Netflix: »Cover-Up«

Das Telefon hat er oft in der Hand: auf dem Filmplakat, dem Cover einer Biografie oder im Film, in den Gesprächen mit der Dokumentaristin Laura Poitras. Der Mann ist der amerikanische Investigativjournalist Seymour M. Hersh. Hersh ist Jahrgang 1937 und die Bilder deuten an, dass seine große Zeit in der Vergangenheit liegt – bevor Schreibmaschinen durch Notebooks und Festnetztelefone durch Smartphones ersetzt wurden. Hershs Verdienste sind unbestritten. Wiederholt hat er die Verbrechen amerikanischer (Militär-)Politik aufgedeckt, vom Einsatz biologischer und chemischer Kampfstoffe und dem My-Lai-Massaker während des Vietnamkrieges 1969 bis zu dem Foltergefängnis im irakischen Abu Ghraib 2001. Allerdings verbindet die deutsche Öffentlichkeit diese Enthüllungen, zwischen denen mehr als dreißig Jahre liegen, nicht unbedingt mit seinem Namen. Der Pulitzerpreisträger Seymour Hersh wurde in Deutschland zwar 2010 mit einem Preis ausgezeichnet, aber die wenigsten seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt.

Ein Dokumentarfilm über ihn bedeutet hierzulande also auch ein Stück Informationsarbeit, die Würdigung eines Lebenswerks und die Erinnerung an Vergangenes, das seinen Widerschein in der Gegenwart findet. Diesen Film hat Laura Poitras jetzt gemeinsam mit Mark Obenhaus gedreht, und er fügt sich in ihr Gesamtwerk. Poitras hat zuletzt die Fotografin und Aktivistin Nan Goldin porträtiert und zuvor bereits die Whistleblower Julian Assange (»Risk«, 2016) und Edward Snowdon (»Citizenfour«, 2014). »Cover-Up« arbeitet sich weitgehend chronologisch durch Hershs Scoops vor, in Gesprächen, anhand von Hershs Notizen, mit dokumentarischem Bildmaterial.

Deutlich wird auch, wie in den USA die Presse funktioniert: Immer wieder stieß Hersh an Grenzen. Dass in den USA weniger Zensur als die Selbstzensur der Medien ein Problem ist, belegt Hersh an verschiedensten Beispielen seiner Arbeit, die ihn vom Polizeireporter in Chicago über die Agentur Associated Press zur »New York Times« und zum »New York Magazine« führte. Heute ist er vor allem für das 2017 gegründete Onlineportal Substack tätig. Die »NYT« war nicht die einzige Arbeitgeberin, bei der er kündigte, nachdem sie bestimmte Enthüllungen, in dem Fall über die Macht der Konzerne, nicht veröffentlichen wollte. Nicht nur die Selbstzensur findet ihre Parallelen in der Gegenwart, auch die Interventionen zum Sturz unliebsamer Regierungen in anderen Ländern.

Hershs besondere Fähigkeit ist seine Hartnäckigkeit, die ihm beim Aufspüren von Quellen und Informanten zugutekommt. Die Beweggründe seiner Informanten, an die Öffentlichkeit zu gehen, scheinen ihm dabei egal. Dass er in den letzten Jahren auch mehrfach Falscheinschätzungen geliefert hat, weil er sich nur auf eine einzige Quelle stützte und sich in die Nähe von Verschwörungstheorien begab (zumal bei seiner Behauptung, die Nordstream-Pipeline sei von einem US-Kommando auf Geheiß von Präsident Biden gesprengt worden), reißt der Film an. Enttäuschend ist, dass Poitras nicht schärfer nachfragt, als er ausweichend antwortet, sich dünnhäutig zeigt und die Arbeit am Film abzubrechen droht. Trotz dieses angesichts der aktuellen Implikationen im Fall Nordstream unbefriedigenden Endes ein wichtiger und empfehlenswerter Film.

 

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