Interview: Marie Kreutzer über »Gentle Monster«

»Mir wurde klar: Ich muss Täter kennen«
Marie Kreutzer. © Pamela Rußmann

© Pamela Rußmann

Marie Kreutzer, geboren 1977 in Graz, studierte Drehbuch und Dramaturgie an der Filmakademie Wien. ­Ihr Langfilmdebüt »Die Vaterlosen« lief 2011 bei der ­Berlinale und gewann den Großen Preis der Diagonale. »Der Boden unter den Füßen« konkurrierte 2019 um den Goldenen Bären. International bekannt wurde Kreutzer mit »Corsage« (2022) mit Vicky Krieps, der in der Cannes-Sektion Un Certain Regard Premiere feierte. Mit ihrem aktuellen Film »Gentle Monster« wurde sie im Mai erstmals in den Wettbewerb von Cannes eingeladen

Frau Kreutzer, wann wurde Ihnen klar, dass Sie mit »Gentle Monster« keine Kriminalgeschichte erzählen wollen, sondern eher einen Film über Wahrnehmung?

Über Genre denke ich eigentlich sowieso nie nach. Ich schreibe einfach die Geschichte, die ich für wichtig halte. Es gibt diesen Spruch: »Schreibe über deine schlimmste Angst.« Für Eltern ist die schlimmste Angst wahrscheinlich, dass das Kind stirbt. Die zweitschlimmste ist, dass dem Kind etwas angetan wird. Angefangen hat es mit einem Zeitungsartikel über einen Pädokriminellen-Ring. Er hat mir klargemacht, dass es auch in meinem Umfeld Täter geben muss, nicht nur Opfer. Rein statistisch geht das gar nicht anders. Ich wusste dann schnell, dass der Film aus der Perspektive dieser Mutter erzählt wird, die befürchten muss, dass ihrem eigenen Kind so etwas passiert ist. Und die zugleich erkennen muss, dass sie von ihrem Partner getäuscht worden ist.

Der Mann bleibt dabei fast wie eine Leerstelle. Warum?

Zum einen finde ich, dass wir Tätern zu viel Raum geben. Mich interessiert nicht, warum er das gemacht hat. Zugleich gehört es für mich zum Schlimmsten, keine Antworten zu bekommen. Wenn wir uns von jemandem trennen oder etwas zerbricht, werden wir oft nie erfahren, was eigentlich passiert ist. Diesen Abschluss, diese Auflösung gibt es meistens nur in der Fiktion. Im wirklichen Leben müssen wir uns mit dem Gedanken abfinden, einen anderen Menschen nie ganz zu kennen.

Die Idee zu »Gentle Monster« entstand lange vor den Anschuldigungen gegen den Hauptdarsteller Ihres Vorgängerfilms »Corsage« und seiner späteren Verurteilung. Inwiefern hat das den Film beeinflusst?

An Plot, Geschichte oder Figuren hat sich dadurch nichts verändert. Aber es hat uns natürlich die ganze Zeit begleitet. Es war Thema in der Finanzierung, in den Gesprächen mit den Schauspieler*innen. In gewisser Weise war das für uns alle auch eine Form der Aufarbeitung.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: »Diesen Film kann ich jetzt nicht mehr machen«?

Direkt nachdem alles bekannt geworden war. Es hat uns völlig kalt erwischt. Es war ein Schock. Und wir haben in Österreich einen enormen Shitstorm erlebt. Die Reaktionen richteten sich gegen uns als Produzent*innen und mich als Regisseurin. Ich habe nichts mit dem zu tun, was er privat gemacht hat. Trotzdem hieß es: »Der Film muss verschwinden.« Wir haben damals auch mit Kinderschutzorganisationen gesprochen und gefragt, was sie für richtig halten würden. Dort sagte man mir: »Den Film jetzt nicht mehr zu zeigen, wäre eine sehr österreichische Lösung. Wir kehren alles unter den Teppich und müssen nicht mehr hinschauen.« Mir wurde klar, dass ich ihn gerade deswegen machen muss. Die Erkenntnis, aus der der Film ursprünglich entstanden war, lautete ja: »Ich muss Täter kennen.« Und plötzlich war diese Erkenntnis auf erschreckende Weise Realität geworden.

Die ermittelnde Polizistin Elsa bewegt sich selbst in einer moralischen Grauzone.

Es gibt bei jedem Film ein Thema, das mich leitet. Hier ist es Ehrlichkeit, oder noch genauer: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Beide Frauen tun sich schwer, sich selbst die Wahrheit einzugestehen. Die eine schafft es lange nicht zu sagen: »Mein Mann ist ein Täter. Ich muss gehen.« Die andere schafft es lange nicht zu sagen: »Ich kann meinen übergriffigen Vater nicht mit anderen Menschen allein lassen. Ich muss Verantwortung übernehmen.« Elsa macht aus Verzweiflung und Überforderung einen Fehler. Sie schaut weg. Und genau das wollte ich erzählen: Dass wir alle nicht über solchen Dingen stehen. Die eigentlichen Grenzüberschreitungen beginnen viel früher. Sie beginnen dort, wo wir dumme Bemerkungen tolerieren. Wo wir Dinge kleinreden. Sonst wäre es zu leicht zu sagen: »Das hat mit uns nichts zu tun.«

Sowohl »Gentle Monster« als auch »Corsage« erzählen auf unterschiedliche Weise von Macht. Was interessiert Sie an diesem Thema?

Dieser Drang nach Macht – über andere Menschen, über Unternehmen, ganze Länder – ist für mich eines der Grundprobleme der Menschheit. Zugleich ist die vermeintlich weibliche Sozialisation auch ein großes Übel. Dass uns beigebracht wird, das Wichtigste sei, geliebt zu werden und schön zu sein. Das begleitet viele Frauen ein Leben lang. Wir setzen ständig die falschen Prioritäten. Und gerade auch bei sexualisierter Gewalt geht es um Macht. Es geht nicht um Sex. Es geht nicht um Lust. Es geht darum, Macht über einen anderen Menschen auszuüben. Deshalb ist sie ein so wirksames Instrument der Unterwerfung.

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