ARD-Mediathek: »Selling Sex«

»Selling Sex« (Miniserie, 2026). © ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

© ARD Degeto Film/Mia Wallace Productions/Senator Film Produktion/Michel Vertongen

Die ARD-Degeto-Serie folgt der Mittzwanzigerin Nelly bei ihrem Einstieg in die Welt der Escorts und ihrer Suche zu sich selbst

Nelly (Ella Morgen) ist frustriert. Sie hat 350.000 Euro Schulden aus ihrem Studienkredit, macht ein unbezahltes Praktikum und jobbt nebenbei als Kellnerin. »Ich arbeite die ganze Zeit und es bleibt einfach nichts übrig«, beklagt sie sich bei ihrer Mitbewohnerin Bonnie (Manal Raga a Sabit). Kurze Zeit später gibt sie einem Mann auf der Toilette eines Casinos einen Handjob. Die Kamera wechselt vom Close-up ihres Gesichts zu seinem, das an den verspiegelten Wänden mehrfach wiedergegeben wird. Und in dem Fall stimmt die Bezeichnung »Job« – denn sie verlässt das Treffen mit einem Umschlag voller Geldscheine. »Ich glaube, der ist einsam«, sagt Nelly über ihren ersten Klienten. Und sie? Sie sei pragmatisch. Die Prämisse von »Selling Sex« über Nellys Einstieg als Escort wirkt erst mal nüchtern.

Das ist auch dringend notwendig. Schließlich ist das Thema Sexarbeit politisch aufgeladen und mediale Darstellungen – man denke an die letzte Staffel von »Euphoria« – bedienen oft billige Klischees und einen voyeuristischen Blick auf spärlich bekleidete Frauenkörper. Für Nelly, die über eine ehemalige Arbeitskollegin in den Beruf kommt, geht es hingegen erst mal ins Büro einer Escort-Agentur. Dort erfährt sie, wie sie Steuernummer und Prostitutionsschein bekommt und dass in Deutschland Kondompflicht herrscht. »Selling Sex« will in den sechs rund 30-minütigen Folgen offenbar alles richtig machen: Die Escorts stehen größtenteils selbstbewusst zu ihrer Arbeit und für ihre Rechte ein.

Leider bleibt aber auch diese Serie nicht ohne Stereotype. So kommt Nelly bei erfüllenden sexuellen Begegnungen praktisch sofort zum Orgasmus – und das allein durch Penetration in Missionarsstellung. Da hat man schon kreativere Sexszenen gesehen. Zudem versucht die Serie, eine Parallele zwischen Nellys Wirtschaftsstudium und der Sexarbeit aufzumachen. Doch ihr Girl-Boss-Business-Talk, der immer wieder mittels Voice-over eingesetzt wird, besteht größtenteils aus leeren Floskeln: »Wenn es um seriöse Geschäfte geht, darf nichts dem Zufall überlassen werden.« Das trägt nicht gerade dazu bei, die Figur interessant oder zugänglich zu machen. Am Frühstückstisch mit einem Kunden fragt Nelly: »Gab es Stress mit dem Call gestern? Ich hab nur gehört, dass es um Business-Taktik ging. Vielleicht kann ich ja helfen, ich hatte dazu mal ein Seminar.« Statt selbstbewusst wirkt sie so eher einfältig.

Immerhin sind da noch die anderen Escorts, allen voran die erfahrene Liliana (Lera Abova) und Ex-Domina Dolly (Sasha von Halbach), mit denen Nelly ab und zu zusammenarbeitet und sich austauscht. Nelly wird hier weniger als Einzelkämpferin dargestellt, sondern als Teil einer diversen Gemeinschaft, deren Mitglieder unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Doch gerade die Rolle der Liliana, die als Mutter eigentlich interessant sein könnte, ist für Lera Abovas Talent undankbar: Selbst bei einem Nervenzusammenbruch wird sie in Slow Motion in Unterwäsche und mit verschmiertem Make-up wie in einem schlechten Musikvideo gezeigt, mit der Agenturleiterin streitet sie sich vulgär, und als ihr eine Bauchdeckenstraffung für ihren mom body vorgeschlagen wird, fragt man sich, ob diese Zeile wirklich für die gertenschlanke Schauspielerin geschrieben wurde.

»Selling Sex« hätte gut daran getan, sich mehr Zeit für die einzelnen Figuren und ihre Beweggründe zu nehmen. Stattdessen hechtet die Serie vom Junggesellenabschied zum Alpenhotel, von Nellys Arbeit zu Bonnies Datingerfahrungen. Und es entsteht der Eindruck, dass die Serie gar nicht so recht weiß, was sie erzählen will.

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