Nahaufnahme von Robert Aramayo

Instinkt statt Kalkül
Robert Aramayo in »Verflucht Normal« (2025). © Graeme Hunter Pictures

Robert Aramayo in »Verflucht Normal« (2025). © Graeme Hunter Pictures

Vom beschaulichen Kingston upon Hull an die legendäre New Yorker ­Juilliard School: Durch die Serie »Die Ringe der Macht« wurde der Brite 
Robert Aramayo bekannt, für seine erste große Kinohauptrolle in »Verflucht normal« wurde er jetzt mit dem BAFTA ausgezeichnet

Dass manchmal eine ganz einfache Internetsuche weitreichende Folgen haben kann, weiß kaum jemand besser als Robert Aramayo. Dieser Tage führt kein Weg vorbei an dem Briten, der seinen klangvollen Nachnamen einem aus San Sebastián stammenden Großvater verdankt. Erst kürzlich war er im queeren Historiendrama »Lilies Not For Me« zu sehen, bei der BAFTA-Verleihung im Februar wurde er zum überraschenden Abräumer, und nun ist er – »Palästina 36« und »Verflucht normal« sei Dank – gleich zwei Mal auf deutschen ­Leinwänden zu sehen. Doch startet die Laufbahn des Schauspielers damit, dass er als Teenager bei Google die Worte eintippt: »best drama school in the world«.

Die Schauspielerei entdeckt der 1992 geborene Aramayo bereits als Zehnjähriger für sich, am örtlichen Jugendtheater im einigermaßen beschaulichen Kingston upon Hull in Yorkshire. Als ihm irgendwann dämmert, dass sich aus dem Hobby ein Beruf machen lässt, packt er nicht etwa die Koffer, um nach London zu ziehen, oder klopft bei lokalen TV-Produktionen an, sondern recherchiert online nach den besten Schauspielschulen. Das Ergebnis? Die legendäre Juilliard School in New York City – und genau dort ergattert er ein paar Jahre später einen der begehrten Studienplätze. 

Ob seine Karriere eine grundlegend andere Richtung genommen hätte, wenn er stattdessen in England studiert hätte? Beim Interviewtermin zuckt Aramayo, zugeschaltet per Zoom, mit den Schultern. »Solche Szenarien habe ich gedanklich schon ganz oft durchgespielt, und mit der Frage ›Was wäre wenn?‹ kann man ja sein ganzes Leben zubringen. Nur: Antworten gibt’s darauf eben nie.« Er fährt fort: »Aber ich bin enorm dankbar dafür, dass ich die Chance hatte, in den USA zu studieren. Allein der Kulturschock, den ich erlebte, als ich von Hull nach New York City zog, hat mich im Erwachsenwerden enorm geprägt. Und die kreative Gemeinschaft, die ich an der Schule erlebt habe, war auf einzigartige Weise inspirierend.«

Eine Konsequenz des Studiums in den USA, wo Aramayo bis heute lebt, ist in jedem Fall, dass die ersten Gehversuche nach dem Abschluss vor allem in US-Produktionen erfolgen. Eine kleine Rolle in Tom Fords »Nocturnal Animals« gehört zu seinen ersten Auftritten, es folgen der Südstaaten-Thriller »Galveston« (inszeniert von Mélanie Laurent), der Horrorfilm »The Standoff at Sparrow Creek«, der in Toronto Weltpremiere feiert, oder auch eine Episode von David Finchers Serie »Mindhunter«. Was nicht heißt, dass er nicht auch in Europa vor der Kamera steht: In vier Episoden von »Game of Thrones« ist er in Rückblenden als junger Ned Stark (sonst von Sean Bean gespielt) mit von der Partie.

Es ist dann ein anderes riesiges Fantasy-Franchise, das den großen Durchbruch bringt. Als Amazon kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie mit »Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht« die dem Vernehmen nach teuerste Serie aller Zeiten auf die Beine stellt, wird der bekennende Tolkien-Fan als Halbelb Elrond besetzt. Als wahr gewordenen Traum beschreibt Aramayo die Rolle: »In dem Moment, in dem ich die Zusage bekam, fühlte ich mich, als stünde mein ganzer Körper unter Strom!« Inzwischen ist die dritte Staffel (von fünf) der Großproduktion abgedreht, ein Start wird für die zweite Jahreshälfte 2026 angepeilt.

Davon, dass sich der Schauspieler Projekte wie Will Seefrieds eingangs erwähntes Regiedebüt »Lilies Not for Me« oder »Palästina 36« von Annemarie ­Jacir, in dem er als brutaler britischer Offizier eine Nebenrolle spielt, nun vor allem deswegen aussucht, um nicht auf aufwendige Fantasy-Epen festgelegt zu sein, kann unterdessen keine Rede sein. »Es gibt nichts, was Elrond oder nun John Davidson in »Verflucht normal« gemeinsam haben, und ich sehe auch sonst keinen roten Faden zwischen den Rollen, die ich annehme«, betont er im Gespräch. »Strategische Überlegungen oder irgendwelches Kalkül in der Arbeit ist mir eher fremd; ich versuche einfach, Drehbücher zu finden, auf die ich inhaltlich anspringe und die mich schauspielerisch reizen. Und je älter ich werde, desto ausgeprägter wird mein Instinkt, welche Projekte es wirklich wert sind, all mein Herzblut in sie zu stecken.«

Im Fall von »Verflucht normal«, Aramayos erster großer Kinohauptrolle, war es neben dem Drehbuch vor allem Regisseur Kirk Jones, der sein Inte­resse weckte (und der auf seine Idealbesetzung wiederum in der Netflix-Serie »Sie weiß von dir« aufmerksam wurde): »Sein Debütfilm »Lang lebe Ned Devine!« war ein cooler kleiner Film, den ich bis heute liebe!« Welche Herausforderung in diesem Fall die Rolle selbst bedeutete, erschloss sich unterdessen erst bei näherer Beschäftigung mit dem Stoff und vor allem dem ihm bis dato unbekannten Mann, den der Schauspieler nun in fiktionalisierter Version auf die Leinwand bringt.    

»Das Verständnis für die große Verantwortung, die mit dieser Rolle einhergeht, stellte sich ein, als ich zur Vorbereitung auf das Projekt den echten John ­Davidson kennenlernte«, erklärt Aramayo mit Blick auf den von ihm verkörperten Schotten, der vom Kleinstadtproblemkind mit heftigen Tics zum von der Queen ausgezeichneten Tourette-Aktivisten wurde. »John ist nicht nur ein faszinierender Mann, sondern er war auch eng eingebunden in die Entstehung unseres Films. Dank ihm habe ich wirklich begriffen, wie komplex und vielfältig diese Nervenerkrankung ist. Da kann man kaum zwei Betroffene über einen Kamm scheren.« Und er fügt hinzu: »John sagt immer, dass man versuchen solle, die Tics zu ignorieren, aber nicht die Person dahinter. Denn das ist das Entscheidende bei Tourette, was unser Film auch zu vermitteln versucht: Für die Betroffenen ist es das Wichtigste, dass wir als gesellschaftliches Umfeld mehr darüber lernen und entsprechend verantwortungsbewusst damit umgehen können.«

Dass »Verflucht normal« diese Botschaft nun nicht didaktisch, sondern in Gestalt einer typisch britischen Tragikomödie mit Feelgood-Einschlag vermittelt, machte den Film in Großbritannien bereits zum Überraschungserfolg. Und weil Aramayo seine Figur mit spürbarer Authentizität, Herzblut und funkelnder Lebensfreude auf die Leinwand bringt, durfte er in diesem Jahr nicht nur den BAFTA als Rising Star entgegennehmen, sondern wurde sogar – trotz starker Konkurrenz durch Leonardo DiCaprio, Timothée Chalamet oder den späteren Oscargewinner Michael B. Jordan – als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. 

»Ich war noch nie in meinem Leben so geschockt wie in diesem Moment«, lacht Aramayo, »und ich weiß kaum noch etwas von diesem Abend, so verschwommen sind meine Erinnerungen.« Noch am Abend vorher hatte er am Royal Court Theatre auf der Bühne gestanden, für die Dernière von »Guess How Much I Love You?«, seinem ersten Londoner Theaterengagement. 

Den Eindruck, er sei ein Worka­holic, dem nichts über die Arbeit geht, will er aber nicht hinterlassen. »Ich liebe die Schauspielerei und meinen Job«, sagt er zur Verabschiedung. »Aber das eigentliche Leben zu leben, ist noch viel wichtiger.«

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