05/2024

»Risky Business« – Man soll sie nicht sehen. Aber sie sind unverzichtbar: Stuntmen. Wie der, den Ryan Gosling in »The Fall Guy« spielt +++ 

»Das Gefühl, nirgends zu Hause zu sein« – Der türkische Autorenfilmer Nuri Bilge Ceylan und sein neuer Film »Auf trockenen Gräsern« +++ 

»Immer unterwegs« – Als Rapper Käptn Peng hat er eine enthusiastische Fangemeinde. Als Schauspieler überzeugt er durch gekonntes Underplaying. Jetzt kommt die erste Regiearbeit von Robert Gwisdek ins Kino +++ 

Im Kino: Zwischen uns das Leben | Robot Dreams | Der Junge, dem die Welt gehört | Auf trockenen Gräsern | Challengers von Luca Guadagnino +++

Streaming: The Sympathizer | Ripley | Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt | Ein ganzer Kerl | Fallout +++

In diesem Heft

Tipp

Topf, Deckel ... Der Autor und Zeichner Améziane ist ebenso popverliebt wie der Mann, den er in seiner furiosen Graphic Novel porträtiert: Quentin Tarantino. Und übrigens: »Pulp Fiction« hatte vor genau 30 Jahren Premiere in Cannes.
Die langerwartete zweite Staffel von »Feud« erzählt vom Zerwürfnis zwischen Truman Capote und seiner Riege von Damen-Freundinnen.
7 Kilo Bond in der »No Time to Die« Edition. Noch in diesem Jahr soll wieder gedreht werden. Mit Aaron Taylor Johnson? Bis dahin: Nostalgie!
Fiktion und Realität: Die Miniserie »The Long Shadow« über den »Yorkshire Ripper«.
David E. Kelley adaptiert mit »A Man in Full« den umstrittenen zweiten Roman von Tom Wolfe aus dem Jahr 1998 über einen Immobilienmagnaten.
Die nun in einer Box veröffentlichten Filme von Hong Sang-soo kreisen immer wieder um den schöpferischen Prozess selbst.
Hollywoodreifer Ausbruch: Der Klassiker »Gesprengte Ketten« (The Great Escape) von John Sturges als Mediabook.
Schelmisch und finster: Alle Staffeln von Lars von Triers Serie »Geister«.
Lässige Grandezza: Michael Manns Hommage an den Rennsport und italienisches Autodesign hätte die große Leinwand verdient.
In »Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt« wirft Radu Jude einen medial zersplitterten Blick auf den Überlebenskampf Rumäniens in einer postsozialistischen Gesellschaft.
Der Funktionär: Untersuchungen zum Fall Alfred Bauer.
Westernparodie, Gesellschaftssatire und Science-Fiction-Farce: In der Game-Adaption »Fallout« geht es in der Postapokalypse weniger trist als sonst zu.
Die ambitionierte Serie »The Sympathizer« – Park Chan-wook ist Co-Creator – pendelt zwischen hysterischer Vietnamkriegsgroteske und dem Anliegen, der Perspektive der Vietnamesen selbst gerechter zu werden.
Eine große Erzählung über Gefühle, die sich nicht erzwingen lassen, bettet der Regisseur Michael Fetter Nathansky in den kräftezehrenden Alltag einer von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeiterfamilie.
Die Dokumentation »Steve!« rekapituliert nicht nur eine ungewöhnliche Karriere, sondern nähert sich dem Menschen Steve Martin auf berührende Weise.
Mit ihrem Dreiteiler »Ein Engel verschwindet« wagt sich die Autorin und Regisseurin Laetitia Masson an ein herausforderndes Thema.
Die Netflix-Serie »Ripley«, Steven Zaillians Adaption des berühmten Romans von Patricia Highsmith, hypnotisiert mit ästhetischer Bestimmtheit und seinem großartigen Hauptdarsteller.
Am 5.5. spricht Margrit Frölich im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums mit Margarethe von Trotta über ihren Film, der die Beziehung der literarischen Schwergewichte Bachmann und Max Frisch beleuchtet.

Thema

Nuri Bilge Ceylan ist der bekannteste türkische Auteur und Stammgast in Cannes. Nicht, dass er es jemals darauf abgesehen hätte. Seine langsamen, oft langen Filme spüren das Universelle im sehr konkreten Alltag seines Landes auf. Und erzählen von Männern, die ziemlich verschlossen sind.
In der Serien-Adaption »The Fall Guy« führt Ryan Gosling vor, was Stuntmen so alles können müssen. Ohne sie wäre Kino kaum denkbar. Und die Geschichte dieses im Idealfall unsichtbaren Gewerbes reicht bis zu den Anfängen zurück.
Als Rapper Käptn Peng hat er eine enthusiastische Fangemeinde. Als Schauspieler überzeugt er durch gekonntes Underplaying. Jetzt kommt die erste Regiearbeit von Robert Gwisdek ins Kino.

Meldung

Alba Rohrwacher, 45, Schauspielerin, erhielt 2009 gleich zwei David-di-Donatello-Preise, für »Tage und Wolken« und »Giovannas Vater«. Sie hat mit italienischen Auteurs von Luca Guadagnino bis Nanni Moretti gedreht. Auch für ihre Schwester Alice stand sie vor der Kamera, zuletzt in »La chimera«. In diesem Monat startet »Zwischen uns das Leben«.
Die deutsche Filmförderung soll neu aufgestellt werden. Zieldatum ist der 1. Januar 2025. Aber bei diesem Projekt ist vieles unklar. Vor allem: Was leistet die Reform für den Film als Kulturgut?
Die unter neuer Leitung sanft renovierte Diagonale in Graz überzeugte unter anderem mit einem historischen Special zu frühen migrantischen Filmen und mit einer Werkschau zu Lisl Ponger.
Morgan Neville, 1967 geboren, konnte der Produzent, Regisseur und Autor für seinen Dokumentarfilm über Background-Singer, »20 Feet from Stardom«, 2014 einen Oscar gewinnen. Auch sein »Best of Enemies« über die Debatten von Gore Vidal und William F. Buckley schaffte es 2016 auf die Shortlist.

Filmkritik

Thesenfilm im Spielfilmformat über die Frage, warum wir immer noch Fleisch essen. Bei minimaler Handlung und diversen auch gegenläufigen Meinungsäußerungen wird hier deutlich gemacht, dass man auch auf Fleisch verzichten kann.
Dog und Robo sind Freunde; eines Tags werden sie unvorhergesehen getrennt. Ihre Gedanken aneinander sind voller Zuneigung, die Wege, die das Leben für sie bereithält, sind andere. Ein grandioser Animationsfilm, der das ungeheure Potenzial dieser Kunstform nicht nur vor Augen führt, sondern auch ins Herz pflanzt.
Eine genaue und gelassene Bestandsaufnahme des polarisierenden Themas Wolf in Deutschland, die vor allem gute Einblicke in das wissenschaftliche Wolfsmanagement gibt.
Die märchenhafte Geschichte einer Frau mit der Mission, ihren verunglückten Sohn aus dem Koma zu erlösen, scheut nicht die Nähe zum Kitsch. Aber durch komische Akzente und eine charismatische Hauptdarstellerin findet der Film seine Balance.
Allzu viel mit der als Vorlage dienenden 80er Serie »Ein Colt für alle Fälle« hat der neue Film von David Leitch nicht zu tun. Aus der Idee vom Stuntman, der nebenbei einen Kriminalfall aufzuklären hat, macht er temporeiche Actionkomödie, die mit Ryan Gosling und Emily Blunt die perfekten Hauptdarsteller*innen hat. Ein bisschen mehr Lässigkeit statt kalkulierter Coolness und vor allem noch mehr Gags über die Filmbranche hätten es durchaus sein dürfen. Aber mehr Spaß als die meisten anderen alle Zielgruppen abdeckenden Mainstream-Großproduktionen der letzten Zeit macht »The Fall Guy« allemal.
Salomonowitz' frei durch unterschiedliche Zeitebenen mäanderndes Biopic zeigt eine gallige, radikal egozentrische, und dabei enorm konsequente Künstlerin, deren Körperhülle eine überwindbare Grenze darstellt. In seiner bildhaften Bitterkeit wird der Film ihr gerecht.
Die beiden jungen Filmemacherinnen Cece Mlay und Agnes Lisa Wegner verknüpfen in der Begleitung familiärer Folgen deutscher Kolonialverbrechen verschiedene Schauplätze zu einem emotional und mental bewegenden Film.
Mit einer romantischen Komödie meldet sich Meg Ryan zurück, dieses Mal nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin und Ko-Autorin. Dem ihr bestens vertrauten Genre gewinnt sie mit dieser Geschichte über ein ehemaliges Paar, dass sich Jahrzehnte später an einem Flughafen wiederbegegnet, erfreulich reife und ernsthafte Momente ab. Mit dem großen Vorbild Nora Ephron kann sie dabei allerdings leider nie mithalten.
Ist der achtjährige Peter ein fantasiebegabtes Kind oder hört er wirklich in der Nacht aus der Wand seines Zimmers zunächst ein Klopfen und dann eine Mädchenstimme? Und stimmt das, was diese ihm über seine Eltern erzählt? Als Erklärung für deren autoritäres und befremdliches Verhalten macht das jedenfalls Sinn – und hat gravierende Konsequenzen. Horrorfilm über den Schrecken der Kindheit mit einigen ansprechenden Ideen, der jedoch daran scheitert, diese konsequent umzusetzen.
Nuri Bilge Ceylans neues Werk über einen Dorflehrer, der nicht nur wegen angeblich unangemessenem Verhalten gegenüber einer Schülerin in Konflikt mit seiner Umgebung gerät, ist eine vielschichtige Erzählung über Wahrnehmung und Wahrheit, so spannend wie poetisch inszeniert.
Mit den Mitteln von Komödie und Beziehungsdrama sowie einer Dramaturgie der Eskalation erforscht der Film den Mikrokosmos Schule. Konflikte sind programmiert in den Beziehungen von Vätern, Müttern und Kindern.
Die preisgekrönte Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna (»Carte Blanche«) zieht in ihrem Dokumentarfilm eine Linie von retrospektiven Einblicken in das Leben einer kämpferischen Fotografin zu den heutigen Kämpfen junger Indigener im Amazonas-Regenwald.
Geschickt montiert und mit bisher nie gezeigtem Archivmaterial verlässt sich das Porträt erfolgreich auf Peaches' Präsenz auf der Bühne und vor der Kamera und dokumentiert ihre künstlerischen Grenzüberschreitungen damals wie heute.
Marco Carrera ergeht es wie Dr. Schiwago, dem Held seines Lieblingsromans in der Jugend: Über ihn bricht jedes Unglück der Welt hinein. Francesca Archibugi adaptiert den gleichnamigen Roman von Sandro Veronesi als eine Kaskade der Katastrophen, in welcher die illustren Darsteller sowie der große Kameramann Luca Bigazzi rätselhaft unterfordert bleiben.
30 Jahre nach seinem Überraschungshit-Debüt »Nightwatch« schaut Ole Bornedal nochmal bei den Überlebenden vorbei, und spinnt die Geschichte generationsübergreifend weiter. Angesichts der atmosphärischen Dichte im Spiel mit Licht, Schatten und Geräuschen ist die gelegentlich recht holprige Konstruktion verzeihlich.
Boy meets girl einmal ganz anders: zwei verlorene Seelen in einem riesigen Palazzo teilen sich die Welt. Komplett außerhalb des deutschen Fördersystems entstanden, ist Robert Gwisdeks Spielfilmdebüt der bislang ungewöhnlichste und schönste Film der Saison.
Zwischen Thunfisch und Trüffel werden in diesem Dokumentarfilm vier japanische Spitzenköche porträtiert, mit schönen Bildern ihrer Kreationen und Restaurants, jedoch insgesamt etwas oberflächlicher Inszenierung.
Nach seiner Trilogie über die Verschärfung der sozialen Verhältnisse (u. a. »Streik«) vollzieht Stéphane Brizé einen verblüffenden Registerwechsel. Er kehrt zum Genre des sensiblen Melodrams (»Mademoiselle Chambon«) zurück. Die Wiederbegegnung eines Liebespaars (Alba Rohrwacher, Guillaume Canet) inszeniert er als eine stimmungsvolle Archäologie verschütteter Sehnsüchte und Lebenszweifel.
Carmen Eckhardt und Gerardo Milsztein haben 20 Monate lang entschieden parteiisch den Kampf gegen den Ausbau des Kohletagebaus Garzweiler 2 begleitet. Entstanden ist ein Dokumentarfilm, der nicht »smart« sein will, sondern sich rühren lässt.
Oskar Roehlers schont in seinem wenig zimperlichen Rundumschlag gegen die deutsche Filmbranche niemanden, am wenigsten sich selbst. In den besten Momenten entlarvend komisch, nutzt sich der Fremdschäm-Effekt in seinem ausufernden Vulgär-Exorzismus bald ab.
Seit 15 Jahren sind Yasemin und Ilyas ein Paar, bis sie im Café der Familie erschossen wird. Kanwal Sethi erzählt auf zwei Zeitebenen von der Beziehung, dem Schmerz der Hinterbliebenen und den polizeilichen Ermittlungen. Ein brandaktueller Film über strukturellen Rassismus, der leider seinen Bildern nicht traut und arg formelhaft und didaktisch daherkommt.
Laure Calamy verleiht dieser Komödie über eine Ehefrau, die mit Hilfe einer Dating-App neue Lebensfreude findet, aufgekratzten Charme, kann aber nicht die unbedarfte Handlung, in der die realen Gefahren für erotisch unternehmungslustige Frauen ignoriert werden, vergessen machen.
Ein raffinierter Dokumentarfilm, der eindrucksvoll deutlich macht, wie Seenotrettung im Mittelmeer tatsächlich abläuft.
In einem Pflegeheim kommen sich Maria, eine sehr korpulente Pflegerin, und der querschnittsgelähmte Alex näher. Mit zwei fantastischen Hauptdarstellern inszeniert Claudia Rorarius so explizit wie sensibel eine Choreografie multipler Berührungen und verhandelt Fragen zu Körpernormen, Sexualität und Machtgefälle.
»Challengers« ist kein Sportfilm, sondern ein Beziehungsthriller, der den Prinzipien des Tennis folgt und von »Call Me by Your Name«-Regisseur Luca Guadagnino als Feuerwerk visueller Ideen mit so viel Drive und Raffinesse, Sinnlichkeit und feinem Gespür für mitschwingenden Subtext inszeniert ist, dass man sich nur zu gerne verführen und mitreißen lässt.
Die Grundidee, die patriarchale Märchen- und Sagenwelt mit der Figur Chantal umzuschreiben, ist charmant, verliert sich aber in einer chaotischen Abfolge von Motiven und Handlungssträngen sowie der Fokussierung auf Vulgärsprache und Kalauer-artigen Anspielungen auf moderne Jugendkulturen.

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