Trauerarbeit
Nicht nur in Komödien kommt es auf das Timing an. Auch das Unlustige braucht den richtigen Zeitpunkt. Dies ist nicht zuletzt eine saisonale Frage. Triste Filme zeigt man besser nicht in der dunklen Jahreszeit. Im Sommer hingegen kann die Melancholie eine Erholung sein.
In Wien, wo man sich traditionell mit der Schwermut gut auskennt, widmet das prächtige Gartenbaukino dieser Stimmung gleich einen ganzen Monat. Bereits zum zweiten Mal findet dort das „SadFest“ statt. 2025 stand der August im Zeichen wehmütiger Katharsis, nun ist man wohlweislich auf den Juli umgeschwenkt. Und die diesjährige Ausgabe liefert eine Portion Schwermut, die für den Rest des Sommers reichen dürfte. Das Programm besteht neben Hommagen an große Verstorbene (Robert Duvall, Harry Dean Stanton, Frederick Wiseman) zentral aus den „Tagen des traurigen Films“ (https://www.gartenbaukino.at/programm/specials/sadfest-2026/). Das Spektrum demonstriert eindrucksvoll, wie vielgestaltig dieses filmische Gefühl sein kann. Im Wesentlichen sind es ziemlich erhebende Filme (von „Fahrraddiebe“ über „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „The Last Picture Show“ bis „Brokeback Mountain“); zu den einschlägigen Meistern dieser Disziplin gehören Aki Kaursimäki und Todd Solondz, und auf den amtierenden Trauerkloß Hollywoods, Joaquin Phoenix, darf natürlich nicht verzichtet werden. Ich finde die Auswahl ziemlich verblüffend, die meisten Titel hätte ich diesem Korpus auf Anhieb gar nicht nicht zugeschlagen. Im letzten Jahr ging es noch etwas weiter zurück in die schwarzweiße Filmgeschichte mit Bressons „Mouchette“ und „Make way for tomorrow“ von Leo McCarey, dem traurigsten Melodram überhaupt.
Ich vermutete, dass die Wiener von der „Bleak Week“ inspiriert wurden, die in diesem Juni in Los Angeles bereits zum fünften Mal mit illustren Gästen (Ari Aster, Werner Herzog, Isabelle Huppert, Paul Schrader) veranstaltet wurde. Tatsächlich reichen die Pläne für ein Gegenprogramm zur üblichen, sommerlichen Zwangsbeglückung bereits zehn Jahre zurück, wie mir Fredi Themel und Norman Shetler vom Gartenbaukino schrieben. Durch den Hinweis Alexander Horwaths auf die Reihe in Los Angeles nahm die Unternehmung neuerlich an Fahrt auf. Das dortige Gipfeltreffen der Untröstlichkeit scheint ein veritables Erfolgskonzept zu sein, denn in den letzten Jahre ist es enorm expandiert, nach New York, Boston, Chicago, Portland und Minneapolis; in diesem Jahr hat die düstere Woche auch den Sprung über den Atlantik nach London geschafft. Der Kurator, Chris Le Maire von der „American Cinematheque“, war wohl selbst ein wenig überrascht vom Zuspruch, den die Kaskade der Verzweiflungen von Anfang an hatte. Das sei allerdings nichts, was man zuhause ausprobieren sollte: „Misery likes company.“
Das Gartenbaukino hat der existenziellen Furcht übrigens noch eine weitere Sommer-Retro gewidmet, die indes pfiffige politische Widerhaken hat. Es feiert den 250. Geburtstag der USA ausgerechnet mit der Reihe „The American Disaster“, in der lauter Katastrophenfilme aus der Nixon-Ära und den Folgejahren zu sehen sind. Auf sie bin ich leider viel zu spät gestoßen, der Countdown zum 4, Juli ist fast abgeschlossen. Immerhin laufen noch zwei Prachtbeispiele, „Rollercoaster“ und „Juggernaut“ von Richard Lester, der eigentlich gar nicht dazugehört, weil er abgesehen von der weiblichen Hauptdarstellerin Shirley Knight eine urbritische Angelegenheit ist. Über solch nationale Einwände darf man sich indes gern hinwegsetzen, denn „Juggernaut“ ist das klügste, witzigste und spannendste disaster movie dieser Epoche(und schlechthin), mit Richard Harris und David Hemmings (eine genrebedingt kurze Rolle) als Bombenentschärfer auf einem Kreuzfahrtschiff. Diese Filme kann man zwar auch ohne nennenswertes Risiko daheim sehen, aber auf der großen Leinwand haben sie dann doch noch eine ganz andere Wirkung. (Ich weiß jedoch nicht, ob es von ihnen 70mm-Kopien gibt, für die das Gartenbaukino eine besondere Expertise vorweisen kann.)
Mit dem ersten „Airport“ bricht sich dieser Filmkorpus 1970 programmatisch Bahn. Obwohl in Besetzung (Burt Lancaster, Dean Martin, Van Heflin, Helen Hayes; ohne George Kennedy ging es auch in der Folge leider nicht) und Regie (George Seaton) noch alte Schule, vollzieht sich hier bereits ein rabiater Generationenwechsel. Es wird fortan tabula rasa gemacht und stets eine ganze Reihe von Altstars abserviert; nicht immer im fatalen Sinne, aber tendenziell schon. Ich konnte John Guillerman bis heute die Unachtsamkeit nicht verzeihen, dass sich in „The Towerung Inferno“ (Flammendes Inferno) erst eine zarte Romanze zwischen Fred Astaire und Jennifer Jones anbahnt und diese dann, wie eine schnöde Statistin, in einer Totalen abstürzen muss. Gleichviel, die Katastrophenfilme spiegelten ein sehr zeitgenössisches Unbehagen an Politik und Zivilisation wider. Erleuchtete Paranoia sozusagen. Zum Desaster kommt es meist durch Gier, Hybris oder Korruption. Richard Chamberlain hat im „Towering Inferno“ bei der Sicherheit des neu eröffneten Hochhauses fahrlässig gespart und William Holden, Paul Newman, Steve McQueen, der arme Robert Wagner und all die anderen müssen dann den Preis dafür zahlen. Das Ganze war so teuer, dass sich gleich zwei Studios zusammentun mussten, auch das verheerend prophetisch.
Die Serie vollzog sich bemerkenswerter Ungleichzeitigkeit mit dem New Hollywood. Gewiss, mitunter wurden auch aktuelle Stars (Gene Hackman, Richard Roundtree) besetzt, aber am Ende ruhte die Last der Rettung dann doch eher auf den Schultern von Charlton Heston, der bewährten letzten Bastion westlicher Zivilisation. Allerdings ließ ich mich bei einer Podiumsdiskussion über das New Hollywood (anlässlich der Berlinale-Retro 2004) zu der steilen These hinreißen, dass in dieser Zeit selbst die schlechten Filme besser waren. Da bezog ich mich auf „The Poseidon Adventure“ (Die Höllenfahrt der Poseidon, 1972), den der chronisch unterschätzte Ronald Neame inszenierte. Ich meinte wohl hauptsächlich Hackman als Priester bzw. Christusfigur. Nachher pflichtete mir eine strenge Kollegin verblüfft zu. Die Flutwelle, die das Schiff in einer Art hegelianischen Wende vom Bug aufs Deck katapultiert, ist aber auch eine dolle Idee! Ansonsten ist die Besetzung ziemlich grauenvoll, angefangen mit dem klebrig sentimentalen Red Buttons und dem verdrießlichen Ernest Borgnine bis zu Shelley Winters, über deren Auftritt ein aufgeweckt zynischer Kritiker treffend „Overacting under water“ schrieb.
Im Kern sind die meisten Disaster movies pure Seifenopern. Die Ehekrise zwischen Heston und Ava Gardner in „Earthquake“ (Erdbeben, 1974 von noch so einem wackeren Veteranen inszeniert, Mark Robson) kam mir immer wie ein retardierendes Element vor, das von „Mad“ jedoch kongenial parodiert wurde. Das diesbezügliche Potenzial war überhaupt sehr groß (siehe „Airplane“ etc.) „Earthquake“ haben wir damals übrigens in dem vermeintlich immersiven „Sensurround“-Verfahren gesehen, wo allerdings die Sitze dann doch nur lustig klapperten. Diese Enttäuschung hielt mich davon ab, drei Jahre später in „Rollercoaster“ zu gehen. Das war vielleicht ein Fehler, denn die Achterbahnfahrten beeindruckten den großen Drehbuchautor Razvan Radulescu sehr, obwohl er damals in Rumänien nur eine Raubkopie auf VHS zu sehen bekam. Kann man noch nachholen, furchtlose Wiener im Gartenbau und wir anderen auf Heimmedien.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns