Kein Entenfutter
Ich staunte nicht schlecht, als ich vor drei Tagen Arabella Wintermayrs Kritik zu „Good Boy“ las. Darin stellt sie eine kühne Verbindung her zwischen Jan Komasas Film und „Max und Moritz“ her. Die Assoziation mag auf Anhieb zwar nicht nahe liegen, aber sie ist absolut schlüssig. Auch bei Wilhelm Busch kommt die Pädagogik ja nicht ohne Brutalität aus.
Der rüde Unruhestifter Tommy muss im Film ebenfalls die drastischen Konsequenzen seines Tuns tragen (https://taz.de/Satirethriller-Good-Boy-Wie-Max-und-Moritz-in-der-Gegenwart/!6183196/), wenngleich sein Erziehungsroman einen weniger grausamen (siehe Überschrift), dafür ambivalenten Ausgang nimmt . Die unterschiedlichen erzählerischen Linien, die zu „Good Boy“ führen (bzw. führen könnten), sind allerdings faszinierend. Die Berührungspunkte mit „Uhrwerk Orange“ sind offensichtlich. Worüber ich in meiner rezension im aktuellen Heft aus Platzgründen nicht schreiben konnte, ist das Zitat einer Szene aus „Kes“, den sich die Zwangsfamilie eines Abends anschaut. (Tommy verliert schnell das Interesse.) Der Verweis auf die Geschichte des vernachlässigten und gemobbten Arbeiterjungen, der einen Turmfalken friedlich zähmt, liegt thematisch auf der Hand. Jedoch weiß ich nicht, ob das frühe Meisterwerk von Ken Loach kennt. Nebenbei: Der Regisseur feiert am 17. Juni einen runden Geburtstag, elf Tage nach mir (ein halbrunder), weshalb der heutige Eintrag nicht so furchtbar lang werden muss.
Ebenso wenig weiß ich, ob Jan Komasa zu jener Fraktion von Regisseuren gehört, die sich und ihrem Team vorab Filme zur ästhetischen oder inhaltlichen Inspiration vorführen. Mithin weiß ich nicht, ob die folgenden Beispiele ihn beeinflusst oder ihm Ansatzpunkte geliefert haben. Ohnehin ist dieser Regisseur kein müßiger Imitator oder einer der Filme nur aus Filmerfahrungen macht. Dennoch fröne ich mal der Lust an der Liste. Peter Bradshaw hält in seiner Kritik im „Guardian“ seinen Eindruck fest, „The Good Boy“ hätte schon vor 50 Jahren gedreht sein können, in der Ära, in der „Clockwork Orange“ entstand sowie „Max Mon Amour“ von Nagasi Oshima (mit Charlotte Rampling als einer Dipolmatenfrau, die eine Liebesaffäre mit einem Schimpansen eingeht) und „The Shout“ (Der Todessschrei“ (über einen Schamanen, der sich verheerend in eine britsche Ehe drängt) von Jerzy Sholimowski, dem Mitproduzenten Komasas. Inhaltlich gibt es da nur vage Verbindungen (immerhin: alles bizarre Kohabitationen), aber angefangen mit Stanley Kubrick nennt Bradshaw lauter ausländische Regisseure, deren Arbeiten eine je enorme Verstörung angesichts britischer Lebensart und Mentalität reflektieren.
Meine ersten Assoziationen beim Sehen von „Good Boy“ gingen in eine ganz ähnliche Richtung. Wegen der Kette, an die Tommy zuerst im Keller und dann im Haus gefesselt ist - gerade so lang, dass er sich nirgendwo befreien kann – musste ich an „Obsession“ von Edward Dmytryk denken, dessen transatlantisches Schillern mich bereits im Eintrag „...war Amerikas Verlust“ vom 27. 8. letzten Jahres. Als Bezugspunkt ein wenig hanebüchen, gebe ich zu. Dafür leuchtet mein letzter Vergleich absolut ein: „The Collector“ (Der Fänger), William Wylers Verfilmung des gleichnamigen Romans von John Knowles; wiederum ein Regisseur, der als Fremder auf England blickt. Der war schon immer ein heimlicher Favorit in Wylers Filmographie, den ich in den letzten Monaten gleich zweimal wiedersah, als zuerst Trenece Stamp und dann Samantha Eggar starben. (Die Blu-ray von Indicator ist exzellent.) Ich kann mich kaum sattsehen an ihnen in diesem klaustrophobischen Zweipersonenstück (oder gleich: two-hander, was eine beinahe genuin britische Tradition ist). Er spielt einen einsamen Schmetterlingssucher, sie eine Kunststudentin, die er entführt und auf seinem einsamen Landsitz einsperrt. Auch diese Haft ist eine Art perverser Erziehung, eine erzwungene éducation sentimentale, in deren Verlauf sie ihn kennen und lieben lernen soll. Zuvor hat sie in nicht beachtet (warum auch, ein fremdes Gesicht im Bus oder in der Menge, ein für sie unsichtbarer Schatten), nun ist sie ihm ausgeliefert. Es entspinnt sich ein Machtkampf, in dem Grausamkeit, Vertrauen und List ständig neu austariert werden, ein Krieg mit kurzen Waffenstillständen, die trügerisch heiter und verspielt anmuten. Statt austariert hätte ich ebenso gut ausgehandelt schreiben können, denn es geht im Kern um einen entsetzlichen Vertrag der geschlossen werden soll. Wenn Ihnen all das bekannt vorkommen sollte aus „Good Boy“, kann ich „The Collector“ unbedingt empfehlen. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, ebenfalls.




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