Frank Arnold im Interview mit Asia Argento

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Asia Argento in »Dracula«

Die Regisseurin und Schauspielerin Asia Argento über das komplizierte Verhältnis von Eltern und Kindern in ihrem neuen Film »Missverstanden«

Die Protagonistin Ihres neuen Films »Missverstanden« trägt den Vornamen Asia, deshalb werden vermutlich viele Zuschauer annehmen, dies sei eine vollkommen autobiographische Geschichte…

Im ursprünglichen Drehbuch hieß sie Asia, dann änderte sich ihr Name für eine Zeitlang. Ein Freund schlug vor, sie Aria zu nennen, das ist der Name, der in meinem Pass steht. Ich wollte, dass die Menschen, die an dem Film mitarbeiteten, die Wahrheit kannten. Als der Film dann herauskam, wurde ich mit meinen schlimmsten Ängsten konfrontiert, der Reaktion meiner Eltern. Natürlich ist es meine Perspektive, die Perspektive eines Kindes – und natürlich sehe ich meine Kindheit heute anders. All die Gefühle, alles, was im Film als eine große Ungerechtigkeit erscheint, kommt mir heute eher wie kleine Ungerechtigkeiten vor. Als der Film in Cannes seine Premiere hatte, war die erste Frage genau die, die Sie gerade gestellt haben. Ich bereitete mich darauf vor, indem ich diese Idee vollständig zurückwies. Inzwischen habe ich mehr Abstand zu dem Film, zu dem, was er erzählt, zu den Menschen, mit denen ich beim Dreh zusammen war, dem Autor, dem Kameramann (der mich schon im Kindesalter kannte), den Kinderdarstellern, die mich während des Drehs immerzu fragten: „Ist das wahr? Ist das genau so geschehen?“, was ich immer mit „Ja“ beantwortete. Es ist meine Geschichte, aber zugleich war es nicht eine selbstbezogene Motivation, denn sonst hätte ich einen Dokumentarfilm gemacht oder aber ein Buch geschrieben.

Was war dann die Motivation?

Dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, dass ich nie vergessen habe; gerade weil ich selber Kinder habe und weil ich Kinder unterrichte und überhaupt von vielen Kindern umgeben bin, wollte ich die Unschuld bewahren, den magischen Moment, der die Kindheit ausmacht. Mit diesem Film wollte ich das innere Kind der Zuschauer erreichen. Wie meine Protagonistin am Ende sagt: "Ich will mich nicht als Opfer präsentieren, aber ich möchte, dass ihr ein wenig netter seid."

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen den Film gesehen haben und sich danach mit ihren eigenen Eltern auseinander gesetzt haben?

Ich denke, sie können sich mit den Figuren im Film identifizieren, speziell mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit – aber um das in seiner ganzen Komplexität begreifen zu können, muss man wohl schon erwachsen sein.

Konnten Sie eine andere Perspektive auf diese Zeit erst entwickeln, als Sie selbst Kinder bekommen hatten?

Ja, anderenfalls hätte ich diesen Kreis gar nicht durchbrechen können, dass man das wiederholt, was die eigenen Eltern einem angetan haben.

Ihre Eltern, der Filmregisseur Dario Argento und die Schauspielerin Daria Nicolodi, sind seit vielen Jahren im Filmgeschäft tätig. Konnten die beiden den Film auch auf einer filmischen Ebene wahrnehmen, oder sahen sie immer nur das Persönliche?

Mein Vater hat den Film nicht gesehen und meine Mutter sagte, ich hätte nur einen Aspekt, den negativen, gezeigt. Ich verstehe, dass es ihnen schwerfällt, ihre eigenen Fehler zuzugeben, aber ich verurteile sie in dem Film nicht, ich mache sie zu komischen Figuren. Damals habe ich es nicht als komisch empfunden, heute kann ich darüber lachen.

Sie selber haben aber mit Ihrem Vater noch vor zwei Jahren zusammen gearbeitet, als Sie die weibliche Hauptrolle in seinem Film »Dracula« spielten…

Über meinen Vater möchte ich nicht sprechen!

Ein anderer Regisseur, der für Sie wichtig war, ist Abel Ferrara, der auch lange Zeit als unberechenbar galt. Als ich mit ihm vor zwei Monaten sprach, machte er den Eindruck, er hätte seine eigenen Dämonen jetzt im Griff…

Sie sehen, es gibt Hoffnung, den Teufelskreis zu durchbrechen. Gerade bei jemandem wie Abel hätte man ja nicht angenommen, dass er in seinem Alter sein Leben um 180 Grad herumwerfen kann. Er hat mir – mehr als mein Vater oder jeder andere Regisseur – beigebracht, wie man am Set eine bestimmte Atmosphäre schaffen kann, er wurde mein Mentor, ich komme aus der Abel Ferrara-Filmschule.

Dies ist Ihre dritte Regiearbeit, Sie arbeiten als Schauspielerin, machen Musik und haben einen Roman veröffentlicht. Wenn Sie eine Idee haben, wissen Sie dann sofort, in welchem Medium Sie sie umsetzen wollen?

Den Roman schrieb ich, als ich mein Regiedebüt vorbereitete, damals war ich 22 Jahre alt, beide Werke spiegeln einander, sie sind wie Zwillinge, es gibt Geschichten im Buch, die sich mit dem Film verknüpfen. Ich schrieb zuerst den Roman und hatte einen anderen Film im Kopf, aber für den war ich doch noch nicht reif, es handelte sich um einen Kriegsfilm. Das tauchte eines Nachts in meinem Traum auf, dann setzte ich mich an den Computer und schrieb noch in derselben Nacht das Treatment für den Film.

Sie haben vor einiger Zeit erklärt, Sie wollten nicht mehr als Schauspielerin tätig sein, sondern sich auf das Inszenieren konzentrieren…

Das stimmt. Und ich will Musik machen.

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