Die Nacht und ihr Preis

Im Reich der Untoten sind sie eindeutig die Vornehmen. Man vergleiche sie nur einmal mit Werwölfen, deren animalische Natur sich bei Vollmond räudig Bahn bricht. Ganz zu schweigen von den ungepflegten, tumben Zombies. Diesen wiederbelebten Leichen ist die Verwesung noch deutlich anzusehen. Beklagenswert orientierungslos geistern sie als reißende Bestien durch die Welt. Wie distinguiert hingegen treten Vampire auf! Nicht von ungefähr sind sie oft von aristokratischer Herkunft und verfügen über vorzügliche Manieren.

So muss es nicht verwundern, dass der kultivierte Snob Tom Hiddleston, den es in Jim Jarmusch' „Only Lovers Left Alive“ an die Ostküste der USA verschlagen hat, ständig über Zombies schimpft. Für ihn, der einst mit Shelley und Lord Byron verkehrte, sind sie ein Synonym für alles Ungehobelte und mithin verantwortlich für jedwede Misere und den gesellschaftlichen Niedergang (Los Angeles, wen wundert es, wird bevölkert von ihnen). Mithin verbringt er seine Existenz in prächtiger Isolation. Vampire sind im Kino ausgesprochen exklusive Figuren: mysteriöse, glamouröse Außenseiter, die im besten Fall in standesgemäß erlesenen Ambientes wesen. Sie bringen das kulturelle Flair der Alten Welt mit, ein in Jahrhunderten erworbenes Raffinement, das sie gebieterisch abhebt vom amerikanischen Pragmatismus. Zu seiner unsterblichen Geliebten Tilda Swinton, die in Tanger lebt, unterhält Hiddleston eine innige Fernbeziehung. Sie ist eine eine unerhört gelehrsame Gestalt, die den lateinischen Namen jeder Pflanze und jedes anderen physischen Phänomens kennt.

Ihresgleichen widmet das B-Movie in St.Pauli ab morgen eine kleine Retrospektive mit dem Titel „After Dark“. Dieser Monat, der auf Halloween hinausläuft, verführt zu solchen Unternehmungen. Mit dieser Spezies durfte ich mich unlängst ausführlicher beschäftigen, weil auch das rührige Kinok in St-Gallen sich saisonbedingt mit ihnen beschäftigte. Als der Essay fertig war, durfte ich feststellen, dass sich in meinem Garten in Herford pünktlich ein Schwarm Fledermäuse tummelte. Ich hätte sie beinahe für Mauersegler gehalten, aber da hatte ich meinen gestrigen Eintrag noch nicht in Angriff genommen.

Den Auftakt der Retrospektive in Hamburg bildet „Underworld“ von Len Wiseman, der streng genommen kein waschechter Horror-, sondern ein Bandenkriegsfilm ist. Hier kämpfen Vampire gegen Werwölfe, die zwar ebenso zubeißen können, aber der Schusswaffengebrauch dominiert dann doch. In Wisemans Film ist schon das product placement genial – beim ersten erbitterten Scharmützel in der Budapester U-Bahn fällt die Werbung für einen Rum ins Auge, dessen Logo eine Fledermaus ziert. Wie mir eine sachkundige Redakteurin berichtete, wird sich in den folgenden Episoden der Klassenkampf noch zuspitzen; auch Tom Hiddleston soll sich noch in ihn einmischen. Im ersten Teil indes entscheidet sich schon früh, dass besonders britische DarstellerInnen für das Rollenfach des Vampirs eignen. Nicht nur die Stars von Jarmusch' Film, auch Kate Bechensale, Michael Sheen und Bill Nighy verfügen über das geeignete Gebiss. Das hat noble Tradition, wenn man an Christopher Lee denkt.

„Near Dark“ von Katrhyn Bigelow hingegen bricht radikal mit den Genre-Traditionen – keine Silberkugeln, Kreuze und Knoblauch - und schafft sich seine eigene Mythologie. Recht eigentlich ein moderner Western, mit einer zentralen Liebesgeschichte, die sich durch die Vampirnatur der jungen Mae (Jenny Wright) in einem sublimen Subtext verkompliziert. Unschuld und Erfahrung sind indes zentrale Motive des Subgenres. Auch Bigelows Vampire scheuen das Tageslicht – dessen physische Verheerungen sind anschaulich wie kaum je im Kino inszeniert –, während die Unumkehrbarkeit des Schicksals durch einen Rückgriff auf die Bluttransfusion bei Bram Stoker glücklich unterlaufen wird. Aber die Euphorie, von Bill Paxton herrlich ungeniert verkörpert, die im Vampirdasein auch ihren Platz haben kann, war seinerzeit präzedenzlos. Ölbohrungen im Hintergrund der Szenerie verweisen auf das Motiv der Energie, auf das auch der zweifellos erstaunlichste Vampirfilm aus jüngerer Zeit mit einem Kraftwerk anspielt.

„A Girl Walks Home At Night“ von Ana Lily Aminpour, deren Familie aus dem Iran stammt, war 2014 ein unerhörter game changer. Er ist in einer Art amerikanisiertem Iran angesiedelt, wurde in Kalifornien gedreht, denn in der Heimat ihrer Vorfahren hätte er nie entstehen können - allein der Titel hätte die Gebote der Staatsreligion verletzt. Faszinierender ist jedoch, dass die Titelheldin kein Opfer ist, sondern vielmehr eine Rächerin im Tschador, die dem Patriarchat den Garaus macht. Amirpour lädt das Publikum zur Identifikation mit ihr ein. Darin ist ihr Film bezeichnend für eine zeitgenössische Umdeutung des Mythos. Vampire und Vampirinnen müssen nicht mehr zwangsläufig das bedrohliche Andere sein. Die Perspektive verändert sich, was „Only Lovers Left Alive“ bereits vorführt, wo es um eine zwar nach wie vor exotische Lebensweise geht, die aber nicht per se verdammenswert ist. Hiddleston besorgt sich den Blut-Nachschub aus einem Krankenhaus, die Vampire in „Underworld“ produzieren synthetisches Blut, was eine unverhoffte Einnahmequelle ist.

Nicht selten haben die modernen Kinovampire eine rechtschaffene Aufgabe zu erfüllen, eine blutrünstige Mission, die dem Guten dient. „Let The Right One In“ von Tomas Alfredson ist in dieser Hinsicht ein Schlüsselfilm. Eli ist eine eine der schillerndsten Figuren schlechthin in diesem Korpus aufgeklärter Genrearbeiten. Sie hadert mit ihrer Existenz, die Morde zur Blutbeschaffung lasten schwer auf ihrem Gewissen; bald wird sie vor einem Dilemma stehen, das praktisch alle modernen Vampire zu gewärtigen haben: die Frage der Verschonung. Zu Vieldeutigkeit dieser Figur gehört ihr Geschlecht: Ist es nun eine unmögliche Freundschaft oder unmögliche Liebe, die sich gegen ihren Willen zwischen ihr und dem wehrlosen Oskar entspinnt, der brutal schikaniert wird. Gleichviel, ihr Mandat ist die solidarische Ermächtigung des Jungen. Das ist eine fabelhafte Entwicklung dieses Genres: Der Schrecken wechselt die Seiten.

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