Filmsymposiom Mannheim: Interview mit Dr. Lioba Schlösser

»In die Sonne schauen« (2025). © Studio Zentral

»In die Sonne schauen« (2025). © Studio Zentral

Vom 16. bis 18. Oktober findet die 40. Ausgabe des Mannheimer Symposiums statt, diesmal zum ­Thema »Filmische Blicke auf Heimat«. Dr. Lioba Schlösser war schon oft als Gast und Vor­tragende dabei und referiert diesmal ­­zu Heimat als Aushandlungsprozess queerer Identitäten

Dr. Lioba Schlösser (*1988) ist Filmwissenschaftlerin. Sie promovierte 2022 zum Thema »Perspektiven filmischer Überwindung der bipolaren Geschlechternorm durch Rekurse auf mythisches Potenzial« an der JGU Mainz und vertritt seit Anfang 2025 die Professur »Theorie der Wahrnehmung, Kommunikation und Medien« an der Münster School of Design der FH Münster. Außerdem arbeitet sie als Koordinatorin für Gleichstellung und Diversity an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und unterrichtet als Dozentin an der Filmakademie Ludwigsburg. Sie forscht und publiziert zu Gender- und Queer Studies, Mythen- und Körpertheorie sowie zu körperpolitischen Diskursen um Normativität in Film und Serie.

Interview

Lioba Schlösser, was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Lioba Schlösser: Aufgrund meines Berufs bin ich oft umgezogen und habe schnell gemerkt, dass Heimat für mich kein geografischer Ort ist. Wenn wir über Heimat reden, meinen wir meist einen solch konkreten Ort, wo man herkommt oder geboren ist. Für bestimmte Personengruppen funktioniert der Begriff aber schlecht. Wenn man freiwillig oder auch gezwungenermaßen oft den Aufenthaltsort wechselt, verändert sich die Vorstellung davon, was Heimat ist. Für mich ist es mittlerweile ein Gefühl, das ich mit meiner Familie, meinen Freunden oder meinen Haustieren verbinde. Oder auch mit Gegenständen, wie meinem Bett und meiner Couch, die sind immer mit mir umgezogen. Jetzt gerade bin ich zwar in Köln, das ist das Zuhause meines Herzens, aber ich fühle mich auch an vielen anderen Orten sehr wohl.

Brauchen wir den Begriff Heimat in Bezug auf einen konkreten Ort eigentlich noch?

Die deutsche Sprache hat da ein spezielles Bedürfnis. Emotional besetzte Worte wie »Jammertal« und »Weltschmerz« gibt es in anderen Sprachen meines Wissens nach nicht. Ich glaube aber auch, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, dieses Gefühl zu beschreiben. Das Konzept von »home«, vom Ankommen, gibt es vermutlich weltweit. In der Politik wird es dann ganz schnell sehr komplex und schwierig, über Heimat zu diskutieren – und damit ist dann auch alles andere gemeint als das, was ich zuvor beschrieben habe.

Wenn man an Heimat und Film denkt, drängen sich der Begriff »Heimatfilm« oder die Assoziation Edgar Reitz auf. Gibt es das auch in anderen Filmkulturen?

Ich denke dabei an den typisch deutschen 50er-Jahre-Film wie »Schwarzwaldmädel« oder »Der Förster vom Silberwald«, zu dem ich keinerlei Bezug habe. Bei der Einladung zum Symposium zum Thema Heimat war ich deswegen zuerst skeptisch. Aber es gibt auch ähnliche Filme in anderen Kulturen. Ich würde Western nicht per se als US-Heimatfilme bezeichnen, aber Western beschreiben den Gründungsmythos der USA und formen die Geschichte so um, als hätten die weißen Bevölkerungsschichten, angeführt von Männern, das Land entdeckt, besiedelt und zivilisiert – sich also eine neue Heimat dort geschaffen. Da stecken ganz viele Mythen und Emotionen drin, bis heute. Kevin Costners Vierteiler »Horizon« macht das 2024 noch so, auch wenn er, wie viele zeitgenössische Western, anders mit der Geschichte der Indigenen umgeht. Der Heimatfilm ist spezifisch im westdeutschen Kino ein Genre, das Konzept gibt es aber auch in anderen Filmkulturen.

Kann man auch von einem »neuen deutschen Heimatfilm« sprechen, etwa mit Blick auf »In die Sonne schauen«, der auf dem Symposium gezeigt wird, oder »Milch ins Feuer«, der in einer sehr spezifischen Region spielt und in Mundart gedreht ist?

An diese Filme denke ich bei dem Begriff Heimatfilm gar nicht, eher an solche, die sich mit Migration und Queerness beschäftigen, weil es genau da um die Frage geht, was Heimat jenseits eines konkreten geografischen Ortes noch sein kann. Davon gibt es vermehrt Beispiele in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, die diverse Lebensrealitäten spiegeln. Aber als Genre ist das noch nicht etabliert. Ich werde in meinem Vortrag über ein solches alternatives Heimatkonzept in zeitgenössischen Filmen sprechen und mich dabei auf queere Menschen und Geschichten konzentrieren, migrantische Perspektiven kommen auch dazu. Ich selbst habe keinen Migrationshintergrund und finde es schwierig, über andere Gruppen zu sprechen statt mit ihnen. Aber ich habe mich an das Thema rangetastet und Parallelen zwischen verschiedenen marginalisierten Gruppen gefunden, ob es jetzt um migrierende, queere Menschen oder auch um Frauen geht, die aufgrund von Diskriminierung ihr ursprüngliches Zuhause, nennen wir es Heimat, verlassen müssen.

Sie sind keine Soziologin, sondern Filmwissenschaftlerin. Welche konkreten Filme spiegeln ein solches neues Verständnis von Heimat, und welche Rolle spielen dabei filmische Aspekte wie Bildgestaltung, Montage oder Narration?

Da gibt es das queere Kino von Monika Treut aus den 1980er und 90er Jahren, Angelina Maccarones lesbische Liebesgeschichte »Alles wird gut« von 1998, Sandra Bernadis »Romeos« von 2011, in dem es auch ums Transsein geht, und in jüngerer Zeit Leonie Krippendorfs »Kokon« oder »Futur Drei« von Faraz Shariat, beide aus dem Jahr 2020. All diese Filme sprechen für ihre Zeit ein primär junges Publikum an, sind vom Jargon modern und spielen in Metropolen. Oft sind sie mehrsprachig und spiegeln ein realistisches, kühles und nüchternes Setting. Das Identifikationsangebot richtet sich an echte Menschen mit ähnlichen Problemen, was Zugehörigkeit oder eben Heimat angeht. Diese Filme machen marginalisierte Gruppen sichtbar und helfen den Zuschauer*innen, die das ebenfalls betrifft, zu zeigen: »Ich bin nicht allein.« In Zeiten, in denen immer noch ernsthaft diskutiert wird, ob Helena von Troja von einer Schwarzen Schauspielerin gespielt werden »darf« oder welche Ethnie eine fiktive Figur wie ein Ork haben soll, ist eine realistische Repräsentation von marginalisierten Gruppen in einem globalen Medium wie Film nach wie vor wichtig.

Das Symposium feiert in diesem Jahr seine 40. Ausgabe. Sie waren oft zu Gast. Was ist das Besondere?

Ich war schon als Studierende da, weil ich den Austausch sehr geschätzt habe. Als ich 2019 das erste Mal zum Thema Diversität selbst vortrug, steckte ich mitten in der Vorbereitung meiner Dissertation, die ich extern, ohne Anbindung an ein Graduiertenkolleg, geschrieben habe. Auf dem Symposium habe ich wichtiges Feedback bekommen. Die Atmosphäre ist ganz anders als bei einem Kolloquium an der Uni oder bei einem rein wissenschaftlichen Symposium. Ich empfinde den Austausch dort als wahnsinnig respektvoll im Vergleich zu dem, was ich sonst schon erlebt habe. Das Symposium besteht aus einer gemischten Gruppe: Filmkritiker*innen, Leute aus der angewandten Filmwissenschaft oder einfach »nur« an Film interessierte Menschen. Diese Film rezipierende Perspektive macht Fragen, Diskussionen und Themen sehr divers. Das Publikum unterscheidet sich je nach Thema stark, und ich freue mich, dass auch jüngere Menschen den Weg dorthin finden.

Auf was freuen Sie sich beim 40. Symposium besonders?

Ein Highlight sind für mich die Werkstattgespräche. Denn wenn ich im Rahmen von Filmfestivals zu Filmemacher*innen gehe und sage, was ich beruflich mache, winken die meist ab und wollen gar nicht wissen, wie ich ihren Film wissenschaftlich analysiere, das verstehe ich auch. Außerdem freue ich mich darauf, altbekannte und neue Gesichter zu sehen, und ganz allgemein auf den Austausch. Diese intensive Auseinandersetzung mit einem Thema aus verschiedensten Perspektiven genieße ich immer sehr. Ich verlasse das Symposium jedes Mal mit vielen Kontroversen und ein bisschen Chaos im Kopf, was ich als bereichernd empfinde.

Das Mannheimer Filmsymposium

Das Mannheimer Filmsymposium wird seit 1986 jährlich veranstaltet und feiert 2026 sein vierzigjähriges Jubiläum. Thematische Schwerpunkte gab es zu filmhistorischen Aspekten, zu Gewerken wie Kamera, Sounddesign, Schauspiel und Montage, zu Regisseuren wie Orson Welles und Nagisa Oshima sowie zu philosophisch-gesellschaftskritischen Fragen wie Zeit im Film, Diversität, Eros und Tod oder Female Gaze. Ziel des Symposiums war dabei von Beginn an, Rezeptions- und Produktionsebene und Filminteressierte aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen, indem wissenschaftliche Vorträge, Filmvorführungen und Werkstattgespräche einander ergänzen. In diesem Jahr geht das Symposium unter dem Titel »Filmische Blicke auf Heimat« mit sieben Vorträgen, fünf Screenings und zwei Werkstattgesprächen mit Narges Kalhor und Kai Stänicke der Frage nach, was Heimat im 21. Jahrhundert für den Film bedeutet.

Das vollständige Programm 2026 und einen Überblick aller vorherigen Symposiumsthemen finden Sie hier.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt