Ein Reisebericht

Henri Langlois verglich Filme gern mit einem Perserteppich, den man am besten pflegt, indem man ihn benutzt. Als Metapher ist das unwiderstehlich: Man muss auf ihm herumgehen, um ihn besser kennen und schätzen zu lernen. Seriöse Archivare rauften sich schon zu seinen Lebzeiten bei dieser Vorstellung die Haare.

Langlois hatte eine magischen Vorstellung von der Konservierung: In seinen Augen war ein Film in dem Moment gerettet, sobald er in der Cinémathèque Francaise ankam. Diese Sorglosigkeit kann sich heute keine Kinemathek der Welt mehr erlauben; die Bewahrung des Filmerbes muss strengen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Dennoch lässt sich seine Überzeugung nicht von der Hand weisen, dass der erste Schritt zur Bewahrung die Vorführung ist. Das Nachleben des Filmerbes erfüllt sich erst in seiner Sichtbarkeit. Das Festival „Film Restored“, das die Deutsche Kinemathek am vergangenen Wochenende zum elften Mal in Berlin veranstaltete, ist beiden Positionen verpflichtet. Es bringt dem Publikum nicht nur Filmhistorie aus aller Welt nahe, sondern macht die Bedingungen der jeweiligen Restaurierung in Einführungen sowie der Programmübersicht (https://www.deutsche-kinemathek.de/de/besuch/programm/film-restored) transparent. Das vieldeutige Motto „Risky Business“ ist laut Elisa Jochum, der Leiterin des Filmarchivs der Berliner Kinemathek, nicht zuletzt der aktuellen Krisenstimmung weltweit geschuldet - den Gefahren und Bedrohungen, die allerorten zu spüren sind, und sich vielleicht ein Stück weit besser verstehen lassen, wenn man zurück in die Geschichte blickt.

In dem buntscheckigen Programm ging es mithin um individuellen und kollektiven Wagemut, um private und politische Fährnisse, denen ohne Sicherheitsnetz getrotzt werden soll; schließlich um den Ausbruch aus sozialen Normen und den Konventionen des Kinos. Manche Themenstränge, etwa das Exil, ergaben sich erst aus den eingereichten Titeln. Die Verzagtheit ist freilich auch etwas, das aktuell die hiesige Branche betrifft. Das Förderprogramm Filmerbe (FFE), das auf zehn Jahre angelegt ist, läuft 2028 aus. Niemand weiß, ob und wie es weitergeht mit der Digitalisierung der deutschen Filmgeschichte. In den letzten Jahren haben die drei Träger des Programms – der Bund, die Länder und die Filmförderungsanstalt – ihre Beiträge um annähernd die Hälfte gekürzt. (Und das war noch vor der Wahl in Sachsen-Anhalt!) Der Kampf ums Über-/Nachleben findet nicht nur auf der Leinwand statt.

Deshalb warb Thomas Worschech (genau: unser Rudolf Worschech ist sein Bruder), der Leiter des Filmarchivs des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt -, in seiner Einführung zu „Sensation im Wintergarten“ am Sonntag eindringlich um die Unterstützung des Publikums. Sein Aufruf, in Filmmuseen und Kommunale Kinos zu gehen, schloss freilich an eine Veranstaltung an, in der sich eben dieser Zuspruch prächtig eingestellt hatte. Die restaurierten Filme liefen vor zahlreichen, animierten ZuschauerInnen. Für „Dracula in Istanbul“, der mich vor einigen Tatgen bereits hier beschäftigte, musste beispielsweise im Sinema Transtopia eine zusätzliche Sitzreihe improvisiert werden. Das patente Kino im Wedding verfügt über Verweilqualitäten, die zum Austausch zwischen Experten und Neugierigen einladen.

Besonders bei den Stummfilmen mit Live-Musik ging es lebhaft zu. Der Eröffnungsfilm „Cyankali“, von der Berliner Kinemathek restauriert (https://www.deutschlandfunkkultur.de/risky-business-filmerbe-wird-heute-meist-digital-restauriert-100.html), ist ein Überläufer aus dem Jahr 1930, dessen letzter Akt als Tonfilm gedreht wurde. Zwar hatte Willy Schmidt-Gentner das Sozialdrama ursprünglich durchgängig vertont, aber einige Rollen sind nur ohne Tonspur erhalten. Der Cellist Paul Rittel spielte in der Halle des E-Werk emphatisch zu Hans Tintners Verfilmung des Stücks von Konrad Wolf (genau: der Vater von Konrad und Markus) auf. „Sensation im Wintergarten“ wurde dank der zupackenden Begleitung ebenfalls zum Ohrenschmaus. Der versierte Pianist Günter A. Buchwald verschloss sich zwar nicht dem Naheliegenden, spielte subtil auf „Tea for Two“ oder einen Cancan an, blieb aber der ihm eigenen, agilen Eleganz verpflichtet. Mit dem besonnen energischen Perkussionisten Frank Bockius bildete er ein fabelhaftes Duo.

Beide Restaurierungen gewähren einen frischen Blick auf das Weimarer Kino. „Cyankali“ ist eine flammende Anklage des Abtreibungsparagraphen, die in großer Dringlichkeit entstand - die Premiere fand nur wenige Monate nach der Uraufführung von Wolfs Stück statt – und sodann zahlreiche Zensureingriffe zu gewärtigen hatte. Tintners Adaption zieht fast eine Summe des proletarischen Kinos der Epoche und versenkt sich tief ins Mietskasernenmilieu. Die Zwischentitel bersten vor Berliner Schnauze, ihre angriffslustige graphische Gestaltung ist ebenfalls nicht auf den Mund gefallen. „Sensation im Wintergarten“ wiederum, ein auch filmisch ziemlich gelenkiges Melo aus dem Artistenmilieu, zeigt das stumme Unterhaltungskino 1929 auf der Höhe seiner ästhetischen Möglichkeiten. Die Kamera ist entfesselt, die Lichtdramaturgie von nonchalanter Eindringlichkeit. Thomas Worschech hob die Selbstverständlichkeit des Erzählens hervor, die das stumme Weimarer Kino in seiner Abenddämmerung erlangte. Die Premiere der Restaurierung fand während der Bonner Stummfilmtage statt, einem weiteren Beleg für die Vitalität dieses Erbes.

Das Originalnegativ des Films existiert nicht mehr, die Grundlage war eine schwedische Verleihkopie. Der melodramatische Historienfilm „Xi Xiang Ji“ von 1927 stellte das China Film Archive vor ein ähnliches Problem, da nur eine französische Kopie existierte. Eine solche Materiallage wirft für Archive technische, aber auch ethische Fragen auf. Sie sind indes eher für Fachleute relevant. An „Xi Xiang Ji“ faszinierte mich hingegen die Zeichenhaftigkeit der Kampfkunstszenen, wo sich die Klingen der Schwerter und Hellebarden in der Abstraktion der Nahaufnahmen kreuzen und die gegnerischen Armeen in Doppelbelichtungen, fast wie Geister, aufeinander treffen. Ohnehin genoss ich es, mich während des Festivals in ein je unterschiedliches Anderswo transportieren zu lassen. „Kuu on vaarallinen“ von Toivo Särkkä (1961) entführte mich in eine finnische Seelandschaft im Spätsommer. Das kecke Melo fängt an wie „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck“ von Valerio Zurlini (aus dem gleichen Jahr) und verwandelt sich sodann in eine Umkehrung der Dreieckskonstellation aus „The Postman always rings twice“. Eine junge Sirene mit großzügigem Dekolleté und anmutig wiegenden Hüften steht zwischen einem älteren Industriellen und einem jungen Tunichtgut, wobei Märkkä das Genre mit komödiantischen Verzierungen drapiert. Die gibt es zwar auch schon beim großen Melodramatiker Teuvo Tulio, aber hier gewinnen sie ein sehr modernes Flair. In den Gedankenströmen des lüsternen Industriellen und der jungen Goldgräberin klingen im Off deren ehrgeizig-romantischen Pläne an, die dramatische Konsequenzen zeitigen. Dem Kurator Mikko Kuuti, der ursprünglich mal für die Sanierung und Bewahrung von Bausubstanz zuständig war, gelingt es wunderbar, jene hellen Grautöne zu erhalten, die man nur im skandinavischen Schwarzweißkino findet.

In dem bulgarischen Beitrag „Ponedelnik sutrin“ (Montag Morgen, 1966) ist kurioserweise ebenso schnell von Liebe und Heirat die Rede wie fünf Jahre zuvor in Finnland, wenngleich jetzt unter bedrängend realsozialistischen Bedingungen. Das Melo um eine junge Rebellin, deren Lebenslust keinen Einklang mit dem strengen Alltag findet, wurde gleich nach der Fertigstellung verboten. Das Ehepaar Irina Aktasheva und Hristo Piskov musste 20 Jahre warten, bis ihre Regiearbeit aufgeführt werden konnte. Wiederum ein Glanzstück filmischer Moderne, dessen rissige Montage verrät, dass die Zwei Alain Resnais' frühe Meisterwerke lustvoll studiert haben müssen. Für mich war das eine ungemein stimmungsvolle Zeitreise (die Jazzpartitur ist ebenso aufreizend dynamisch wie die Inszenierung) in eine Stadt am Ufer der Donau, deren einst prachtvolle Fassaden bröckeln. Das spannungsvolle Milieu der Werftarbeiter ist mit einnehmender Detailgenauigkeit eingefangen. Die Unbekümmertheit der Heldin wird hier nie einen Anker werfen.

Ein weiteres Glanzlicht setzte des argentinische Melo „Más allá del olvido“ von und mit Hugo del Carril dem Programm auf. Seine Figurenkonstellation scheint 1956 Hitchcocks „Vertigo“ vorweg zu nehmen. Tatsächlich beruht es auf dem Roman „Bruges-la-mort“ von Georges (im Vorspann Jorge) Rodenbach, der wiederum Erich Wolfgang Korngold als Grundlage seiner berühmten Oper „Die tote Stadt“ diente. (Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Hitchcock bzw. Boileau&Narcejac, die Verfasser von „Aus dem Reich der Toten“ sie nicht kannten.) „Más allá del olvido“ ist ein veritabler Klassiker des argentinischen Films, auf den Thomas Worschechs Begriff der erzählerischen Selbstverständlichkeit passt: ein Kino im Vollbesitz seiner ästhetischen Kräfte, das eigensinnig verwurzelt ist in den Traditionen und dem Savoir faire einer reibungslos funktionierenden Industrie.

Das kann man über Wendell B. Harris jr' Schelmenroman „Chameleon Street“ (1989) mitnichten sagen. Dies Meisterwerk des Sarkasmus' entstand finanziell und künstlerisch auf absolut eigene Rechnung (der Regisseur und Hauptdarsteller verschuldete sich heillos). Ich bin sicher, dass diese unentdeckte Perle des Black American Cinema noch ein reges Nachleben in hiesigen Kinos haben wird. Womit das Festival für heute schon fast seine Schuldigkeit getan hätte. Erwähnen will ich nur noch, dass die Kinemathek es in seinem kostenlosen Streamingangebot bis Ende Januar fortsetzt (https://www.deutsche-kinemathek.de/de/online/streaming). „Selects“ ist eine triftige Auswahl aus den eigenen Archivbeständen. Der Titel eines der Glanzstücke hätte nicht schlecht zu den Filmen aus Finnland, Bulgarien und Argentinien gepasst: „Ein Blick – und die Liebe bricht aus“ von Jutta Brückner.

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