DVD-Tipp: »Dead Man's Wire« (2025)

englisch © Row K

Gus Van Sant verfilmt eine reale Geiselnahme aus den späten 1970ern mit viel Atmosphäre, aber zu wenig Spannung

Im Februar 1977 nimmt ein verpeilter, kleiner Immobilienunternehmer den Sohn eines Hypothekenbankers als Geisel, von dem er sich über den Tisch gezogen fühlte. Diese skurrile Kriminalgeschichte, die in mehrfacher Hinsicht als Präzedenzfall in die Geschichte einging, wurde bereits in Dokumentationen und Podcasts thematisiert. Nun hat Gus Van Sant diese 63-stündige Geiselnahme als Spielfilm aufbereitet.

Von Anfang an wirkt dieser Tony Kiritsis wie ein Borderlinefall. Zunächst bricht er den Autoschlüssel ab, dann betritt er mit einer auffälligen länglichen Pappschachtel die Lobby der Meridian Mortgage Company, einer Hypothekenbank in Indianapolis. Statt den Chef, mit dem er verabredet ist, trifft er nur dessen Sohn Richard an, den er kurzerhand als Geisel nimmt. Und zwar mit einer abgesägten Schrotflinte, deren Abzug an einem Draht befestigt ist, den er um den Hals des Opfers geschlungen hat. Auf diese Weise wird die Polizei, die dem Geiselnehmer sogleich auf den Fersen ist, wirksam am Zugriff gehindert.

Diese aberwitzige Konstruktion – der titelgebende »Dead Man's Wire« – ist das Ergebnis einer seltsamen Mischung aus akribischer Tüftelei und einer offenkundigen Störung. Der Mann ist total gaga. Doch für die Vergangenheit dieses Typs und seinen psychologischen Abgrund interessiert der Film sich eher am Rande.

Der eigentliche Hauptdarsteller in diesem elegant inszenierten Period Piece ist die Ausstattung. Kleidung, Fahrzeuge und Innenräume spiegeln mit atemberaubender Perfektion die Ästhetik der späten 1970er Jahre. Radio war damals noch ein Leitmedium. Das zeigt die liebevolle Beobachtung des von Colman Domingo verkörperten lokalen DJs, der hier eine Schlüsselrolle einnehmen wird.

Im Abspann eingeblendete Archivaufnahmen zeigen, mit welcher Perfektion Van Sant die Epoche filmisch assimiliert hat. Leider werden die einzelnen Aspekte des Kriminalfalls – von der Polizeitaktik im Umgang mit dem Geiselnehmer über die reißerische Liveberichterstattung im Fernsehen bis hin zum Freispruch wegen Schuldunfähigkeit – allzu schematisch abgespult. Da wirkt selbst Al Pacino in einer Nebenrolle als schmieriger Kapitalist dröge. Und daher schaut man Bill Skarsgård als beflissenem Psychopathen und Dacre Montgomery in der Rolle der verängstigten Geisel mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit zu.

Das Drehbuch (Austin Kolodney) ist zu uninspiriert und zu zahm für diesen verdrehten Kriminalfall. Da kaum etwas Unerwartetes geschieht, springt der Funke in dieser unentschlossen dahinplätschernden Mischung aus Groteske und Komödie nicht über. Ob Werner Herzog mit Nicolas Cage als Tony Kiritsis die Sache wohl besser gemacht hätte? Darüber lässt sich nur spekulieren. Fest steht jedoch, dass »Dead Man's Wire« das Musterbeispiel für einen Film ist, dessen Regisseur alles richtig macht – in dem aber außer der Atmosphäre kaum etwas stimmt.

 


VÖ: 7. August 2026

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