper Kommentar. Er sagt das mit einer Mischung aus Stolz und Demut, die keinem der 19 so überzeugend gelungen wäre.

Heute vor 100 Jahren wurde er in Steubenville, Ohio geboren. Das erste Wort, das den meisten Leuten zu ihm einfällt, ist cool. Es hat schon seine Richtigkeit, dass sich sein Name zuallererst mit einem Adjektiv verbindet: Er schien so verflixt wenig zu tun, einfach nur da zu sein. Die Kamera liebte ihn und das Mikrofon seinen hellen, warmen klaren Bariton. Alles schien ihm zuzufallen, der Erfolg, schöne Frauen, ehrgeizigere Partner und manchmal sogar gute Rollen.

Seit ein paar Jahren fällt mir aber stets ein Verb zu ihm ein: sway. Es lässt sich mit schwanken, taumeln, und schlenkern übersetzen; im gleichnamigen Song bedeutet es sich wiegen oder schwingen. Darin steckt nicht der ganze Dean Martin, aber doch eine Menge. Das Schlenkern passt zu seiner lässigen Haltung, das Taumeln zu seiner Liebe zum Alkohol (der echten ebenso wie der, die zu seinem Nachtclub-Act gehörte und unweigerlich das Intro seiner TV-Show war: "And now, straight from the bar: Dean Martin."), und Swing hatte er allemal.

Zu seinen Lebzeiten war »Sway« nie so populär wie seine großen Nummern, wie »Memories are made of this« oder »Everybody loves somebody sometimes«, »That's amore« oder »You're nobody till somebody loves you«. Aber seitdem Wong Kar-wai es magistral in »2046« einsetzte, hört man es auf den Soundtracks unterschiedlichster Filme und Serien ; fast so oft wie das schmissig erstaunte "Ain't that a kick in the head"). Ich mag besonders seinen Einsatz in Cédric Klapisch' »Paris« und »Plötzlich Gigolo« mit Woody Allen: als selbstgewisser romantischer Ansporn, als leichtfüßige Besiegelung der Verführung.

Das ist vielleicht sogar ein Song, der bezeichnend für ihn war. Ich glaube nicht, dass ihm seine großen Hits nahe kamen (andererseits, was sagt „I left my heart in San Francisco“ schon über den eingefleischten New Yorker Tony Bennett aus?). Ich vermute, ihm lag einfach der Stil, um die Substanz scherte er sich weniger. Sein Freund Sinatra stand da eher für seine Songs ein. Ihre Beziehung ist natürlich ungeheuer interessant und die biographischen Parallelen auffallend und bizarr: Fünf Jahre nach »Verdammt in alle Ewigkeit« wurde auch Martins Karriere durch die Rolle in einem Kriegsfilm gerettet (»Die jungen Löwen«), sie arbeiteten für die selben Label (erst Capitol, dann Frankieboys eigenes, Reprise); das Flugzeug seines Sohnes Dean Paul zerschellte am selben Berg, an dem auch das von Sinatras Mutter verunglückte.

Seinen Durchbruch verdankte Dino Paul Crocetti (wenigstens einmal muss sein Geburtsname fallen) indirekt Sinatra: Er bekam seine erste große Chance in New York, als der ein Engagement absagte. Ich nehme nicht einmal an, dass eine große Rivalität zwischen den zwei reuelosen Hedonisten herrschte: Frank mochte zwar immer an erster Stelle stehen, aber Dean war nie zweitklassig. Ihr Ruhm vertrug sich. Sinatra mochte mehr Ambition und Talent in seine Alben stecken, aber Martins liefen auch ohne kongeniale Arrangeure wie Nelson Riddle gut. (Später experimentierte aber auch er etwas mehr.) Seine Selbstironie war glaubhafter - schauen Sie sich nur »Küss mich, Dummkopf!« an. Er brauchte kein Toupet und machte im Smoking die bessere Figur. Überhaupt sah er viel mehr wie ein Filmstar aus.

Er war immer eine erfreuliche Präsenz. Auch schlechten Filmen schenkte er sein Funkeln. Sein Rollenfach war der untragische Schwerenöter; nicht nur in »Die vier Söhne der Katie Elder« war er prächtig besetzt als jüngerer Bruder, um den man sich ruhig weniger Sorgen machen kann. Es gibt glorreiche Ausnahmen, etwa Bama Dillert, den zynischen, todkranken Spieler aus »Verdammt sind sie alle«, der in keiner Lebenslage den Hut absetzt. Michel Piccoli kopiert ihn in »Die Verachtung«, was ja auch eine Auszeichnung ist. Martin brauchte starke Partner und Gegenspieler. Seine Matt-Helm-Eskapaden altern nicht so gut, da fehlte ihm ein Korrektiv.

Als Grabinschrift hätte er sich "He was a nice guy" gewünscht (am Ende wurde es dann doch "Everybody loves somebody sometimes", woraus ein gerüttelt Maß an Unverbindlichkeit spricht). In diesem Punkt wich sein Selbstbild wohl von der Einschätzung vieler Leute ab, die mit ihm zu tun hatten. Er galt als verschlossen, schenkte Anderen wohl nur wenig Interesse und den einmal verführten Frauen keine Aufmerksamkeit mehr. Aber er war auch zu großer Loyalität fähig. Montgomery Clift, noch eine Parallele zu Sinatras Karriere, half ihm enorm bei seiner ersten dramatischen Rolle in »Die jungen Löwen«. Clift hatte gerade seinen schweren Unfall hinter sich und war ein Nervenbündel. Barbara Rush erinnert sich, dass Marlon Brando seinen gefürchteten Rivalen mit der ständigen Forderung nach weiteren Takes ausmergeln wollte und Martin dann immer vorschützte, nur im ersten Take gut zu sein. Später, als Clift wegen seiner Drogen- und Alkoholprozesse zum Paria in Hollywood geworden war, hielt Martin ihm die Treue.

Die schönsten Geschichten über ihn aber führen uns wieder zum Anfang zurück. Schon Jerry Lewis fiel auf, dass Dean ihre Shows oft schnell beenden wollte, um noch im Nachtprogramm einen Western zu sehen. Auch nach den Auftritten des Rat Pack in Vegas verschwand er häufig in sein Hotelzimmer. Rührend, dass er dafür sogar die schönen Blondinen übersah, die hinter der Bühne warteten. Am liebsten sah er die Klassiker mit John Wayne. Er verehrte ihn, war stolz, seine Freundschaft gewonnen zu haben; der Duke verstand sich oft prächtig mit Leuten, die politisch im anderen Lager standen. Um an seiner Seite spielen zu dürfen, hätte er auch auf seine Gage in »Rio Bravo« verzichtet. Howard Hawks wäre entzückt, aber nicht überrascht gewesen.

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