Interview: Ron Howard über »Hillbilly Elegy«

Ron Howard am Set von »Hillbilly Elegy« (2020). © Netflix

Ron Howard am Set von »Hillbilly Elegy« (2020). © Netflix

Das Buch von JD Vance über seine Herkunft aus sozial schwachen Verhältnissen im von Bergbau und Schwerindustrie geprägten Rustbelt der Vereinigten Staaten wurde 2016 ein Bestseller und wurde von vielen Lesern als Erklärung für den Aufstieg Donald Trumps und seinem Erfolg bei diesen Wählerschichten verstanden. Nun haben Sie Vances Memoiren adaptiert. Was kann uns Ihre Spielfilmadaption 2020 über Amerika erzählen?

Mein Film fokussiert sich ganz konkret auf JDs Familiendrama und weniger auf die soziologische und gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, die auch Teil seines Buches sind. Und ja, der Film erzählt von Menschen, die sonst kaum in Spielfilmen und Serien vorkommen. In der Hinsicht gibt er Einblick in eine Welt, die vielen wenig bekannt ist. Und er handelt von all den Herausforderungen, mit denen Vances Familie konfrontiert ist, von denen einige durch die sozialen Umstände bedingt sind, andere sind dagegen sehr persönlich und individuell. Wenn unser Film Verständnis für die Sorgen und Nöte dieser Menschen vermitteln kann und das Publikum mit ihnen mitfühlt, haben wir viel erreicht.

Was war bei der Adaption die größte Herausforderung?

Ich habe eng mit Vanessa Taylor zusammengearbeitet, die das Drehbuch schrieb und die wichtigste Frage war sicher, wie man ein Buch in eine dramatische Spielfilmhandlung überträgt, das selbst keine geradlinige Erzählstruktur hat, dafür aber viele Einzelereignisse, die ich interessant und bewegend fand. Und diese Momente verbanden wir zur Geschichte einer Familie, die erhellend und empathisch und zugleich fesselnde Unterhaltung ist. Mir war wichtig, die Familie so darzustellen, wie ich sie wahrnahm in all ihren Widersprüchen und Ambivalenzen. Hier geht es nicht um die Guten gegen die Bösen, höchsten gute und schlechte Entscheidungen. Und dass es immer die Möglichkeit gibt, das Leben eines anderen Menschen positiv zu beeinflussen, trotz aller Fehler, die man bis dahin gemacht hat.

Im Laufe von Trumps Regierungszeit und noch einmal verstärkt während der Präsidentschaftswahl war immer wieder von der gespaltenen Gesellschaft in den USA die Rede, dem ländlichen, konservativen Amerika und dem linksliberalen Teil an den Küsten. 

Viel davon hat mit Angst zu tun, Angst vor Veränderung. Es macht die Menschen verschlossen und defensiv, was zu Abgrenzung und Spaltung führt. Und in unserem Film sind die Menschen sehr konkreten ökonomischen Schwierigkeiten in ihrer Region ausgesetzt, die bei vielen in einen Teufelskreis aus Missbrauch und Abhängigkeit geführt haben. Und in anderen Teilen der Welt haben Menschen andere Probleme, niemand lebt völlig sorgenfrei. Und jede Bevölkerungsgruppe hat ihre eigenen Herausforderungen, die sich oft über Generationen fortsetzen. Wir sind von unserer Herkunft geprägt, ob wir wollen oder nicht und auch wenn wir uns in unserem Leben entscheiden, es anders zu machen als unsere Eltern und Großeltern. Man muss diese Muster erkennen, um ihnen entwachsen zu können. Was mich an JD Vance fasziniert, ist wie er sich persönlich weiterentwickelt, dem Teufelskreis entkommt, ohne sich von seiner Familie und seiner Herkunft loszusagen. Er bleibt ein liebevoller Teil dieser Familie und davor habe ich großen Respekt. Und ich hoffe, dass unser Film einen Beitrag dazu leisten kann, die Gemeinsamkeiten statt der Differenzen zu betonen, was uns als Menschen eint, ob in den USA oder anderswo. 

Welchen persönlichen Bezug hatten Sie zu JD Vances Familiengeschichte?

Ich erkannte im Vergleich zu meiner Herkunft vor allem Parallelen kultureller Art: Verhaltensweisen, Ansichten, sprachliche Formulierungen und Ausdrücke. Auch ich nannte meine Urgroßmutter »Mamaw« und dachte, das wäre ihr persönlicher Kosename, ohne zu wissen, dass es im ländlichen Amerika der übliche Name für Oma war. Beim Lesen des Buchs wurde mir klar, dass wir diesen Teil der Bevölkerung fast nie zu sehen bekommen und wie wichtig es ist, ihre Geschichten zu erzählen, als Brücke zwischen unseren sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Inwieweit waren JD Vance und seine Familie involviert?

JD war Berater und Ausführender Produzent, aber er hatte eine Kontrolle über inhaltliche Entscheidungen, darauf hatten wir uns vorab geeinigt. Aber er hat uns sehr unterstützt. Der ganzen Familie war am wichtigsten, dass wir Mamaw gerecht werden. Da die Großmutter nicht mehr am Leben ist, war Glenn Close zur Vorbereitung der Rolle auf die Hinweise der anderen Familienmitglieder angewiesen, auf Fotos und Homevideos, und all das war sehr, sehr hilfreich. Erinnerungen an Gespräche, ihre Art zu sprechen und sich zu bewegen. Und sie waren völlig baff, als sie eines Tages ans Set kamen und Glenn Close als »Mamaw« sahen. Ein unvergesslicher, sehr bewegender Moment. 

Amy Adams als drogenabhängige Mutter Bev und auch Glenn Close sollen ihre erste Wahl gewesen sein. Warum?

Mit Glenn hatte ich bereits bei »The Paper« gearbeitet und ich wusste, dass sie eine furchtlose und vielseitige Charakterdarstellerin ist. Beide zeichnen Mut und Wahrhaftigkeit aus und das war für diese Rollen Grundvoraussetzung. Die Frauenfiguren tragen den Film, wie auch die Frauen in JDs immer die Stütze in seinem Leben waren und ihn geformt haben, seine Oma, seine Freundin, seine Schwester. Er sagt es sehr offen: er hat sich nicht selbst gerettet, er wurde von den Frauen in seinem Leben gerettet.

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