10/2020

In diesem Heft

Tipp

Charlie Kaufmans »I'm Thinking of Ending Things« (Netflix) beginnt als Beziehungsdrama, führt jedoch bald in ein verschneites Labyrinth der Entwirklichung
Die Gleichen und die Wilden: Die Neuverfilmung von »Brave New World« traut sich zu wenig Neues
Alles wie im wahren Leben: das Planspiel »Boys State« (Apple TV+)
Der Österreicher Herbert Vesely realisierte 1954/55 mit »Nicht mehr fliehen« den ersten abendfüllenden Experimentalfilm der Bundesrepublik. Selten gezeigt und nie auf DVD erschienen, wird er jetzt in einer restaurierten Version auf Sky am 4.10. ausgestrahlt
Ryan Murphy erfindet in »Ratched« das Wie und Warum zu einer der berühmtesten Bösewichtinnen der Filmgeschichte
Tübingen, Stuttgart, 28.10.–4.11. – Als kulturelle Brücke zwischen Deutschland, Frankreich und den frankophonen Ländern dieser Welt verstehen sich die Französischen Filmtage. Das Festival zeigt rund 90 Filme, im wesentlichen französischsprachig, und ist das größte seiner Art in Deutschland. Ein Schmankerl ist eine Neuvertonung des Stummfilmklassikers »Nosferatu«.
Leipzig, 26.10–1.11. – Das Leipziger Filmfestival stellt seit über 60 Jahren Dokumentar- und Animationsfilme in den Fokus. In diesem Jahr gibt es eine hybride Form mit Veranstaltungen in den Partnerkinos und im Stream. Neben rund 120 Filmen in Wettbewerben und Sonderreihen gibt es in diesem Jahr für das Publikum auch die Möglichkeit, selbst über Preise abzustimmen.
Osnabrück, 21.–25.10. – Das 35. Unabhängige FilmFest Osnabrück zeigt wieder unabhängig produziertes, sozial engagiertes Kino. Die für das Festival typischen Gespräche und Diskussionen werden wie das Filmprogramm zusätzlich als Stream verfügbar sein. Als Besonderheit gibt es zudem eine Kooperation mit dem European Media Art Festival, das im April aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste.
Hamburg, 20.10.–1.11. – Die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg | International Queer Film Festival sind Deutschlands ältestes und größtes queeres Filmfestival. Über 100 Kurz- und Langfilme sollen eine möglichst große Vielfalt an gesellschaftlich relevanten Themen abbilden. Auch hier gilt: online und offline.
Hof, 20.–25.10. – Neben Independent-Filmen aus aller Welt steht bei den Hofer Filmtagen vor allem der deutsche Film im Fokus. Dabei gelten die Filmtage als eine der wichtigsten Plattformen für deutsche Nachwuchstalente. In diesem Jahr als duales Modell mit Präsenzvorführungen im Kino und Filmen auf Abruf. Der Eröffnungsfilm ist »Und morgen die ganze Welt«.
Chemnitz, 10.–17.10. – Traditionell gibt es in der Woche vor den sächsischen Herbstferien das Filmfestival SCHLINGEL, das sich seit 1996 ganz auf Kinder- und Jugendfilme spezialisiert hat. Mehr als 200 Filme aus über 40 Ländern sind dabei im Programm zu sehen, mehr als 120 konkurrieren in den Wettbewerben. Begleitend gibt es eine Vielzahl an medienpädagogischen Angeboten.
Frankfurt am Main, 9.–18.10. – Die B3 Biennale des bewegten Bildes geht dieses Jahr als hybrides Format an den Start. Sowohl die zentrale Ausstellung als auch das Filmprogramm werden über digitale Tools global angeboten. Parallel dazu gibt es ausgewählte Events analog. Das Thema heißt »Truths« und hinterfragt das Präsentieren und Annehmen von Wahrheiten. Im Filmprogramm laufen u.a. der neue Film von Atom Egoyan, »Guest of Honour«, und der polnische Beitrag »Home Sweet Home«.
Berlin, 8.–14.10. – Sein 10-jähriges Jubiläum feiert das Kurdische Filmfestival Berlin. Gezeigt werden Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme von kurdischen Filmemachern sowie Filmschaffenden, die die kurdischen Gesellschaften thematisieren. In diesem Jahr gibt es erstmals auch eine Onlineplattform, bei der die Filme noch bis Ende Oktober zu sehen sind, ergänzt um exklusives Hintergrundmaterial.
Köln, 23.–26.10. – Unter neuem Namen feiert das Festival für Filmschnitt und Montagekunst (vorher Filmplus) sein 20-jähriges Jubiläum. Edimotion ehrt im Rahmen der Schnitt Preise Editor:innen von Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alle nominierten Filme werden im Kino unter Berücksichtigung der geltenden Hygienevorgaben gezeigt, die Gewinner werden bei der offiziellen Preisverleihung am letzten Tag des Festivals bekannt gegeben. In der Kategorie Spielfilm ist dieses Jahr unter anderem »Mein Ende. Dein Anfang.« nominiert.
Köln, 1.–8.10. – Als eines der ersten großen Kulturevents findet das 30. Film Festival Cologne wieder physisch statt. Die größte Medienveranstaltung Kölns zeigt in über 80 Einzelvorstellungen internationales Kino, herausragende Serien und große TV-Movies. Die Filme werden vor Ort präsentiert und diskutiert. Gezeigt werden unter anderem: »Another Round« von Thomas Vinterberg, »City Hall« von Frederick Wiseman, die Serie »Deutschland 89« und »Ema« von Pablo Larraín.
Um eine ungewollte Schwangerschaft ohne elterliche Zustimmung beenden zu können, reisen zwei Teenagermädchen aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York. Mit unaufgeregter Genauigkeit und leiser Intensität entfaltet Eliza Hittman ein Abtreibungsdrama, das zugleich Road Movie, Coming of Age-Geschichte, »Me too«-Drama und vor allem die Geschichte einer innigen Solidargemeinschaft unter Frauen ist

Thema

Unsere "steile These" des Monats Oktober
Ein Label gibt es dafür nicht. Aber in Lateinamerika entwickelt sich gerade eine der aufregendsten Kinematografien. Mit Filmen, die ästhetisch überraschend selbstsicher wirken – es sind oft Debüts
Ist es schon zu spät? Seit Jahren klären Umweltdokus über den Raubbau an der Natur auf. Jetzt kommt wieder eine kleine Welle ins Kino
Mit nur drei Spielfilmen hat ­Eliza ­Hittman sich als eine der ­wichtigsten ­amerikanischen Independent-Regisseur:innen etabliert. Ihre Spezialität: die Erfahrungen von Jugendlichen. Jetzt kommt das subtile Drama »Niemals Selten Manchmal Immer« ins Kino, das von einem Schwangerschafts­abbruch erzählt

Meldung

Das Festival von Toronto fand in diesem Jahr im Hybrid-Modus und mit reduziertem Programm statt. Das schlug sich in der Qualität nieder: Die Studios hielten ihre aussichtsreichsten Filme zurück
Nachdem das Autorenpaar Anna und Jörg Winger in »Deutschland 86« unter anderem die verzwickten Außenhandelsbeziehungen der DDR zum Hintergrund ihrer Spionage-Story nahmen, geht es im nun anlaufenden »Deutschland 89« um den Mauerfall – und vor allem um das unmittelbare Danach mit all seinem inzwischen oft vergessenen Chaos
Carmen Losmann, 42, Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin, wurde bekannt mit dem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm »Work Hard – Play Hard«. Jetzt startet »Oeconomia«, ebenfalls ein Dokumentarfilm, der auf der Berlinale Premiere feierte

Filmkritik

Patience (Isabelle Huppert), die als Dolmetscherin für das Pariser Drogendezernat arbeitet, gerät unverhofft in den Besitz einer enormen Cannabis-Lieferung. Jean-Paul Salomé inszeniert ihre Verwandlung in eine geschäftstüchtige Dealerin temperamentvoll und einfühlsam: als Komödie um Verlockung, Lebensträume und Solidarität. Hupperts Unergründlichkeit darf diesmal munteren Elan gewinnen
Sachlicher Dokumentarfilm über die Grundbedingung unseres Lebens, den Boden. Wie in allen Dokumentationen, die unsere Umwelt, das Klima oder wie hier die Lebensmittelherstellung betreffen, will dieser Film warnen und hat alles Recht dazu. Dass dabei viele notwendige Erklärungen auf der Strecke bleiben, liegt an der Form, die auf jeden Off-Kommentar verzichtet
Ein leichtfüßiges und zugleich unerwartet raffiniertes Drama über ein krebskrankes Mädchen, das sich in einen Junkie verliebt und in seiner Rebellion gegen seine überbehütenden Eltern neue Kraft schöpft
Eine Frau wird von einer Brücke ins Wasser geschubst und überlebt leicht verletzt. Von wem? Warum? Michael Fetter Nathansky erzählt einen Krimifall in drei Episoden aus drei Perspektiven. Ein kluges kleines Lehrstück unzuverlässigen Erzählens, zugleich eine Reflexion über Familie, Freundschaft und Identität
Skurrile Figuren, beobachtet wie im Live-Experiment: Miranda Julys Film »Kajillionaire« ist zu verliebt in die eigene Prämisse
Die aufwendige Adaption von Michael Endes gleichnamigem Fantasy-Klassiker unter der Regie von Dennis Gansel vermag auch bei der Fortsetzung visuell nicht wirklich zu überzeugen
Knapp 25 Jahre nach Agnieszka Holland inszeniert der Brite Marc Munden den Kinderbuchklassiker »Der geheime Garten« von Frances Hodgson Burnett als perfekt animiertes Märchen. Bei all den visuellen Effekten aber bleiben Geschichte und Magie auf der Strecke
Der Diplomfilm von Yulia Lokshina an der Münchener HFF untersucht mit einem ausgefeilten dokumentar-ästhetischen Konzept den in vielen Reportagen oberflächlich gestreiften Brennpunkt von kapitalistischer Ausbeutung und Fleischproduktion in Deutschland
Dem jungen deutsch-jüdischen Musikerpaar Günther und Rosemarie Goldschmidt gelang im Jahr 1941die Flucht in die USA. Ihr Sohn Martin Goldsmith rekonstruiert zusammen mit Regisseur Anders Østergaard ihre Jahre in Nazideutschland. Trotz des ernsten Themas ist »Winterreise« mit seinen nachgespielten Dialogen und munteren Bild- und Tonmontagen ein informativer wie unterhaltsamer Film
Mit einer ungewöhnlichen Intimität dokumentiert begleitet Filmemacher Roman Droux den Schweizer Bärenforscher David Bittner bei einem seiner dreimonatigen Aufenthalte im unberührten Alaska. Eine eindrucksvolle wie außergewöhnliche Tier-Doku nicht nur für Fans
Sofia Coppola schickt Rashida Jones und Bill Murray als skurriles, dysfunktionales Vater-Tochter-Gespann auf der Spur eines vermeintlichen Ehebrechers durch New York. Gediegen-geschmackvolle Großstadt-Komödie, deren Generationenkonflikt sich arg fluffig in Wohlgefallen auflöst
Ema
Ein rauschhaftes Werk, das sich dem Reggaeton, dem Tanz und den Flammen überlässt und zugleich – so fragmenthaft wie berührend – von der Suche nach Liebe und Gemeinschaft erzählt. In der Hauptrolle einer jungen Frau, die sich mit anarchischer Energie von sozialem Druck und Depression befreit, fasziniert Mariana di Girolamo
In seiner Chronik eines jahrzehntelang vertuschten Umweltskandals macht Todd Haynes die komplexe Verflechtung zwischen Wirtschaft, Lebenswirklichkeit und juristischer Detailargumentation erfahrbar
Ein todkranker Rentner will seinen Lebenstraum erfüllen und am ersten zivilen Weltraumflug teilnehmen. Die wenig originelle, kitschgefährdete Story wird angenehm nüchtern und ohne Showeffekte erzählt. Sehr gut: die Besetzung, allen voran der große Richard Dreyfus
Um eine ungewollte Schwangerschaft ohne elterliche Zustimmung beenden zu können, reisen zwei Teenagermädchen aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York. Mit unaufgeregter Genauigkeit und leiser Intensität entfaltet Eliza Hittman ein Abtreibungsdrama, das zugleich Road Movie, Coming of Age-Geschichte, #metoo-Drama und vor allem die Geschichte einer innigen Solidargemeinschaft unter Frauen ist
In diesem Wimmelbild rund um die in London abgehaltene »Miss World«-Wahl von 1970, bei der Feministinnen für einen Eklat sorgten, werden im Dienste der Botschaft viele biografische Details verfälscht, jedoch auf unterhaltsame Weise auch bis heute aktuelle Fragen verhandelt
Schweizer Krebsdrama, das sich rund um die Berliner Schaubühne ansiedelt, ohne dem Theaterbetrieb an sich besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Vielmehr droht es sich in einer kleinen Familiengeschichte zu verlieren
1975, ein Jahr vor Beginn der Militärdiktatur erlebt die argentinische Gesellschaft bereits das Vorspiel kommender Massaker. Der ein Jahrzehnt danach geborene Regisseur Benjamin Naishtat erschließt sich diese Epoche schwelender Bedrohung und massiver Repression nach allen Regeln des Paranoiakinos. Er liefert keine Geschichtslektion, sondern eine schillernde Parabel auf Anpassung und Straflosigkeit
Krebs, gestreut, inoperabel, unheilbar, unfassbar. Statt deprimierender Chemo setzt die sechzehnjährige Steffi erstmal auf neue Lebenserfahrungen. Die tröstliche Essenz der realen, tragischen Ereignisse haben die Autoren und Regisseur André Erkau zu einer kinoträchtigen Geschichte umgedeutet, deren Carpe Diem-Lebensphilosophie nicht nur Totgeweihte inspiriert
Fanny ist fasziniert von den Voodoo-Praktiken aus der haitianischen Heimat ihrer neuen Mitschülerin Mélissa und versucht damit ihren verflossenen Schwarm zurückzugewinnen. Bertrand Bonello entblättert in seinem sinnlichen und klugen Genremix den Zombie-Mythos von popkulturellen Aneignungen und legt dessen Schrecken und Schönheit frei: »Zombi Child«
Berührendes, gut gespieltes britisches Sozialdrama über einen Obdachlosen, dessen trostloses Leben durch einen ihm zugelaufenen Jungen eine Wende nimmt
Mit »Train to Busan« hat Yeon Sang-ho einen der eindrucksvollsten Zombie-Filme der vergangenen Jahre gedreht. Dessen nahezu blinde, aber ungeheuer geräuschempfindliche Zombies kehren zwar zurück, sind aber eher Beiwerk in diesem Sequel. Yeons post-apokalyptisches Szenario besticht zwar wieder durch die szenische Phantasie seiner Inszenierung, nur fehlt ihm die emotionale Tiefe seines Vorgängers
Die Hommage des Enfant Terrible Oskar Roehler an das Enfant Terrible Rainer Werner Fassbinder trifft mit stilisierter Ästhetik genau den richtigen Ton. Neben grellen Anekdoten zeigt sie auch eine leise, verletzliche Seite des Künstlers – der von Oliver Masucci ganz hervorragend gespielt wird
Die Flucht eines desertierten dänischstämmigen deutschen Soldaten während des Ersten Weltkriegs wird den kruden Wendungen eines allzu rasanten Drehbuchs geopfert
Kantemir Balagovs zweiter Spielfilm ist ein ästhetisches Vergnügen, das seinesgleichen sucht. Er erzählt die tragische Geschichte zweier Frontteilnehmerinnen im Leningrad der Nachkriegszeit in überwältigenden Bildern, die klassischen Gemälden gleichen. Die Schönheit der Einstellungen schiebt sich manches Mal vor die Geschichte und nimmt ihr etwas von ihrer emotionalen Wucht
In episodischer Erzählstruktur und in der wiederholten Gegenüberstellung von stark zugangsbeschränkten Finanzwelten und einer kritischen Expertenrunde, die im öffentlichen Raum eine Variante von Monopoly spielt, macht Losmann sichtbar, dass die Wirtschaft fatalerweise nur dann wächst, wenn wir uns – inklusive der Staat – verschulden
Der wegen der Alkoholsucht der Mutter am Pränatalen Alkoholsyndrom leidende Bernd Thiele macht sich mit einem ebenfalls geistig behinderten Kumpel auf die Suche nach seiner Familie. Eine intime, unterhaltsame Reise in die Vergangenheit und ein Beweis, wie gut das Kino als Inklusionsvehikel taugt
Ein facettenreicher Dokumentarfilm über die Geschichte der Jugendzentrumsbewegung Anfang der 1970er-Jahre bis heute mit reichhaltigem Anschauungsmaterial und kompetenter soziologischer Kommentierung
Herzzerreißendes Biopic über Antonia Brico, die wohl erste Dirigentin der Welt, das die Regisseurin Maria Peters mit allzu vielen Themen auflädt und doch im Kitsch endet. Vor allem dank Hauptdarstellerin Christanne de Bruijn und Benjamin Wainwright ist es immerhin hübsch anzusehen
Eine chorale Komödie von der Heimatfront: Während ihre Männer in Afghanistan Dienst leisten, entdecken einige Soldatenfrauen ihre Lust am Singen. Militärische Disziplin und Lässigkeit geraten in erbitterten Widerstreit, bis sich die ungleichen Protagonistinnen dieser herzigen Brit-Com (Kristin Scott-Thomas und Sharon Horgan) zu Ein- und Wohlklang zusammenraufen

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