Was in der Nachbarschaft passiert
Die letzten anderthalb Wochen standen für mich im Zeichen eines Filmfestivals in Athen, das bereits seinen 38. Jahrgang bestritt: das „Panorama of European Cinema“. Es ist eines von insgesamt vier bedeutenden Festivals, die sich in diesem Monat auf die Kinematographien unseres Kontinents konzentrieren. Die anderen finden im nordfranzösischen Arras, im apulischen Lecce und in Sevilla statt.
Die Frage, weshalb sich das paneuropäische Interesse im November derart bündelt, beschäftigte mich schon im Vorfeld. Immerhin fällt in diesen Monat auch der „Europeran Art Cinema Day“. Und bis 2024 wurde der „Month of European Film“ begangen, der meist großzügig in den Dezember hinüberschwappte. Daraus ist nun die „European Award Season“ geworden, die zumal in Berlin mit massiver Starbesetzung eröffnet wird: Jafar Panahi, Mads Mikkelsen, Mascha Schilinski, Joachim Trier und andere stellen ab kommendem Freitag ihre Filme vor, die für den Europäischen Filmpreis nominiert sind. Eben dieser Preis, meinte ein befreundeter Regisseur, sei bestimmt der Grund für die Festivaldichte. Daran kann es nicht nur liegen, denn als das Panorama in Athen ins Leben gerufen wurde, gab es die Filmakademie noch gar nicht - sie wurde erst 1989 gegründet. Ich vermute eher, der November ist eine gute Zeit, Bilanz zu ziehen: Die großen A-Festivals sind vorüber, nun kann man sortieren, was dort und anderswo zu entdecken war. Wachsen die Kinematographien jetzt enger zusammen? Gelingt den Festivals also etwas, das politisch mehr denn je fragiler wird?
Zugleich geht es natürlich um Sichtbarkeit. Denn bei der Wahrnehmung hapert es durchaus. An den beiden Kollegen, mit denen ich in der Fipresci-Jury in Athen saß, ist beispielsweise der „European Art Cinema Day“ bisher weitgehend vorbeigerauscht – obwohl er in ihren Heimatstädten Genua und Thessaloniki sehr wohl begangen wird. Allerdings kannten sich Andrea Bosco und Philip Chatzikos in den aktuellen Strömungen des Kinos weit besser aus als ich: Die „Weird Wave“ aus Griechenland etwa war bislang für mich keine Hausnummer. Im Programm in Athen spielte sie, obgleich wohl höchst exportfähig, indes keine Rolle. Die Vorstellung vom Panorama trifft es vielmehr ganz gut. Der Wettbewerb scheint aber ohne jegliches Proporzdenken konzipiert. Von den zwölf Titeln stammten fünf aus Griechenland bzw. Zypern; am zweitstärksten war die Tschechische Republik vertreten. Die klassischen Kinematographien wie Italien und Frankreich fehlten (letztere war lediglich als Co-Produzent vertreten), für Deutschland ging „Sehnsucht in Sangerhausen“ (unter dem charmanten Titel „Phantoms of July“) ins Rennen, an dem die hiesigen Feuilletons ja gerade ihre helle Freude haben.
Festivalleiter Ninos Mikelides und sein eingeschworenes, immens gastfreundliches Team schürten mithin vor allem die Schaulust auf Beiträge aus Ländern, die ein wenig am Rande der üblichen Festivalwahrnehmung liegen. Auf einen Stand der Dinge im europäischen Kino muss man den Wettbewerb nicht hochrechnen (wobei ich in Athen häufig nach Wim Wenders gefragt wurde), sondern darf ihn eher als eine Aufforderung zur Neugier begreifen, was momentan in der Nachbarschaft passiert. Der großartig intensive Eröffnungsfilm „Sorda“, dem man bei seinem hiesigen Start mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte, stand leider nicht zur Wahl. Unsere Kritikerjury fand schnell einen Favoriten, dem in der zweiten Hälfte des Festivals jedoch starke Konkurrenz zuwuchs. Streitkultur entwickelten wir nicht. Dafür beeindruckte uns der tschechische Beitrag „Sbormistr“ (Broken Voices) einfach zu sehr. Ondrej Provaznik erzählt, dezent eingebettet in die historischen Umbrüche seines Landes (der Film spielt während der Präsidentschaft Vaclav Havels) und beruhend auf wahren Ereignissen, von einem Mädchenchor und dessen mulmig charismatischem Leiter. Im Zentrum des Ensemblefilms stehen zwei ungleiche Schwestern, die in einen Strudel von Rivalität und Grooming geraten. Unsere Preisbegründung lautet so: „This should be the story of youthful dreams fulfilled, but from the beginning we sense an atmosphere of harm. In this film, the beauty of art is created in an environment of competition and manipulation. Compellingly told from the perspective of innocence to be lost, the result is a polyphony of Broken Voices.“ Die junge Hauptdarstellerin Katerina Falbrová erhielt in Karlovy Vary zu Recht eine besondere Erwähnung, der Film selbst wurde mit dem „Europa Cinemas Label“ ausgezeichnet, dem Preis der europäischen Kinobesitzer. Er lässt hoffen, dass dieser außerordentliche Film auch in unsere Kinos gelangen könnte.
Das Gleiche wünsche ich auch den Preisträgern, die die fabelhafte Internationale Jury (Jeanine Meerapfel, Giorgios Arvinitis, Nick Broomfield) auswählte. Während wir Kritiker nur einen Preis vergeben durften – die Fipresci hat die besondere Erwähnung abgeschafft -, konnte die Hauptjury ihr Votum breiter streuen. Der Hauptpreis für die schweizerisch-belgisch-französische Co-Produktion „Á bras-le-corps“ (Silent Rebellion) war eine hervorragende Wahl. Das Regiedebüt von Marie-Elsa Sgualdo ist im pietistisch-xenophoben Milieu des schweizerischen Kleinbürgertums an der Grenze zu Nazi-Deutschland angesiedelt. Wie „Broken Voices“ ist auch dies ein Kabinettstück vielschichtiger Einfühlsamkeit, das sich nicht im Aufzeigen von Aktualitätsbezügen erschöpft.. Eine junge Magd, die mit einem Tugendpreis ausgezeichnet werden soll (man ahnt schon, wie perfide eng diese Gesellschaft ist!), wird ungewollt schwanger. Ein ebenso junger eidgenössische Soldat, willigt ein, sie zu heiraten. Sie erträgt es nicht, dass er jüdische Geflüchtete wieder zurück nach Deutschland überstellen muss. Überhaupt erträgt sie die Engherzigkeit dieser kleinen Welt nicht und flieht zu ihrer Mutter, die eine Ausgestoßene der Gemeinschaft ist. Um sich und ihr Kind durchzubringen, verdingt sie sich in einer Waffenfabrik – einer von vielen ungekannten Aspekten, die man nie zuvor in einem Weltkriegsfilm gesehen hat. Ihre stille Rebellion mündet in eine tatkräftige (eben: à bras-le-corps) Selbstermächtigung; nie käme man auf die Idee, dies sei eine handelsübliche Opfergeschichte. Der Preis für den besten griechischen Film ging an „Winter Sea“ von Nikos Kornilios, der auch den Publikumspreis erhielt. Auf ihn gehe ich in einem späteren Eintrag ein. Julian Radlmaiers „Sehnsucht in Sangerhausen“ bezauberte die Hauptjury ebenfalls. Die Dramaturgie des Wettbewerbs zahlte sich bei der Preisverleihung aus: Das waren genau die Filme, die ich mit der Konkurrenz in der zweiten Hälfte meinte.





Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns