HBO Max: »Tip Toe«

»Tip Toe« (Miniserie, 2026). © ITV / HBO Max

© ITV / HBO Max

Auf beklemmende Weise erzählt die von Russell T. Davies (»Queer As Folk«, »Doctor Who«) kreierte Serie von zunehmender Queerfeindlichkeit und wie gesellschaftliche Konflikte eskalieren

Früher, sagt Melba, sei er in einen Raum getreten und habe »Ta-da!« gerufen. Heute gehe er auf Zehenspitzen hinein, damit ihn nur niemand bemerkt. Von diesem Satz hat Russell T. Davies den Titel seiner Serie »Tip Toe« genommen. Seit dem Anschlag am Rande des Berliner CSD am 25. Juli klingt er noch einmal anders. Davies hat diese Tat nicht vorhergesagt. Aber er beschreibt eindringlich, wie Sichtbarkeit wieder zur Gefahrenlage werden kann. Der Anschlag ist islamistisch motiviert, die Serie handelt vor allem von rechter Rhetorik. Beides gleichzusetzen, wäre falsch. Gemeinsam ist die Vorstellung, queeres Leben sei eine Provokation, die verschwinden solle.

»Tip Toe« beginnt mit dem Ende: Eine Frau liegt reglos auf einer Straße in Manchester, ein Mann steht erstarrt im Vorgarten, am Laternenpfahl hängt Leo Struthers. Dann springt die Handlung zehn Tage zurück. Nicht, wer stirbt, ist die Frage, sondern wie aus einer angespannten Nachbarschaft ein Lynchmord werden konnte.

Leo (Alan Cumming) betreibt das Spit & Polish, einen queeren Bar-Club in Manchesters Canal Street. Als er sich aussperrt, hilft ihm sein Nachbar Clive Goss (David Morrissey), Elektriker, Familienvater und wandelnder Muskelpanzer. Doch die Hilfsbereitschaft hat etwas Kontrollierendes. Bald verschiebt sich in Leos Schrank ein Weinglas, eine Flasche leert sich. Davies baut seinen Gesellschaftsthriller aus winzigen Grenzverletzungen zusammen. Die Mauer zwischen den Häusern ist dünn, die zwischen den Lebenswelten undurchdringlich. Clive versinkt in einer lieblosen Ehe, beruflicher Kränkung und Gewaltvideos. Im Netz findet er für jedes Gefühl einen Schuldigen. Morrissey spielt ihn als Mann, der mehrfach noch anders entscheiden könnte. Cumming wiederum bewahrt Leo vor der Rolle des makellosen Opfers: Er ist großzügig und eitel, witzig und übergriffig – und bittet für seine Existenz niemanden um Verzeihung.

Davies kehrt an den Ort zurück, an dem er 1999 mit »Queer as Folk« Fernsehgeschichte schrieb. Damals war die Canal Street eine hell erleuchtete Gegenwelt, lustvoll und für die Überzeugung stehend, dass Sichtbarkeit zu Freiheit führen werde. Nun steht vor den Clubs Sicherheitspersonal mit Funkgeräten. Die Bar ist weniger Bühne als Schutzraum. Melba (großartig: Paul Rhys), Leos Freund und Unglücksprophet, erinnert sich an Aids, Protestmärsche und die Hoffnung, die Kämpfe seien gewonnen. Leo verwechselt Erschöpfung mit Sicherheit.

Davies setzt weniger auf Zwischentöne als auf Verdichtung. Schon die erste Folge führt Transfeindlichkeit, Brexit, Wohnungsnot und Generationenkonflikte zusammen. Bisweilen sprechen die Figuren allzu deutlich aus, wofür sie stehen. Doch Melbas große Rede entwickelt eine enorme Wucht, weil sich in ihr die Erfahrung einer Generation bündelt, die begreift, dass nichts Erkämpftes selbstverständlich bleibt. Regisseur Peter Hoar macht die Eskalation räumlich begreifbar. Türen, dünne Wände und die wenigen Meter zwischen zwei Häusern werden bedrohlicher als jede finstere Gasse. Das brutale Finale macht sichtbar, worauf die Drohungen und Demütigungen hinauslaufen. Dass die Katastrophe von Anfang an bekannt ist, nimmt ihr nicht die Spannung. Entscheidend ist, wie viele Gelegenheiten verstreichen, sie zu verhindern.

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