ARD-Mediathek: »House of Yang«
»House of Yang« (Miniserie, 2026). © SWR (S2+)
Mit ihrem autobiografisch inspirierten Sechsteiler »House of Yang« verbeugt sich die taiwanesische Serienschöpferin Stefanie Ren vor dem Welterfolg »Dark«
Nur widerwillig nimmt Jessie (Elisa Hofmann) den Termin mit dem Makler wahr. Die Deutsch-Chinesin ist zu einem abgelegenen Ort tief im Schwarzwald zurückgekehrt, um ihr Elternhaus zu verkaufen. Am liebsten würde sie ja gleich wieder abreisen, doch ihre Tochter Mila (Purnima Grätz) ist fasziniert von den chaotisch anmutenden Räumen voller Erinnerungen. Aber warum, fragt sich der Teenager, sind alle Türen im Haus mit Bücherstapeln blockiert? Als Mila plötzlich verschwindet, wird Jessie von den Dämonen ihrer Vergangenheit eingeholt.
Das ist die Ausgangssituation einer ambitionierten dreistündigen (Mini-)Serie, mit der auch die ARD das Bedürfnis nach Mystery befriedigt, das im Streamingbereich zu den bevorzugten Genres zählt. »House of Yang« verbeugt sich vor dem Welterfolg »Dark«. Wie in der Netflix-Serie wird der deutsche (Schwarz-)Wald zur Heimstätte des Düsteren und Unerklärlichen. Statt eines Höhleneingangs fungiert ein Brunnen als Schlupfloch zwischen drei Zeitebenen. Und wie in »Dark«, wo die Protagonisten zwecks Orientierung umfangreiche Stammbäume rekonstruieren, bringt auch bei »House of Yang« eine Abstammungslinie Übersicht in ein Geflecht von Figuren, die der Zuschauer nur mit Mühe zuordnen kann.
Die traumatische Verwicklung ereignet sich auf der mittleren der drei Zeitebenen. Die junge Jessie, im Jahr 1999 verkörpert von Clara Jaschob, kifft mit ihrer Cousine. Als deren Freund Benni (Yoran Leicher) sie beim Versteckspielen heimlich küsst, werden die beiden von Jessies Schwester Isabel (Xue Lili Pautze) beobachtet. Dies versetzt Jessie so sehr in Rage, dass sie die Jüngere durchs ganze Haus jagt. Panikartig verschwindet sie hinter einer Tür, die danach auch verschwindet – und zwar samt dem dahinterliegenden Zimmer!
Das Motiv ist nicht neu, wird aber originell variiert: Die Frage, wohin Isabel verschwunden ist, eröffnet einen dritten Erzählstrang: Im Jahr 1949 nehmen Jessies Großmutter Elsa (Emma Bading) und ihr Mann Wolfgang (Vladimir Burlakov) die Chinesin Daiyu (Andrea Guo) mit ihren beiden Kindern bei sich auf. Als Wolfgang bemerkt, dass seine Frau und die Chinesin sich etwas zu gut verstehen, greift er zur Waffe. Außerdem hat der nazimäßig gestylte Typ noch etwas mit dem Verschwinden von Daiyus Tochter zu tun.
Mit dieser verschlungenen Geschichte verarbeitet die aus Taiwan stammende Serienschöpferin und Buchautorin Stefanie Ren Aspekte ihrer eigenen Biografie. Ihre deutsche Großmutter, merkt sie in einer Showrunner's Note an, hatte Angst vor ihrem chinesischen Vater. Und ihr deutscher Großvater trat schon früh in die NSDAP ein. Die Autorin erinnert an die sogenannte »Chinesenaktion«, bei der in Hamburg etwa 130 Chinesen grundlos in ein Polizeigefängnis verbracht wurden. Einige starben im KZ.
Diese Hintergründe fließen allerdings kaum in die Serie ein. Bis auf eine Szene im Krankenhaus konzentriert sich der Schauplatz auf die hermetische Situation im (Spuk-)Haus. Die Entwicklung der Geschichte bleibt daher recht elliptisch. Wie die Chinesin Daiyu 1949 nach Deutschland kam, wird nicht deutlich. Figuren sind teilweise nur holzschnittartig gezeichnet. Die Originalität der Geschichte einer deutsch-chinesischen Familie, deren Verstrickungen bis in die Nazizeit zurückreichen, wird daher nicht voll ausgereizt.
Dennoch hat der Mystery-Plot seine Momente. Erzählt wird aus weiblicher Perspektive, Frauenfiguren sind daher interessanter und vielschichtiger als die Männer, die entweder toxisch oder langweilig sind. Hauptdarsteller ist das Heim, das zuweilen schon etwas unheimlich erscheint. In den stärksten Momenten entwickelt der Sechsteiler mit teils poetischen Bildern eine hypnotische Wirkung. Das erkennbar geringe Budget dieser Produktion wird kompensiert durch eine weitgehend stringente Umsetzung. Obwohl der Plot hier und da etwas hölzern erscheint, verblüfft die Serie durch ihren durchdachten Look und die selbstverständliche Präsenz asiatischer Darstellerinnen. Trotz verzeihlicher Defizite erscheint »House of Yang« wie aus einem Guss.
Trailer





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