Das Auge des Volkes
Der Spalte „Relevante Neuauflagen“ im Heimmedien-Teil von epdFilm sollte ich mehr Aufmerksamkeit schenken. Allerdings ist mir in diesem Monat aufgefallen, dass Pidax vor einigen Tagen einen der schönsten Filme von Yoyi Yamada herausgebracht hat, „Das gelbe Taschentuch“. Seine Relevanz ist in der Tat enorm.
Daheim in Japan war er 1977 ein Kassenschlager, gewann mehrere Preise und die Zustimmung der dortigen Kritik. Hier zu Lande erlebte er seine Erstaufführung im Frühjahr 1984, als das ZDF eine kleine Yamada-Reihe zeigte. Sie hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck. Bis dahin war der Regisseur im Westen kaum bekannt, obwohl seine 1969 begonnene „Tora-San“- Serie es damals bereits ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hatte. Die Saga um den großherzigen Vagabunden war für die Shochiku eine sichere Bank, alljährlich kam ein Abenteuer heraus, das jeweils ein Vielfaches der Produktionskosten einspielte. Laut der Programmbroschüre des ZDF fungierte der stets hilfsbereite, unstete und doch zuverlässige Held als eine Gegenfigur zur Industriegesellschaft. Aus der Serie habe ich nie eine Folge gesehen, obwohl der Sender versprach, ein paar von ihnen später ins Programm zu nehmen. Jedenfalls zeigte die Filmredaktion im Mai 1984 eine Dokumentation über Yamada, die den schon damals waghalsigen Titel „Auch Japaner können weinen“ trug. Aber vielleicht war das auch einfach eine Zeit, in der die Ironie noch einen anderen Stellenwert genoss.
Ich glaube, das Studio hat der Ozu-Schüler seit seinem Eintritt 1954 kaum je verlassen, Yamada war dort ein Gewährsmann für volkstümliche, komödiantisch verzierte Melodramen. Wie bei seinem Lehrmeister kreisen sie meist um die Familie. Sie waren so populär, dass eine japanische Tageszeitung ihm den Kosenamen verlieh, der nun die Überschrift dieses Eintrags geworden ist. Ich verlor ihn ein wenig aus den Augen, bis er sich mit seiner wunderbaren „Samurai“-Trilogie neu erfand, deren Teile ab 2002 auf der Berlinale ihre Premiere feierten. Dort lief auch sein höchst ansehnliches Remake von Ozus „Reise nach Tokio“.
1984 indes war er noch ein unbeschriebenes Blatt für mich. „Das gelbe Taschentuch“ faszinierte mich damals nicht zuletzt, weil er die gleiche Geschichte erzählte wie der Song „Tie a Yellow Ribbon round the Ole Oak Tree“, mit dem Tony Orlando & Dawn 1973 einen Welthit landeten: Von der Hitparade stracks ins Kino, das kam nicht so häufig vor! Tatsächlich basierten beide auf einem einem Artikel, den der Kolumnist Pete Hamill in der „New York Post“ veröffentlicht hatte. Was es mit den gelben Bändern bzw. Taschentüchern auf sich hat, kann man heute mühelos im Netz nachlesen. Sie haben eine legendenumwobene Tradition als Liebesbekundung, signalisieren farbenfroh das Warten auf die Heimkehr des Geliebten und sind gegebenenfalls auch ein Zeichen des Verzeihens. Mir schwante damals jedoch nur, dass es da vielleicht eine Verbindung zu „She Wore a Yellow Ribbon“ (Der Teufelshauptmann) von John Ford geben könnte. Mit dessen Western hat das Werk des Japaners in der Tat vieles gemeinsam.
An Yamadas Film hatte ich seither nur eine vage Erinnerung, vor allem das triumphale Ende blieb mir im Gedächtnis. Den Hauptdarsteller Takakura Ken kannte ich aus „Yakuza“ von Sydney Pollack und Paul Schrader, wo seine vibrierende Biederkeit ein toller Gegenpol zu Robert Mitchum gewesen war. Erst Jahrzehnte später wurde mir klar, was für ein großer Star er im pan-asiatischen Kino er war, als der Chinese Zhang Yimou sich bei „Riding Alone for Thousands of Miles“ den langgehegten Traum erfüllte, mit ihm zu arbeiten. Auch dies ein Road Movie um verschüttete Gefühle, das ein prächtiges Double Feature mit „Das gelbe Taschentuch“ abgäbe. Beim Wiedersehen hatte ich übrigens ständig Zeilen aus dem Song im Kopf. Ohrwürmer sind ein Berufsrisiko in meinem Metier.
Nach der neuerlichen Lektüre des aufschlussreichen ZDF-Programmheftes war ich freilich auch neugierig geworden auf die Gesellschaft, die einen solchen Film hervorbringt. Man erfährt viel über sie, ganz nebenbei, wie es sich für ein Road Movie gehört. Es fängt umwegig und reichlich unordentlich an, mit einem jungen Burschen, der aus Liebeskummer seinen Job kündigt und sich einen roten Mazda kauft, mit dem er nach Hokkaido fährt. Sein Kummer scheint nicht lange vorzuhalten, denn er baggert jede junge Frau an, die ihm über den Weg läuft. Ein kecker, vergeblicher Aufreißer, denkt man. (Der Darsteller war offenbar ein populärer Komiker.) Eine Kellnerin, die er auf der Fähre trifft, willigt zumindest ein, sich von ihm ein Stück weit mitnehmen zu lassen. (Die Darstellerin spielte ein zentrale Rolle in der Tora-San-Reihe, als die jüngere Schwester des rastlosen Helden). Vorerst ist alles noch ergebnisoffen, die freischwebende Montage (viele irritierende Rückblenden, die sich später erschließen) dringt noch nicht auf eine tragfähige Geschichte.
Nach einer ganzen Weile wird Takakura Ken aus dem Gefängnis entlassen und genehmigt sich feierlich ein Bier. Der Mazda-Fahrer und seine Begleiterin sammeln ihn auf, ihre Reiseziele könnten nah beieinander liegen. Er zaudert, man will sich dann doch wieder trennen, aber rauft sich immer wieder zusammen. Eine brüchige Zugehörigkeit stellt sich ein. Irgendwann erzählt er ihnen die Geschichte seiner Liebe, die ihn dank bizarrer Volten ins Gefängnis brachte. Das Abendrot, das während des Geständnisses auf sein Gesicht fällt, ist magisch. Beiläufig handelt diese Geschichte auch von den ökonomischen Verhältnissen, vom Strukturwandel im Bergbau, der Entwurzelung und dem Finden einer Heimat.
Sein Zögern wird zur Triebfeder der dramaturgischen Bewegungen, er will und er will nicht heimkehren zu der Frau, die er nach seiner Verurteilung zur Scheidung nötigte. Er hat ihr geschrieben, dabei auf den Liebesbeweis des gelben Taschentuchs gehofft, aber wahrscheinlich führt sie inzwischen ein ganz neues Leben. Erst nimmt die junge Kellnerin sentimental Anteil daran, bald kann sich auch der Fahrer der Romantik des Unterfangens nicht mehr verschließen. Auf ihrer Reise fallen dem Mann ständig Fähnchen und weitere Zeichen auf, die ihn an das Liebesbekenntnis erinnern.
Auf seiner unerfreulichsten Ebene gerät „Das gelbe Taschentuch“ zu einer Ode an männliches Selbstmitleid und badet in den Schuldgefühlen des Mannes. In seinem Bedauern erhält die geliebte Frau kein Mitspracherecht hat. Die Kellnerin ergreift ihre Partei, wirft ihm Selbstsucht vor. Der Film will seinem Helden die Verstocktheit nicht so einfach durchgehen lassen. Takakura Ken entdeckt dann auch echte Demut in seiner Figur. Seine Zweifel rehabilitieren ihn hinreichend. Die letzten Etappen der Reise inszeniert Yamada als puren Suspense. Mit jeder Abzweigung gewinnt sie an moralischem Gewicht: als Rückeroberung eines Lebens, das verloren ging. Im Song von Tony Orlando & Dawn kehrt der Entlassene mit dem Bus heim, in dem jeder Passagier mit ihm bangt. Bei Yamada ziehen die Zwei im Mazda ihre Lehren aus der Wiederbegegnung des Paares. Er inszeniert sie ganz diskret. Aber man versteht schon, weshalb 1977 die Japaner im Kino so viele Tränen vergossen.





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